Hunger vorbeugen: Was ein Kochwettbewerb bei Müttern in Indien ausrichten kann

s130025-1: Master Chefs of Melghat Cooking-up A Recipe To End Malnutrition

Kein Kind müsste auf diesem Planeten verhungern. Warum es trotzdem passiert, erzählen Claus Kleber und Angela Andersen in dem heute vom ZDF ausgestrahlten Dokumentationsfilm "HUNGER". Einer der berührendsten Momente ist die Rettung eines kleinen indischen Mädchens in letzter Sekunde. Dass es gar nicht so weit kommen muss, beweisen Mütter aus dem indischen Melghat nach einem von World Vision ausgerichteten Kochwettbewerb.

Text und Bilder: Annila Harris, World Vision Indien
Übersetzung: Anika Scholz und Iris Manner

Die Region Melghat in Indien genießt traurigen Ruhm: Besonders viele Kinder sterben hier an Mangelernährung. Die Säuglingssterblichkeit liegt bei 48 zu 1000, deutlich höher als im umliegenden Bundesstaat Maharastra. World Vision hilft nicht nur mit kurzfristigen Hilfsprojekten gegen die Mangelernährung, sondern setzt sich auch dafür ein, das Problem langfristig und direkt an seiner Wurzel zu bekämpfen.

Traditionell wird das Zubereiten der Mahlzeiten von den Frauen eines Haushalts übernommen. Ihres Aufgabe ist es, die Familie zu versorgen. Gelingt es, (neben einer Verbesserung des gesicherten Zugangs zu Nahrungsmitteln) die Essgewohnheiten eines jeden einzelnen Haushaltes zu verändern, kann nachhaltig eine gesundheitsbewusste Ernährung erzielt werden. In den Frauen schlummert also das Potential, ihre Familien aus einem Zustand der Mangelernährung heraus zu kochen!

Ein Kochwettbewerb weckt Kreativität und Ehrgeiz der Frauen

Das World Vision-Ernährungsprojekt begann außergewöhnlich: es wurde ein Kochwettbewerb ausgerufen. Alle Teilnehmer sollten ein nahrhaftes Gericht zubereiten, dabei allerdings nur lokal verfügbare Produkte verwenden.  In den Dorfgemeinschaften wurde der Wettbewerb begeistert aufgenommen.

21 Gruppen aus sieben Dörfern meldeten sich zum Wettbewerb an und begannen eifrig damit, verlockende Rezepte zusammenzutragen. Ob Pudding oder gefülltes Brot – die Region Melghat verwandelte sich in eine riesige Küche, und die einheimischen, gesundheitsbewussten Mahlzeiten, die überall ausprobiert wurden, ließen allen das Wasser im Munde zusammenlaufen!

Eine Kochgruppe wagt sich an Soja-Experimente

Inmitten der aufgeregten Vorbereitungen beschloss eine kleine Gruppe von Frauen, ein ganz besonderes Abenteuer zu wagen. Sie kamen aus den Dörfern Badnapur und Solmah, in denen es fast keine Viehzucht und deshalb kaum Milch gibt. Nichts destotrotz beschlossen die Frauen, ein Rezept für kheer (Reispudding) zum Wettbewerb einzureichen. Eine der Hauptzutaten dieses schmackhaften Gerichts ist Milch.

Also machten sich die Frauen auf die Suche nach nicht-traditionellen Milchquellen. Die Lösung des Problems wird reichlich auf den Feldern rings um ihre Dörfer angebaut: Soja.

Manisha Raju Bachhale, Mitglied einer Selbsthilfegruppe von Frauen , fängt jeden tropfen der kostbaren Sojamilch auf. Vor nicht langer Zeit war ihre Tochter Janvi noch bedrohlich unterernährt. Aber seit ihre Eltern die Essgewohnheiten umgestellt haben und Manisha gesünderes Essen zubereitet, hat das Mädchen sein Idealgewicht für seine Größe. Manisha geht zusammen mit anderen geschulten Frauen von Dorf zu Dorf, um ihr Wissen weiter zu geben und World Vision bei der zweiten Phase des Ernährungsprojekts zu unterstützen. „Wir zeigen unsere eigenen Rezepte und die Techniken, die wir gelernt haben; dabei bauen wir auch neue Beziehungen auf“, sagt Manisha.  Die Dorfchefs werden ebenfalls  einbezogen, um lokale Schwierigkeiten zu überwinden.

Manisha Raju Bachhale, Mitglied einer Selbsthilfegruppe von Frauen , fängt jeden tropfen der kostbaren Sojamilch auf. Vor nicht langer Zeit war ihre Tochter Janvi noch bedrohlich unterernährt. Aber seit ihre Eltern die Essgewohnheiten umgestellt haben und Manisha gesünderes Essen zubereitet, hat das Mädchen sein Idealgewicht für seine Größe. Manisha geht zusammen mit anderen geschulten Frauen von Dorf zu Dorf, um ihr Wissen weiter zu geben und World Vision bei der zweiten Phase des Ernährungsprojekts zu unterstützen. „Wir zeigen unsere eigenen Rezepte und die Techniken, die wir gelernt haben; dabei bauen wir auch neue Beziehungen auf“, sagt Manisha. Die Dorfchefs werden ebenfalls einbezogen, um lokale Schwierigkeiten zu überwinden.

„Wir hatten schon mal gehört, dass Sojamilch sehr proteinreich ist und zur Zubereitung von Tee verwendet werden kann. Aber es kam uns nie in den Sinn, das tatsächlich auch zu machen. Niemand machte sich die Mühe, aus Sojabohnen Milch zu gewinnen“, erinnert sich Usha Subesh Mahalai, Mitglied der ehrgeizigen Kochgruppe. „Erst als der Kochwettbewerb angekündigt wurde, kamen wir auf diese Idee. Wir wollten unbedingt gewinnen, und so probierten wir aus, den kheer mit Sojamilch zu kochen. Unsere Kinder liebten das Ergebnis!“

Keine Überredung nötig zum Probieren! Foto: Annila Harris

Keine Überredung nötig zum Probieren!
Foto: Annila Harris

Rezepte-Check durch Ernährungsberaterin

In der ersten Runde des Kochwettbewerbes wurden 15 Gruppen ausgewählt, deren Rezepte dem strengen Auge von Anita Telang, langjähriger Ernährungsberaterin am Amravati Krankenhaus, unterworfen wurden. Sie analysierte die Zutaten und gab Hinweise, wie der Nährstoffgehalt der Gerichte mit kleinen Veränderungen verbessert werden konnte.

Zum ersten Mal in ihrem Leben wurden die Frauen darin geschult, wie wichtig nahrhafte Mahlzeiten und eine gesundheitsbewusste Ernährung sind. Hochmotiviert begannen sie, die erhaltenen Gesundheitstipps in ihrem täglichen Kochen zu berücksichtigen.

„Für den kheer haben wir die Sojabohnen einfach eingeweicht und  dann verwendet. Anita hat uns beigebracht, dass die Schale gesundheitsschädigende Substanzen enthält. Sie hat uns geraten, die Schale zu entfernen und die Bohnen zu kochen, bevor wir daraus die Milch gewinnen“, hat sich Shanti Ravi Belsare genau gemerkt.

Und der Koch-Preis geht an …

13 Gruppen wurden schließlich ausgewählt; ihre Rezeptvorschläge wurden im Rahmen einer noch nie dagewesenen Ernährungsausstellung vorgeführt.

Alle 13 Rezepte wurden in einer kleinen Broschüre abgedruckt, die genau über die Zutaten und den Kaloriengehalt der einzelnen Rezepte Auskunft gab. Ob süße Gerichte wie Rajgira & Poshan Ladoo oder herzhafte Speisen wie Kaddu Ka Parantha (mit Kürbis und Kräutern gefülltes indisches Brot) – für jeden war etwas dabei.

Von überall aus der Region kamen Menschen zu der Ausstellung und erfuhren, wie Mangelernährung bekämpft werden kann. Insbesondere Mütter, Schwangere und junge Mädchen wurden durch die Initiative angesprochen. Viele Schüler, Studenten und Regierungsvertreter waren anwesend und zeigten so ihre Unterstützung für das Projekt.

Das beliebteste Gericht an diesem Tag, und damit der offizielle Gewinner des Kochwettbewerbes war der kheer aus Sojamilch!

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Ein Wettbewerb mit Wirkung: Mangelernährung geht zurück

Nun läuft die zweite Phase des World Vision-Projekts. Ziel ist es, die beim Kochwettbewerb ausgezeichneten Rezepte in der ganzen Region bekannt zu machen. Die lokalen Kochgruppen stellen sicher, dass alle Frauen wissen wie die Rezepte richtig hergestellt werden. Sie zeigen zum Beispiel in einer öffentlichen Vorführung, welche einzelnen Schritte in die Zubereitung des Rezepts einfließen, und geben die Tipps der Ernährungsberaterin weiter.

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„Die Frauen sind sehr daran interessiert, wie sie die Gesundheit ihrer Kinder verbessern können“, berichtet eine lokale World Vision-Mitarbeiterin. „Sie wenden das Gelernte zuhause an, und bereiten nahrhafte Mahlzeiten für ihre Familien zu. Einige falsche Vorstellungen zu Essengewohnheiten wurden ausgeräumt.“

An vielen mangelernährten Kindern zeigen die Rezepte des Kochwettbewerbs bereits Wirkung. Ein Beispiel ist die sechsjährige Hemlata. Das Mädchen war sehr schlecht ernährt, dünn und schwach; inzwischen hat sie Normalgewicht erreicht und hat viel mehr Energie. „Am liebsten esse ich den kher, weil er süß schmeckt“, verrät Hemlata, und steht damit nicht alleine. Bei vielen Kindern in Badnapur und Solamoh ist insbesondere der Reispudding ein durchschlagender Erfolg.

In den letzten zwei Jahren hat World Vision in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium und der Bevölkerung in Melghat noch weitere Maßnahmen ergriffen, um das Einkommen der Familien und die Gesundheit der Mütter und Kinder zu verbessern. Viele Familien haben zum Beispiel Gemüsegärten angelegt, und an öffentlichen Gebäuden informieren Plakate über gesunde Ernährung. Und die Fortschritte können sich sehen lassen: die Zahl mangelernährter Kinder hat sich halbiert und über 80 Prozent der Familien berichten von gesunkenen Kosten für medizinische Behandlungen. Interessant ist auch, dass 60 Prozent mehr Frauen als zu Beginn des Projekts an Entscheidungen über Entwicklungsfragen beteiligt werden.

World Vision setzt sich gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung weiter unermüdlich dafür ein, dass Hunger und Unternährung in Melghat endgültig der Geschichte angehört.

Mit diesem Poster klärt World Vision die Bevölkerung armer Regionen auch über wichtige Inhalte eines neuen Gesetzes auf, das die Rechte zum Erhalt subventionierter Lebensmittel definiert.

Mit diesem Poster klärt World Vision die Bevölkerung armer Regionen auch über wichtige Inhalte eines neuen Gesetzes auf, das die Rechte zum Erhalt subventionierter Lebensmittel definiert.

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