Künstler für Kinderschutz: „Auf uns hört man.“ Mit World Vision auf Tournee für Kinderrechte

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Junge Rapper aus dem Senegal thematisieren gemeinsam mit World Vision und Musikerin Sister Fa die Tabu-Themen, unter denen besonders Mädchen leiden: Gewalt, Beschneidung und Zwangsheirat. Ihre Hits merken sich die jungen Leute und tragen die Botschaften damit weiter.

Text: Martina Chikhi
Fotos: Alexander Gonschior

Reges Treiben am Hafen von Dakar: Menschen steigen aus gelben Taxis, bepackt mit Koffern, Kinderwagen, Matratzen oder gewaltigen Kisten – das Gepäck für die Schiffsreise in die Casamance. Das Thermometer über dem Internationalen Schiffsterminal zeigt 32 Grad, die Sonne strahlt noch um halb sechs Uhr abends. Die in Berlin lebende Rapperin Sister Fa ist seit Stunden hier, um sicher zu stellen, dass alle Mitglieder ihrer Crew ihr Ticket bekommen. „Wir gehen auf Tournee, um für Kinderrechte zu werben“, erklärt die 32jährige einer englischen Journalistin der BBC, die am Hafen von Dakar eine Reportage macht. Sister Fa’s Manager Diob Diaw steht sich die Beine in den Bauch und überwacht höchstpersönlich, dass jedes Gepäckteil der Gruppe eingecheckt wird. Sister Fa geht währenddessen Proviant einkaufen für die Nacht auf dem Schiff.

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Am nächsten Mittag läuft das Passagierschiff in Zuiginchor ein, der Provinzhauptstadt der Region Casamance. Um von der Hauptstadt Dakar hierher zu kommen, ist der Schiffsweg ist der einfachere. Denn zwischen dem Süden und dem Norden Senegals liegt das Land Gambia und trennt diesen südlichen Teil des Landes ab: Ein Erbe aus der Kolonialzeit, als die Länder unter den Mächten mit dem Lineal aufgeteilt wurden, ohne Rücksicht auf Ethnien oder natürliche Grenzen. Senegal „gehörte“ den Franzosen, Gambia den Engländern.

In Ziguinchor wartet am Hafen ein kleiner Bus auf uns. Tontechniker Oumar und andere Helfer steigen zu. Ein zweiter Bus mit weiterem Material fährt hinterher, lädt unterwegs bei einem Schreiner die Bühne ein, auf der die Konzerte stattfinden werden. Die Strasse bis nach Bignona ist asphaltiert, danach muss der Chauffeur immer wieder den Löchern im Asphalt ausweichen. Nach Kolda gibt es nur noch eine Holperpiste, die Strasse nach Vélingara wird gerade erst gebaut. Es dauert bis Mitternacht, bis das Team das sog. „Campement“ erreicht, eine Unterkunft mit Häuschen, in denen normalerweise Jäger oder Touristen übernachten. Die Reise dauerte zwei Tage!

Am nächsten Morgen stehen alle um sechs Uhr auf. Es sind zwar nicht viele Kilometer, aber der Weg nach Linkering ist lang, weil er wieder über staubige Pisten durch Wald und Savanne führt. Nach der Ankunft beginnt das Programm, wie es von nun an jeden Tag in einem anderen Dorf abläuft: Am Morgen redet Sister Fa mit Schülern und ihren Lehrern über Kinderrechte: Das Recht auf Gesundheit und Schutz, auf eine gesunde Ernährung, auf Schule und Ausbildung, aber auch auf Sport und Unterhaltung. Es geht bei der von World Vision unterstützten Tournee darum, das Bewusstsein zu schärfen gegen Gewalt, gegen Zwangsheirat und weibliche Genitalbeschneidung. Am Mittag ist es mindestens 40 Grad heiß, das Mittagessen wird im Schatten auf Matten serviert. Die Techniker bauen danach tapfer die Bühne auf. Im Schweiße ihres Angesichts, denn in der Mitte des Schulhofes gibt es keinen Schatten.

Wenn die Hitze am späteren Nachmittag nachlässt beginnt die Show. Sister Fa wird als internationaler Star gefeiert, der auch im Ausland Erfolg hat: Ein Ereignis in diesen entlegenen Dörfern der Savanne. Auf dem Programm stehen aber auch die Künstler aus der Region, deren Hits die Kinder auswendig kennen. Sie thematisieren Zwangsheirat und weibliche Genitalbeschneidung. „Früher war das ein Tabuthema“, meint King Habib aus Kolda. Der 33 Jahre alte Rapper ist froh, dass seine Eltern auf die Schule gegangen sind und daher fortschrittlich denken. In seinem Umfeld gebe es aber Eltern, die seinen Kumpels verbieten, ein Mädchen zu heiraten, das nicht beschnitten ist. Besonders die Lage der Mädchen auf dem Land empört King Habib: „Wenn ein Mädchen in die Schule geht, kommt ihre Mutter an und sagt, ich bin müde, hilf mir und kümmere dich um deine kleinen Geschwister, damit ich aufs Feld gehen kann.“ Habib findet das „sehr gefährlich“ für sein Land: „Es gibt sehr intelligente Mädchen, die Senegal dienen könnten wenn sie in der Schule bleiben!“ Für die Künstler sind alle diese Kinder in den Schulklassen die Zukunft Senegals, künftige Anwältinnen, Ärzte, Lehrerinnen und Politiker: „Vielleicht ist unter ihnen auch ein künftiger Präsident“, lächelt Habib: „Das ist möglich.“ Deshalb engagieren sich die Künstler für die Rechte dieser Kinder.

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Sister Fa im Gespräch mit einem Mädchen das sich eine Notrufnummer für bedrohte Mädchen wünscht.

Die Musik dieser jungen Generationen ist der Rap – weltweit und auch in Senegal, wo sich der Stil ab den 1990er Jahren mit Bands wie Positive Black Soul entwickelte. Die Besonderheit des sog. „Senerap“: Die Senegalesen nutzen traditionelle afrikanische Instrumente in ihrer Musik und sie haben eine Botschaft: Sie tragen die Stimme der Jugend in die gesellschaftliche Diskussion. Bei Wahlen spielten die Rapper eine wichtige Rolle und auch bei der Gründung von politischen Protestbewegungen wie „Y en a marre“, zu deutsch: Es reicht! Die wandte sich mit diesem Slogan an den inzwischen abgewählten Präsidenten Wade: Das Volk hatte genug von Stromausfällen, von Korruption, von harten Lebensbedingungen.

In Südsenegal sprechen die Künstler auch andere Themen an, von denen die Jugend hier besonders betroffen ist: „Heiraten sollten nur Leute, die sich lieben!“ lautet die Botschaft von Commissaire Omzo, der wie King Habib aus Kolda stammt. „Viele Mädchen werden mit 12 oder 13 Jahren verheiratet, ohne um ihre Meinung gefragt zu werden“, klagt der 30jährige. Die Eltern drängen das Mädchen dazu, auch wenn es ihren Bräutigam nicht mag: „Das schafft viele Probleme in der Familie: Der Ehemann und seine Frau verstehen sich nicht, es herrscht Krieg und Hass.“ Commissaire Omzo ist selbst verheiratet und hat eine Tochter: „Der Kampf gegen Zwangsheirat ist der Kampf des ganzen senegalesischen Volkes.“

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Die einzige Frau, die neben Sister Fa auftritt, heißt Aminata Sabaly. Sie singt traditionellere Klänge im Mandingo-Stil. Die Künstlerin weiß aus eigener Erfahrung, welcher Druck auf die Frauen ausgeübt wird. Sie bekam keine Kinder – ein Drama für eine Frau in dieser Gegend. „Aus Verzweiflung ging ich in eine mystische Schwesternschaft, wo mir geholfen werden sollte.“ Trotz aller Beschwörungen wurde sie nicht schwanger, aber sie entdeckte ihre Stimme und ihr Talent: Denn sie musste mit Gesang Geld verdienen. Nun hat sie immer noch kein eigenes Kind, ist aber eine gefragte Sängerin: „Heute sind alle, die meine Musik hören, meine Kinder.“ In den Schulen der Casamance kommt Aminata Sabaly auch mit ihrer Botschaft für die Kinderrechte an.

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„Auf uns Künstler hören alle“, fügt MC Balédio hinzu, der ebenfalls an der Tournee teilnimmt: „Unsere Texte bleiben in Erinnerung!“ Wenn nötig, helfen seine Songs den Kindern, sich den Eltern gegenüber durchzusetzen: „Das Kind kann sagen: Papa, der Künstler hat doch neulich davon gesungen.“ Sobald der 28jährige MC Balédio seinen derzeitigen Hit anstimmt, singen alle aus vollem Herzen mit: „In dem Song sage ich: Verheirate mich nicht, ich will nicht. Gib mir keinen Ehemann, ich will auf die Schule gehen. Im zweiten Vers singe ich dann dass der Ehemann Geld gegeben hat aber das Kind will immer noch nicht. Der Ehemann hat ein Auto gegeben aber der Vater will die Tochter immer noch nicht hergeben. Schließlich hat man ihn aber bestechen können und das Kind wird mit 13 verheiratet. Sie wird schwanger, aber auf den Dörfern im Wald geht man nicht zu den Vorsorgeuntersuchungen. Als die Geburt naht, sucht man ein Auto aber es gibt keines. Ein Karren nimmt hat das Kind mit ins nächste Krankenhaus. Das Mädchen schreit und weint, es stirbt bei der Geburt auf dem Weg. Drei Tage später stirbt das Baby.“ Seine Geschichte sei keine Erfindung, erzählt MC Balédio. Er komme viel auf den Dörfern herum, und er könne die Augen nicht verschließen vor Zwangsheirat, frühen Schwangerschaften, Vergewaltigung und sexuellen Aggressionen! „Ich singe, damit die Leute damit aufhören.“

Diese Künstler, die auf der Tournee mit Sister Fa Stimmung machen, bezeichnen sich als NTS: ein „Neuer Typ von Senegalese“. King Habib zum Beispiel ist mit seiner Freundin seit vielen Jahren zusammen. Mit der Heirat will er warten, bis seine Freundin ihre Ausbildung abgeschlossen hat. „Wir hoffen, dass eine Tournee wie diese in zwei oder drei Jahren nicht mehr nötig ist!“ sagt er optimistisch: „Dass die Eltern bis dahin begriffen haben und unsere Schwestern und Brüder nicht mehr leiden müssen.“

 

 

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