Syrien: Was Krieg mit Jugendlichen macht – und wie World Vision hilft

Abdul (rechts) singt.

Bevor die Session im Jugend-Raum zu Ende geht, stimmen der 13-jährige Abdul und seine Freunde enthusiastisch ein Lied an. Es handelt davon, wie schön ihr Land ist, von seinen wunderbaren Landschaften.

“Die meisten syrischen Kinder sind mit revolutionären Liedern aufgewachsen. Wir versuchen, das hier zu ändern und bringen ihnen Lieder bei, die von den schönen Dingen in ihrer Heimat handeln”, sagt Ameena, Koordinatorin der Kinder- und Jugendräume in Zarka in Jordanien.

“Alles unterhalb seines Halses war verletzt”

WVI_8129_ABDULMehr als 100 syrische Jungen und Mädchen kommen hierher. Jeder und jede Einzelne hat etwas Verstörendes erlebt. Der nicht enden wollende Krieg in Syrien hat Angst in ihre jungen, rastlosen Köpfe gesät. Über zwei Jahre ist es hier, als Abdul, seine drei Brüder und ihre Schwester aus Syrien hierher fliehen mussten. Der Krieg war immer schlimmer geworden, es war nicht mehr sicher zu bleiben. Drei Tage saß die Familie in einem Auto, um die jordanische Grenze zu erreichen. Dann musste sie einen Tagesmarsch zu Fuß absolvieren, um schließlich in Zarka anzukommen, das östlich der jordanischen Hauptstadt Amman liegt. “Es war extrem schwer”, erinnert sich Abdul. Abduls Vater wollte Syrien nicht verlassen. Vor drei Monaten wurde er getötet. “Ein Flugzeug bombardierte den Ort, an dem sie schliefen. Er war schwer verletzt und starb sofort. Alles unterhalb seines Halses war verletzt”, sagt Abdul, der die Nachricht durch seine Großeltern erhielt. Sie waren in Syrien geblieben, weil sie sich nicht stark genug für die lange Reise hielten.

Malochen für 3,30 Euro am Tag

Als ältester Sohn der Familie fing Abdul an, im einem Restaurant zu arbeiten, um wenigstens etwas zum Einkommen seiner Familie beizutragen. “Ich musste alle möglichen lästigen Arbeiten im Restaurant verrichten – bezahlt haben sie mir 3 jordanische Dinars am Tag”, erinnert sich Abdul. Das sind umgerechnet 3,30 Euro. Fünf Monate arbeitete er in dem Restaurant, bevor sie ihn wegschickten – es gab Probleme.

Abduls Familie überlebt heute vor allem dank der Unterstützung, die sie von Hilfsorganisationen erhält. Zuhause in Syrien war Abduls Vater Betreiber einer Tankstelle gewesen. Er hatte sie von seinem Vater übernommen. Die Familie hatte ein komfortables Leben. “Wir hatten unser eigenes Haus. Es war ein wunderschönes Haus. Von uns fünf Kindern hatte jedes sein eigenes Zimmer. Meine Eltern hatten ein Zimmer, und wir hatten noch ein Gästezimmer”, erinnert sich Abdul.

Jetzt kann sich die sechsköpfige Familie nur noch ein altes, heruntergekommenes Haus leisten. “Man hat das Gefühl, dass das ganze Gebäude zusammenbricht, wenn man gegen eine Wand schlägt”.

“Ich vermisse alles zuhause in Syrien. Die ganze Umgebung. Meine Cousins und Cousinen, meine Geschwister und ich, wir spielten zusammen unter den riesigen Pinienbäumen in der Nähe unseres Hauses, und dann saß die ganze Familie zusammen und trank Tee.”
Zum Jugendraum von World Vision zu kommen, hilft Abdul dabei, dass die schrecklichen Erinnerungen, die ihn verstören, nicht mehr so viel Platz einnehmen.

Die Mütter sind oft genauso traumatisiert

WVI_8136“Viele Kinder, die hier herkommen, sind traumatisiert und verängstigt. Sie sind normalerweise sehr leise und reden nicht viel”, sagt Koordinatoren Ameena. “Immer wieder kamen Mütter zu uns und beschwerten sich, dass ihre Kinder Alpträume hätten, Kriegsalpträume. Tatsache ist, dass die meisten Mütter ihre Teenager hierherbringen, weil sie selbst eine Menge Trauma und Depression durchlebt haben. Für sie ist es extrem stressig, mit ihren Teenagern zurecht zu kommen”.

Der Jugendraum bietet die dringend benötigte psychosoziale Unterstützung für Dutzende syrischer und jordanischer Jugendliche. Die plötzliche Flut syrischer Flüchtlinge hat auch Auswirkungen auf die jordanischen Kinder, vor allem in Zarka, wo sehr viele Syrer Zuflucht gesucht haben und wo es schon vorher eine Menge palästinensischer Flüchtlinge gab.
Weil Teenager nun mal Teenager sind, kommen die jordanischen und die syrischen Kinder manchmal nicht miteinander zurecht. “Ich kann mich hier auf der Straße nicht so frei bewegen wie damals zuhause. Die Kinder hier machen sich über mich lustig oder ärgern mich”, sagt Abdul.

Auch um dieses Thema geht es im Jugendzentrum. “Um Kindern zu helfen, diese Rastlosigkeit und Gräben zwischen ihnen zu überwinden, führen wir viele Gruppenaktivitäten durch, Problemlösungs-Aktivitäten, bei denen sie zusammenarbeiten müssen, Aktivitäten, die ihr Selbstbewusstsein aufbauen”, sagt Ameena.

Versöhnung, Akzeptanz und Zusammenarbeit sollen heilen

WVI_8182_JungeDie Mitarbeiter durchlaufen mit den Jugendlichen auch einen Prozess des Vergebens und des Annehmens. “Viele Teenager sind hasserfüllt Hass, ihr Herz ist voller Groll”, sagt Ameena. Der Krieg hat mehr als 150.000 Menschen das Leben gekostet und mehr als drei Millionen Menschen zu Flüchtlingen gemacht. Er hat in Jugendlichen Schmerz, Wut und Hass erzeugt. Das ist wahrscheinlich das Wichtigste, was die Jugendlichen hier aus den World Vision Jugendzentren mitnehmen: Die Erfahrung, dass ihre seelisches Leid geheilt werden kann. Die Jugendzentren geben ihnen einen Ort, an dem sie Wut, Hass, Angst überwinden können.

World Vision und die australische Organisation AusAid betreiben das Zentrum seit Januar 2014 im islamischen Gemeindezentrum von Zarka. In diesem Halbjahr kommen mehr als 150 Jungen und Mädchen, jordanische und syrische Teenager, an drei Tagen die Woche hierher.

“Ich möchte schöne und starke Gebäude bauen”

Abdul ist in der siebten Klasse. Er möchte Architekt oder Chirurg werden, wenn er groß ist. “Ein ehrlicher Architekt”, präzisiert er. “In Syrien gibt es viele Gebäude, die einstürzen, wenn es mal heftiger regnet. Ich möchte schöne und starke Gebäude bauen, ohne jemanden zu betrügen”, sagt er lächelnd. Bis dahin würde er gerne eine neue Sportart lernen. “Ich möchte wirklich Schwimmen können”, sagt er mit einem scheuen Lächeln.

Was Abdul aber am meisten möchte, ist heimkehren. Wir hoffen, dass er, wenn es eines Tages so weit ist, weiterhin Lieder der Schönheit über sein Land singt, nicht Lieder der Gewalt.

Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien in Syrien, Libanon, Jordanien und Irak. Millionen von Menschen sind auf der Flucht. Jeder Euro wird dringend benötigt. Weitere Infos zu Syrien/Irak-Hilfsaktionen finden Sie hier.

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