Schlechte Unterkünfte, Temperaturen unter Null: Den Flüchtlingen in Irak droht ein schlimmer Winter

s140965-8: Winter coupled with inadequate shelter, threatens thousands in Iraq

Wahdas ältester Sohn, Majdi*, 20, und seine Ehefrau Amina, 18, haben vor drei Wochen ihr erstes Kind bekommen. Das Mädchen hat noch keinen Namen. An einem Ort, an dem das Leben zerbrechlich ist und sich die Umstände ständig ändern, wartet die Familie geduldig, bevor sie sich auf einen Namen festlegt. Ob das Kind einen bekommt, hängt vom Überleben ab.

Als die Großfamilie im August aus dem Distrikt Sinjar in der Provinz Nineva hierher nach Dahuk in den kurdischen Teil des Irak floh, lief sie fünfzehn Tage lang, langsam, aber stetig. Zwei Schwangere und ein 80-jähriger Onkel waren dabei – keine Chance zu rennen.

Von 13 Menschen überlebte nur einer

“Ich verließ unser Zuhause mit nichts, nur einer Flasche Wasser und diesem Hemd hier“, sagt Majdi und nestelt am Knopf eines abgetragenen Shirts. Im Chaos der Flucht wurden mehrere seiner Familienmitglieder getötet oder gefangen genommen, darunter auch eine seiner kleineren Schwestern, die erst 12 war.

Ihre Zwillingsschwester konnte entkommen, doch andere in der Familie hatten nicht so viel Glück. Der Onkel, Barakat, ist mit seinen 80 Jahren das einzige Mitglied seiner direkten Familie, das sich in Sicherheit bringen konnte.  “Dreizehn aus meiner Familie haben sie mitgenommen”, sagt er. Er ist gebrechlich, stützt sich auf einen Gehstock. Seine Kinder und Enkel sind verschwunden, sie wurden gefangengenommen von Kämpfern.

Einziger seiner direkten Familie: Der 80-jährige Barakat, hier mit seinen Nichten (Foto: World Vision)

Aus seiner direkten Familie gelang nur ihm die Flucht: Der 80-jährige Barakat, hier mit seinen Nichten (Foto: World Vision)

Er nickt den drei Kindern zu, die bei ihm stehen – seinen Nichten Amira, 10, Ahlia, 3, und Aziza, 2. „Ihre Mutter ist bei Da’esh (Anm. d. Red.: arab. für ISIS), ihr Vater ist tot. Wir sind jetzt allein“. Manchmal geht der Riss quer durch die Familien.

Komplett auf fremde Hilfe angewiesen

Seitdem die Familie vor zwei Monaten hier ankam, lebt sie, wie viele hier, am Rande der Existenz. Die Flüchtlinge sind komplett von der Großzügigkeit anderer anhängig, auch von den lokalen Behörden, die ihnen Brot und Kleidung gestellt haben. Doch nun kommt der Winter, sie haben keine warme Kleidung. Die Plastikplane, die ihnen in der Sommerhitze Schatten lieferte, wird als Schutz nicht reichen, wenn die Temperaturen hier in den Bergen unter null Grad fallen. „Wir brauchen Öfen, eine Unterkunft, irgendetwas, das uns beschützt“, sagt Wadha.

Nachdem sie die fünfte Klasse abgeschlossen hatten, arbeiteten Majdi und sein Bruder Amer, 18, wie ihr Vater als Tagelöhner in ihrer Heimatstadt Nineva. Hier, mit so vielen Flüchtlingen an einem Ort, ist es schwer, Arbeit zu finden.  „Wir haben nichts. Keine Arbeit, kein Geld“.

Viele Familien haben ihre persönlichen Gegenstände verkauft, Schmuck und Uhren, um Essen kaufen zu können. Manche schicken ihre Kinder los, damit sie Kaugummis verkaufen oder die Windschutzscheiben von Autos putzen, die an Ampeln warten.

5,2 Millionen Menschen in Not – Krankheiten drohen

Seit einigen Wochen hat die Zahl der Menschen, die im Irak auf der Flucht sind, 1,8 Millionen überschritten. Nach Angaben der UN sind mehr als 5,2 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen – und es fehlen 360 Millionen-US-Dollar (rund 288 Millionen Euro), um für sie jetzt Winterhilfe zu leisten.

In dieser informellen Siedlung haben sich mehr als 100 Familien niedergelassen. Es gibt keine Sanitäranlagen, nicht einmal eine Latrine. Einige Kinder und Alte erleichtern sich unter offenem Himmel. Es gibt keinen Ort, an dem man sich waschen kann. Starker Regen und fehlender Abfluss sorgen dafür, dass die Gesundheitslage immer riskanter wird.

Nun werden die Tage kälter. Fachleute gehen davon aus, dass etwa die Hälfte der Flüchtlinge medizinische Hilfe brauchen wird. Vor allem Atemwegserkankungen wie Grippe, Bronchitis und Lungenentzündung könnten zunehmen. Schlechte Hygiene kann zu Hautinfektionen wie Krätze führen. Und ohne warmes Wasser drohen Unterkühlungen und Erfrierungen.

Für Familien wie die von Wahda, die sich um die Verletzlichsten kümmern müssen – um Kinder und Alte – macht Winternothilfe vielleicht den entscheidenden Unterschied: Werden sie dem kleinen Mädchen einen Namen geben können? Überlebt es?

*Zum Schutz der Betroffenen wurden sämtliche Namen in diesem Artikel geändert.

World Vision arbeitet gerade daran, die Winterversorgung für diese Großfamilie und weitere 100 Familien zu organisieren. Sie sollen mit Decken, Böden,  Zelten versorgt werden. In Abstimmung mit anderen Hilfsorganisationen geht es auch darum, den Zugang zu Wasser, sanitären Anlagen und Hygiene zu verbessern.

Bitte unterstützen Sie unsere Iraknothilfe jetzt mit einer Spende.

 

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