Nichts läuft ohne den Chief: Aus dem Alltag eines Entwicklungshelfers

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Seit 14 Jahren ist Thomas Kalytta für World Vision als Entwicklungshelfer im Einsatz, als unser Länderreferent für Tansania und Kenia mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit. Wobei, "Helfer" trifft die Sache nicht so recht: Thomas sieht sich eher als Berater. Am internationalen Tag des Entwicklungshelfers erklärt er, was seinen Traumjob ausmacht - und was er dabei schnell lernen musste.

Wie wird man das – Entwicklungshelfer?

Bei mir war es so: Ich habe Biologie studiert und mich besonders für die Ökologie der Tropen, für den ökologischen Anbau von Nutzpflanzen und Bewässerungssysteme interessiert. Schon während des Studiums in Mainz nahm ich an Vorlesungen über das Partnerland Ruanda teil, nach dem Abschluss dann ging’s mit einer Organisation in den Kongo und ich leitete ein Projekt für ökologischen Landwirtschaft und Fischzucht – direkt nach dem Bürgerkrieg.

Vom Studium in ein ehemaliges Bürgerkriegsgebiet – wie bereitet man sich auf so etwas vor?

Wir hatten das Glück, vorher ein kleines Training an der Akademie für Internationale Zusammenarbeit in Bad Honnef zu durchlaufen, um die schlimmsten Fettnäpfchen zu vermeiden.

Wichtigste Regel in der Arbeit eines Entwicklungshelfers: Gute Beziehung zu den wichtigen Leuten im Dorf unterhalten (Foto: World Vision)

Wichtigste Regel in der Arbeit eines Entwicklungshelfers: Gute Beziehungen zu den wichtigen Leuten im Dorf unterhalten (Foto: World Vision)

Die da wären?

Wir hier in Deutschland sind oft sehr sach- und zielorientiert. Wir wollen schnell etwas erreichen und erwarten, dass alles klappt, wenn nur die sachlichen Voraussetzungen erfüllt sind. In den allermeisten Kulturen der Welt funktioniert das so nicht. Das liegt daran, weil nicht die Sache, sondern die Beziehungen das Allerwichtigste sind. Du kannst du besten Ideen haben, alle Argumente auf deiner Seite, und wirst doch nichts erreichen, wenn du keine gute Beziehung zu den Entscheidungsträgern hast. Und wenn du sie übergehst, stehst du schon im Fettnäpfchen.

Was bedeutet das für deine Arbeit?

Wenn wir, sagen wir, die Lebenssituation von Kleinbauern verbessern wollen, kommen wir nicht umhin, uns mit der lokalen, politischen Lage vor Ort vertraut zu machen und z.B. ein gutes Verhältnis zu den lokalen Chiefs (politisch-kulturellen Führungspersönlichkeiten, Anm.d.Red.), Ältesten, religiösen Führungspersönlichkeiten aufzubauen. Sie haben oft das letzte Wort, wenn es darum geht, die Lebensbedingungen der armen Bevölkerung zu verändern, sie können Entwicklung ermöglichen oder behindern. Das ist nicht immer verständlich für einen sachorientierten Menschen, aber unvermeidbar, wenn man etwas erreichen will.


Ein Beispiel für die Zusammenarbeit mit religiösen Führungspersönlichkeiten, um gesundheitliche Verbesserungen für Mütter und Kinder zu bewirken: Das Projekt “Channels of Hope” – Imame und Pfarrer im World Vision-Workshop


Hast du auch schon die Kehrseiten der Macht kennengelernt?

Eines Nachts, als ich mit der anderen Organisation im Kongo war,  klopften Soldaten mit Gewehren. Sie forderten 30 Liter Diesel von uns – doch wir brauchten den Treibstoff selber, denn die nächste Tankstelle war mehrere Stunden entfernt. Solche Situationen können schnell eskalieren und man muss ein Gespür dafür bekommen, wie weit man gehen kann. Wir konnten sie dann auf 20 Liter runterhandeln. Ein anderes Mal wollten die Soldaten unser Auto beschlagnahmen. Ich handelte aus, dass sie mich wenigstens mitnehmen. Am Ende bekamen wir so den Wagen wieder.

Heute arbeitest du in Deutschland, im World Vision Büro in Friedrichsdorf. Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Jeder Tag ist anders. Meine Arbeit besteht vor allem darin, den Informationsfluss zwischen Projekten und Gebern bzw. anderen Abteilungen sicherzustellen. Dazu kommen viele administrative Aufgaben. So schreibe ich unzählige E-Mails am Tag, rufe gemeinsam mit Anderen neue Projekte in Leben, nehme an Skype- und Telefonkonferenzen teil und bereite Projektbesuche bzw. Dienstreisen vor. Drei- bis viermal im Jahr gehe ich auf Dienstreise, gebe in unseren Projekten Fortbildungen für Mitarbeiter und überprüfe, wie die Projekte in Tansania und Kenia vorankommen. Weil wir unsere Arbeit sehr transparent machen, müssen viele Informationen gesammelt und verarbeitet werden. Außerdem gilt es ja wie gesagt, Beziehungen zu pflegen und gemeinsam nach Lösungen bei Problemen zu suchen.

Büroberuf Entwicklungshelfer: "Sehr viele E-Mails" zwischen Thomas und seinen Kollegen vor Ort gehen täglich hin un her (Foto: World Vision)

Büroberuf Entwicklungshelfer: “Sehr viele E-Mails” zwischen Thomas und seinen Kollegen vor Ort gehen täglich hin und her (Foto: World Vision)

Wieso spricht man heute nicht mehr von Entwicklungshilfe, sondern von Entwicklungszusammenarbeit?

Weil es heute anders als vor 30, 40 Jahren nicht mehr um einseitige Hilfe geht, sondern um echte Zusammenarbeit. Heute schicken wir kaum noch Entwicklungshelfer aus den Industrieländern in ein anderes Land, außer wenn es vor Ort keine geeigneten Fachkräfte gibt. World Vision unterhält eigene Länderbüros, in denen einheimisches Personal arbeitet. Sie entwickeln die Projekte und führen sie mit der Bevölkerung durch – denn sie sind die Experten in Sachen Sprache und Kultur in ihrem eigenen Land. Von den so genannten “Unterstützungsbüros” wie Deutschland, Kanada oder Australien aus beraten wir die Projekte, ermöglichen neue Partnerschaften, leisten Wissenstransfer und prüfen die Wirksamkeit der Maßnahmen.

Thomas Kalytta  im Workshop mit World Vision-Kollegen in Äthiopien (Foto: World Vision)

Thomas Kalytta im Workshop mit World Vision-Kollegen in Äthiopien (Foto: World Vision)

Zum anderen sind wir, wenn wir Veränderungen anstoßen wollen – weg von Armut, Unterernährung, Krankheiten – auf gleichberechtigte Zusammenarbeit und das lokale Wissen der Leute vor Ort angewiesen. Nur wenn die Bevölkerung mitmacht, wenn sie mitbestimmen kann, was sie braucht und wie sie es braucht und ihre eigene Verantwortung erkennt, klappt Veränderung. Die Menschen haben heute viel mehr Mitsprache als früher. Es ist ihr eigenes Projekt.

Trotzdem wird immer wieder diskutiert, ob Entwicklungszusammenarbeit die Menschen nicht letztlich abhängig von fremder Hilfe macht.

Es gibt durchaus Folgen der Entwicklungszusammenarbeit, die problematisch sind. Ein Beispiel: In Bangladesch haben Hilfsorganisationen über Jahre alles getan, damit die Menschen kein Oberflächenwasser mehr trinken – also Regenwasser und Wasser aus Seen und Flüssen -, wegen der Krankheitskeime, die darin enthalten sind. Zur Verbesserung der allgemeinen Gesundheit wurden allerorts Brunnen gebaut, aus denen heute die Menschen ihr Wasser beziehen. Doch dann kam heraus: Das Grundwasser ist an vielen Orten mit natürlichem Arsen verseucht.

Ohne das Wissen der Menschen vor Ort ist Entwicklungszusammenarbeit nicht möglich, sagt Thomas Kalytta (Foto: World Vision)

Projektbesuch in Kenia: Ohne das Wissen der Menschen vor Ort ist Entwicklungszusammenarbeit nicht möglich, sagt Thomas Kalytta (Foto: World Vision)

Es gibt auch Abhängigkeiten, die schwer zu umgehen sind. In Tansania etwa ist der Staat aus eigener Kraft kaum in der Lage, flächendeckend Schulen zu betreiben. Das liegt vor allem daran, weil die Bevölkerung derart rasch wächst, dass gar nicht genügend Lehrer ausgebildet und bezahlt, Schulen gebaut, Bücher gekauft werden können – das würde womöglich auch reiche Staaten stark überfordern, und Tansania ist nicht reich. 45 Prozent der Tansanier sind unter 15 Jahre alt. Hier wird noch über Jahre hin externe Hilfe nötig sein.

Ein Beispiel aus Kenia, aus dem Energiesektor. Dort arbeiten ziemlich viele Organisationen daran, dass nicht die gleiche Umweltverschmutzung entsteht wie in der industrialisierten Welt im letzten Jahrhundert. Sie führen Know-how und Technologien aus dem Westen ein und setzen auf Windkraft, Geothermie und Solartechnologie. Mit Blick auf Klimaschutz, Sicherheit, Gesundheit hat das sehr positive Auswirkungen. Schon die kleinen Beiträge wie Solarlampen und Energiesparöfen führend dazu, dass weniger Wälder abgeholzt werden und weniger Erdöl verbraucht wird. Und die Leute leben sicherer, weil sie nachts sehen, wo ein Skorpion läuft oder wer ihr Haus betritt.

Gibt es weitere Beispiele, wo versucht wird, Fehler zu vermeiden, die der Westen begangen hat?

Auch in unseren Projekten gewinnen die Umweltaspekte immer mehr an Bedeutung. Wenn wir mit Bauern zusammenarbeiten, um die Einkommens- und Ernährungslage zu verbessern, dann geht es dabei längst nicht mehr nur um reine Produktionssteigerung durch Düngemittel und Pestizide. Das wäre nicht nachhaltig, weil es Boden, Wasser und Menschen – besonders übrigens Kinder – gefährdet. Wir arbeiten in Richtung ökologischer Landbau, empfehlen trockenheitstolerante Sorten, den Anbau in Mischkulturen, um die Schädlinge in Schach zu halten, und setzen auf die Verwendung von organischem Dünger.

Wir unterstützen außerdem, dass sich Kleinbauern zu Genossenschaften zusammenschließen, um sich gegenseitig abzusichern und stärker gegen Zwischenhändler aufzutreten. Sie erhalten Know-how, wie sie andere Produkte anzubauen können, die auf dem Markt bessere Preise erzielen. Damit können sie ihr Einkommen verbessern und das zusätzliche Geld auch in die Bildung ihrer Kinder und den Bau eines Foliengewächshauses für Gemüse investieren.

Bildung für alle! Thomas beim Besuch einer Schule im Projekt Nyabubinza, Tansania (Foto: World Vision)

Bildung für alle! Thomas beim Besuch einer Schule im Projekt Nyabubinza, Tansania (Foto: World Vision)

In deinem Beruf hast du viel mit den Folgen von Hunger, Krankheiten, Ausbeutung, Armut zu tun, mit unterernährten Kindern und Tod. Ist das nicht eine enorme Belastung?

Als Entwicklungshelfer darf man wahrscheinlich nicht zu emphatisch sein. Ich fühle mich nicht verantwortlich für 35 Prozent der unterernährten Kinder in Kenia. Tatsächlich bin ich nicht geschaffen, das Leid der Welt zu tragen. Aber ich kann in einem begrenzten Umfeld zu nachhaltigen Verbesserungen beitragen. Wenn wir die Kleinbauern auf die Idee bringen, neue Feldfrüchte anzubauen und zu verkaufen, nicht nur Mais wie üblich, sondern auch Süßkartoffeln, Erdnüsse, Zwiebeln, Safran, Vanille, und sie schaffen es auf diesem Weg, der Armut zu entrinnen, fühlen sich in ihrer Arbeit gewertschätzt und ihre Kinder haben genügend zu essen und können zur Schule gehen, dann ist das ein Erfolg gegen das Leid und ich bin dankbar und zufrieden.

Welchen Unterschied macht es für deine Arbeit, dass World Vision eine christliche Hilfsorganisation ist?

Ich glaube ein wichtiger Aspekt ist, dass die Hauptmotivation unserer Mitarbeiter nicht das Geldverdienen ist. Als Christen unterschiedlicher Konfessionen fühlen wir uns weniger dem Chef gegenüber verantwortlich als Gott. Wir haben hier eine sehr angenehme Kultur des Miteinanders, nicht des Gegeneinanders, auch wenn es um Fehler geht. Man tritt füreinander ein und stigmatisiert nicht, sondern unterstützt sich gegenseitig. Und diese Werte des Miteinanders leben wir auch in den Projekten vor.

Hier können Sie mehr über die Entwicklungszusammenarbeit von World Vision erfahren – und auf unseren Länderseiten Tansania und Kenia speziell über die Projekte, die Thomas Kalytta betreut.

 

4 Kommentare

  1. Sven Beier, 5. Dezember 2014

    Ein guter Bericht und eine sehr interessante Arbeit.

  2. helmer, 23. Januar 2015

    Danke für den Bericht. Schön zu sehen werde bei einer so großen Organisation für mein Projekt & Patenkind zuständig ist.

  3. Faak, 16. April 2018

    guten tag,
    ich suche ein herr thomas kalytta der in mainz studiert hatte und zur stadtmission und ein bibelhauskreis gegangen ist.

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