Das Wunder vom Berg: Babies trotzten dem Tsunami-Chaos

s141089-23: The tsunami babies: Born on a mountain top

Mohammed hat am 26. Dezember Geburtstag und gilt in seinem Dorf als das "Wunder vom Berg", denn er kam in der indonesischen Provinz Aceh auf der Flucht seiner Mutter vor der Tsunami-Welle zur Welt. Dass aus ihm ein fröhlicher Fußballfan werden konnte, ist eine der vielen positiven Wendungen der großen Katastrophe.

An der flachen Küste von Aceh hatten die Tsunami-Wellen am frühen Morgen des 26. Dezember 2004 leichtes Spiel und verschlangen auf einer Strecke von über 800 Kilometern ganze Landstriche.  Haus für Haus, Dorf für Dorf und ganze Viertel in Städten wie Meulaboh verschwanden. Viele Menschen wurden noch im Schlaf von den Wassermassen verschluckt. Andere rannten um ihr Leben, versuchten höher gelegene Gebiete zu erreichen. Nadia schaffte es gerade noch.


Im neunten Monat schwanger kämpfte sich die junge Mutter aus der Region Aceh Besar bis zu einem der dicht bewaldeten Hügel vor.  Einen Blick zurück zu werfen, zu ihrem Haus, zur Schule ihrer Kinder oder dem Fischerboot ihres Mannes, konnte sie sich in dem Augenblick nicht leisten. Und Stunden später, als und ihr Moment auf einem sicheren Platz anhalten konnten, verlangte etwas anderes ihre volle Aufmerksamkeit. Nadia spürte, dass die Geburt ihres Babys bevorstand.  Es würde auf diesem Hügel geschehen. “Ich bat eine andere Frau mir zu helfen. Sie hatte zwar keine Ahnung von Geburtshilfe, aber sie versuchte es. Als Mohammed geboren war, trennte sie die Nabelschur mit einer Machete“, erinnert sich Nadia.

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In seinem Dorf gilt Mohammed als “das Wunder vom Berg”. Außer an seinem Geburtstag vielleicht beschäftigt ihn das aber kaum – an normalen Tagen geht es bei ihm wie bei anderen Jungen auch um Schule, Freunde und Schulaufgaben. Und das ist auch gut so. Seine Mitschülerin Fihinna, die weiter unten an der Straße wohnt, ist einen Tag nach dem Tsunami geboren. Ihr Weg ins Leben begann auf einem Motorroller, denn ihre Eltern konnten im Chaos ihrer zerstörten Stadt kein funktionsfähiges Krankenhaus finden und mussten auf dem Land nach Alternativen suchen. Auch dort hatten sie erst beim 3. Krankenhaus das Glück aufgenommen zu werden und einen einsatzfähigen Arzt zu finden.  „Als es soweit war, konnte mein Mann nicht mit in den Entbindungsraum kommen, weil ein Kind auf seinem Schoß eingeschlafen war“, erzählt Fihinnas Mutter Defi. „Das Kind war ganz allein im Krankenhaus – seine Eltern waren seit dem Tsunami vermisst – und mein Mann wollte es nicht aufwecken.“

Fihinna, einen Tag nach dem Tsunami geboren, geht in diie 4. Klasse der Grundschule.

Fihinna, einen Tag nach dem Tsunami geboren, geht in diie 4. Klasse der Grundschule.

Beide Babies hatten in den ersten Monaten ihres Lebens kein festes Zuhause. Mohammed, den seine Mutter nach der Geburt auf dem Hügel in einen Vorhang gewickelt hatte, verschlief sozusagen das erste Camping seines Lebens – seine Eltern und älteren Geschwister mussten zunächst mit einem undichten Zelt in einem Notlager vor der Moschee vorlieb nehmen, wie andere Überlebende auch.  „Er schlief meistens und wachte nur auf, wenn er Hunger hatte“, erinnert sich Nadia. „Ein unkompliziertes Baby!“ Nadia und ihr Mann erinnern sich daran, dass sie Nahrungsmittelpakete und Kleidung als erste Hilfe bekamen. Als World Vision gemeinsam mit Partnern feste Behelfsunterkünfte baute, zog Mohammeds Familie dort ein. „Dort fühlte ich mich sicherer und ruhiger, und es war viel einfacher dort, die Kinder zu versorgen“, berichtet Nadia.

Der Bau fester Häuser, ebenfalls unterstützt durch World Vision, ermöglichte ihnen schließlich die Rückkehr in ihr Dorf, und Mohammeds Vater konnte dort seine Arbeit wieder aufnehmen. „Dass wir dieses Haus bekamen, war ein Segen für uns“, sagt Razali. „Ich dachte, ich würde niemals in der Lage sein, nach dem Tsunami wieder alles neu aufzubauen.“ Mohammed, der ja nie ein anderes Haus erlebt hat, bekommt manchmal einen Rüffel, wenn er mit seinem geliebten Fußball zu oft an die Wand dotzt, aber er zeigt Besuchern trotzdem gern, was er schon kann. Fihinna behält ihre kleinen Streiche lieber für sich. Beide sind Schüler der 4. Grundschulklasse. “Diese Kinder sind die Zukunft, der Beweis, dass neues Leben und Hoffnung aus den schlimmsten Situationen erwachsenen können“, sagt Angelina Theodora, die die Katastrophenhilfe bei World Vision in der Südostasien-Region leitet. “Wir sind dankbar, dass wir Familien wie diese begleiten konnten, bis sie wieder Freude am Leben gefunden haben. ”

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