Wyne und das Knistern der Pesos: Wie eine Spargruppe für Taifun Haiyan gerüstet war

Wyne Tupaz, 22, Mutter von zwei Töchtern, ist zählendes und zahlendes Mitglied der Spargruppe von El Pilar auf Leyte (Foto: Dorothea Hohengarten/World Vision)

Wyne liebt das Gefühl, wenn Peso-Scheine zwischen ihren Fingern knistern. "Ich hab nur einen einfachen Schulabschluss", sagt sie und grinst schüchtern, "aber das mach' ich gerne: Geld zählen." Wyne, 22, sitzt vor dem Dorfkiosk. Nebenan brausen kleine LKW über die Durchgangsstraße, die Ladeflächen voller frisch geerntetem Reis. Hinter ihr haben die anderen Frauen gerade die große Schatulle mit Geld zugeschlossen. Wenn Wyne davon erzählt, was ihr vor knapp einem Jahr widerfahren ist - und mit ihr allen anderen im Dorf - dann hört ihr Grinsen auf. Die Tränen kommen.

Der tropische Wirbelsturm Yolanda – außerhalb der Philippinen Haiyan genannt – kam am frühen Morgen des 8. Novembers 2013. Dreimal fegte er über das Nest El Pilar hinweg, das im Osten der Insel Leyte liegt, eineinhalb Autostunden südlich der Stadt Tacloban. Mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern, 9 und 6 Jahre alt, schützte sich Wyne in ihrer Hütte unter einer Plane. Als die Familie darunter hervorkroch, war nichts mehr wie zuvor. Die Decke, die Wände waren weg. Auch die anderen Hütten im Dorf, aus Bambus- und Kokosmatten zurechtgezimmert, hatte der Sturm zerborsten. Hunderte von Palmen lagen umgeknickt kreuz und quer. Verletzte irrten umher, Nachbarn suchten ihre Angehörigen.

Ein Jahr nach Haiyan sind von vielen Palmen nur noch die Stümpfe zu sehen (Foto: Dorothea Hohengarten/World Vision)

Ein Jahr nach Haiyan sind von vielen Palmen nur noch die Stümpfe zu sehen (Foto: Dorothea Hohengarten/World Vision)

“Wir blieben eine Woche lang abgeschnitten von der Außenwelt. Es gab kein Wasser, kein Essen, keinen Arzt. Meine große Tochter brauchte dringend ein Asthma-Medikament. Wir tranken den Saft der Kokosnüsse und aßen die Mangos von den Bäumen, die der Sturm herausgerissen hatte. Es regnete unaufhörlich, und wir hatten kein Dach überm Kopf”. Viele Familien in El Pilar, auch Wynes, verloren an diesem Tag ihr Lebensgrundlage. Besonders schwer traf es Kokosbauern wie sie: Sie hatten die Früchte ihrer Palmen an Kokosfabriken verkauft, die Palmfett, Öl, Kokosmilch und andere Produkte daraus herstellten. Über Nacht waren mehr als die Hälfte, teilweise sogar 80 Prozent, der Bäume nicht mehr da.

Wie soll man wieder anfangen, wenn man so viel verloren und nichts zu essen hat? “Es war die Spargruppe, die uns rettete”, sagt Wyne.

Die Spargruppe in Wynes Dorf besteht aus dreiundzwanzig Frauen und zwei Männern. Jeden Samstag treffen sie sich hier auf dem Platz vor dem Kiosk. Am Anfang wird gekichert und geschwatzt. Dann folgt eine Stunde lang jedes Wort, jede Geste strengen Regeln. Alle sitzen in einem großen Kreis. Vorne am Tisch hinter einer großen Geldschatulle haben vier Frauen Platz genommen: Die Sitzungsleiterin, die Buchführerin, die Zählerin – das ist Wyne -, die Kassenwartin. Drei Frauen mit drei verschiedenen Schlüsseln schließen gemeinsam die Geldkasse auf. Drei Geldsäcke – ein roter, ein grüner, ein orangener -, die Kontobücher und die Kassenlisten werden entnommen.

Im Mittelpunkt: Die Kasse. Drei Schlösser, drei Schlüssel, drei Frauen. Diebstahl wird so von vorneherein verhindert. (Foto: Klaus Becker/World Vision)

Im Mittelpunkt: Die Kasse. Drei Schlösser, drei Schlüssel, drei Frauen. Diebstahl wird so von vorneherein verhindert. (Foto: Klaus Becker/World Vision)

Jedes Mitglied hat eine Nummer, die aufgerufen wird. Sind alle da, beginnt das Geldeinsammeln. Jedes Mitglied gibt seine Peso-Scheine ab, Wyne zählt sie und sagt den Betrag laut in die Runde: “Nummer 6: fünf Pesos für den Sozialfonds”. Das wiederholt die Kontrolleurin, die Buchführerin notiert, und die Kassenwartin steckt das Geld in den roten Sack. Dann ist Nummer 7 dran, Nummer 8 und so fort.

Vor den Augen aller wird das Geld gezählt und in Sparsäcken verstaut (Foto: Klaus Becker/World Vision)

Vor den Augen aller wird das Geld gezählt und in Sparsäcken verstaut (Foto: Klaus Becker/World Vision)

So wird Runde um Runde in verschiedene Kassen eingezahlt. In den Sozialfonds für den Fall, dass jemand unerwartet Geld braucht – für einen Arztbesuch etwa oder eine Beerdigung. In den grünen Sack für die “Anteile”. Ein Anteil kostet 200 Pesos, umgerechnet 3,50 Euro. Hat man 5 Anteile zusammen, ist man berechtigt, zu leihen, und zwar immer das Doppelte der Anteilssumme. Im orangen Sack werden die Rückzahlungen gesammelt. Die Gruppenmitglieder bestimmen eigenständig über alle Regeln: Mit welchem Zins und bis wann ein Leihbetrag zurückbezahlt sein muss, wer Geld aus dem Sozialfonds erhalten soll. Und alle bekommen jeden Samstag transparent Einblick in die Kontobücher und Listen und sehen, wer wieviel zurücklegt. Das spornt an, das zieht mit.

Übersicht über alle Ersparnisse und Kredite: Die Spartafel der Spargruppe von El Polar (Foto: Dorothea Hohengarten/World Vision)

Übersicht über alle Ersparnisse und Kredite: Die Spartafel der Spargruppe von El Pilar (Foto: Dorothea Hohengarten/World Vision)

Es sind keine Riesensummen, die hier zusammen kommen, und sie sind vom Mund abgespart.

Wilma Felisarta, Fachfrau für Wirtschaft bei World Vision im Projektgebiet Dulag, erklärt: “Die Leute hier sind so arm, dass keine Bank Interesse an ihnen hat. Spargruppen sind für sie die einzige Möglichkeit, etwas für Notzeiten zurückzulegen und sich etwas aufzubauen”.

Wilma ist im Projektgebiet Dulag auf Leyte bei World Vision für Wirtschaftsthemen zuständig - hier fragt sie die Frauen von El Pilar nach ihren Erfahrungen (Foto: Klaus Becker/World Vision)

Wilma ist im Projektgebiet Dulag auf Leyte bei World Vision für Wirtschaftsthemen zuständig – hier fragt sie die Frauen von El Pilar nach ihren Erfahrungen (Foto: Klaus Becker/World Vision)

Crestita Avila, 50 Jahre alt, stimmt zu. “Ich habe sechs Kinder, und manchmal verdient mein Mann nicht genug fürs Essen, oder ein Kind braucht Medizin, oder wir brauchen Geld, damit die Kinder zur Schule fahren können. Dann kann ich hierhin kommen und (den finanziellen Engpass – die Autorin) überbrücken”. Griselda Lastimado, 26, ebenfalls Mutter von sechs Kindern, hat über Jahre hinweg Anteile angespart, bis sie so viele beisammen hatte, dass sie sich einen kleinen Kredit leisten konnte. Davon kaufte sie Steine, Holz, Lebensmittel, Süßigkeiten, Putzzeug – und eröffnete den Dorfkiosk, in dem jeder hier einkauft.

“Spargruppen stärken die wirtschaftliche Selbständigkeit und den Zusammenhalt der Dorfbewohner, speziell der Frauen”, sagt Wilma.

“Die Frauen bestimmen ganz anders über Geldsachen mit als vorher, sie werden planerischer und bringen zugleich viel Gemeinschaftskompetenz ein”, sagt Wilma. “Deshalb unterstützen wir die Gründung solcher Gruppen, wo immer wir können. Außerdem stärken Spargruppen die Resilienz – die Widerstandsfähigkeit gegen Katastrophen”.

Was sie damit meint, berichtet Wyne. “Es war so gut, dass wir uns nach Yolanda austauschen, gemeinsam weinen, aber auch überlegen konnten, wie wir die Probleme lösen”, erinnert sie sich. “Alleine wäre es sehr schwer gewesen”.

Sorgsam und unter den Augen vieler wird die Kasse am Ende geschlossen - und mit allen Ersparnissen von der Gruppenleiterin nach Hause mitgenommen. Öffnen kann man sie nur mit drei unterschiedlichen Schlüsseln, die auf drei Frauen verteilt sind (Foto: Dorothea Hohengarten/World Vision)

Sorgsam und unter den Augen vieler wird die Kasse am Ende geschlossen – und mit allen Ersparnissen von der Gruppenleiterin nach Hause mitgenommen. (Foto: Dorothea Hohengarten/World Vision)

Von ihren Ersparnissen konnte Wyne in den ersten Tagen in den zwei einzigen erreichbaren Läden Reis für ihre Familie kaufen – der Kilopreis war durch den Engpass von 35 auf 50 Pesos geklettert. Auch das Gesundheitssystem, das arme Familien eigentlich mit kostenloser Medizin versorgt, war zu diesem Zeitpunkt heillos überlastet. Wyne konnte trotzdem Medizin für ihre Tochter holen. In den darauffolgenden Wochen lieh sie sich Geld, kaufte Essenszutaten, kochte daraus Speisen und verkaufte sie an Dorfbewohner und Vorbeifahrende. Von dem Gewinn besorgte die Familie Holz, Nägel, ein Stück Wellblech und baute die Wohnhütte wieder auf. Heute ist aus Wynes Essensverkauf ein neues Einkommensstandbein geworden. Sie baut selbst Gemüse an, spart dadurch Kosten ein und hat ihren Kredit an die Spargruppe längst zurückbezahlt. Dass ihr Mann bald eine Arbeit findet, hofft sie sehr. Aber sie weiß, dass es schwierig wird, denn die Wirtschaft liegt auch ein Jahr nach der Katastrophe noch ziemlich am Boden. “Wir müssen neue Kokospalmen pflanzen”, sagt sie. “Es wird zehn Jahre dauern, bis sie wieder Nüsse tragen”.

Auch mit solchen Schwierigkeiten werden wir fertig, sagen die Frauen hier. Samstags, am Platz vor dem Kiosk.

 

1 Kommentar

  1. Angela, 6. Dezember 2014

    Großartiges Konzept!!!

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