Adeline und ihre Kinder: Vom Zeltcamp zurück in ein menschenwürdiges Leben

Adeline mit ihren Kindern in ihrem neuen Zuhause (Foto: World Vision Haiti)

Adeline hat drei Kinder - und durch das Erbeben am 12. Januar 2010 so gut wie alles verloren: Ihren Mann, ihr Zuhause, ihr Einkommen und fast auch ihre Hoffnung. Doch fünf Jahre später hat sie das Zeltlager verlassen. Sie lebt in einer kleinen Wohnung am Berg und schaut hinab auf den Ort in Port au Prince, an dem sie die wohl schlimmste Zeit ihres Lebens verbracht hat.

Ich gehe durch die engen Gassen zwischen den Betonhäusern hindurch, die sich an den Berg oberhalb von Port-Au-Prince schmiegen. Immer wieder muss ich den elektrischen Leitungen ausweichen, die von Haus zu Haus gespannt sind. Nach einer Weile erreiche ich ein kleines Haus, davor einige Stände, auf denen alle möglichen Dinge angeboten werden, Holzkohle, Seife, Dosenmilch, Kleidung und Gebratenes. Die Kinder rufen mir ein fröhliches „Guten Morgen“ entgegen und winken, während mich die Erwachsenen mit leichtem Misstrauen beäugen.

Ich bin auf dem Weg zu Adeline Eliazard und ihren drei Kindern, der 17-jährigen Nadine Andrice, dem 15-jährigen Ernst Andrice und dem 13-jährigen Jerry Andrice. Durch die Unterstützung von World Vision konnte die Familie vor kurzem in eine kleine Zweizimmerwohnung umziehen. Die beengten Verhältnisse sind immer noch nicht optimal, aber vorher war die Situation schlimmer.

Sie nannten es Camp Sodom

Vor fünf Jahren, am 12. Januar 2010, bebte in Haiti die Erde und zerstörte ihr Haus und alles was darin war. Adelines Ehemann wurde schwer verletzt, er starb am nächsten Tag, weil auch die medizinische Versorgung zusammengebrochen war.  Eine schlimme Zeit brach für die junge Frau und ihre Kinder an. Zusätzlich leidet sie unter einer Herzerkrankung und benötigte daher ständig Medikamente. Vor dem Beben waren sie und ihr Mann in der Lage, die drei Kinder zur Schule zu schicken, die Miete für die Wohnung zu zahlen und dafür zu sorgen, dass alle regelmäßig zu essen hatten.

Nach dem Beben ging Adeline mit ihren Kindern und 69 anderen Familien zu einem leeren Grundstück und baute dort mit Unterstützung von Hilfsorganisationen ein Zelt auf. Nur wenige Habseligkeiten konnte sie aus ihrer zerstörten Wohnung retten. Für vier Jahr wurde dieses Zelt nun ihr Zuhause. Die Gemeinde gab sich den Namen Camp Sodom. Das Leben dort muss schrecklich gewesen sein.

Vor einigen Tagen hatte ich das nun leere Camp besucht. Es war extrem heiß – mindestens 45 Grad. Es gab keine Bäume, keinen Schatten und der Boden bestand nur aus grobem Kies und Dreck. Anfangs gab es auch keine Sanitärgebäude, die Menschen mussten ihre Notdurft irgendwo verrichten, wo sie nicht gesehen wurden. Erst Monate später baute eine Organisation ein Toilettenhäuschen mit ein paar Waschbecken auf. Die Anlage reichte aber bei weitem nicht aus, um die Bedürfnisse der hier lebenden Familien zu decken.

Adeline und ihre vier Kinder hatten nichts mehr. Sie wusste nicht wovon sie leben sollten. Nur von ihrer Schwester bekam sie alle zwei Wochen ein paar Lebensmittel. Die Kinder konnte sie nicht mehr zur Schule schicken – sie hatte kein Geld mehr für die Schulgebühren.

“Ich sah aus wie ein verdorrter Stock”

Aber es kam noch schlimmer. Vor zwei Jahren wollte der Eigentümer des Grundstücks das Land wieder für sich haben und ließ das Sanitärgebäude abreißen. Er wollte die Familien zwingen, woanders hin zu gehen. Adeline lacht heute, wenn sie die Geschichte erzählt: „Wir haben in Plastiktüten gemacht und diese dann entsorgt, aber nicht alle Leute haben sich so verhalten …“ Der Besitzer des Grundstücks wendete noch weitere Zwangsmaßnahmen an, um die Menschen zum Weggehen zu bewegen. Adeline war völlig verzweifelt und wusste keinen Ausweg mehr. Sie und ihre Kinder waren inzwischen völlig abgemagert. „Ich sah aus wie ein verdorrter Stock“, erzählt sie. „Ich betete jeden Tag um Hilfe und ein wenig Hoffnung.“

Zu der Zeit waren Mitarbeiter von World Vision auf das Camp aufmerksam geworden. Mit Genehmigung des Bürgermeisters wurden die Menschen für ein Jahr in Übergangsunterkünften umgesiedelt. Diese Maßnahme wurde in Absprache zwischen der Regierung und allen Hilfsorganisationen umgesetzt, damit die Menschen wieder in halbwegs menschenwürdigen Verhältnissen leben konnten. Außerdem unterstützten die Organisationen die Betroffenen dabei, ein kleines Geschäft aufzubauen. Zum ersten Mal nach langer Zeit hatte Adeline wieder etwas Hoffnung. „Endlich wurden meine Kinder und ich aus diesen unwürdigen Verhältnissen befreit“, sagt sie.

Erdnussbutter für ein kleines Einkommen

Heute sitze ich mit Adeline und ihren Kindern vor ihrem kleinen Haus. Wir schauen runter auf das Stück Land, auf dem sie vier Jahr gelebt hat. Adeline hat ihre Unterkunft ein wenig hübsch gemacht, hat Vorhänge an den Fenstern angebracht. Sie erzählt ihre Geschichte unter Tränen, aber sie lacht auch viel.

Auch sie hat ein kleines Unternehmen aufgebaut. Sie stellt  jetzt Erdnussbutter her und verkauft sie. Das Einkommen reicht, um die Kinder wieder zur Schule zu schicken und Essen zu kaufen. Neue Schuluniformen hängen an der Wand. Adeline hatte nicht mehr daran geglaubt, dass sich ihr Leben noch mal verbessern könnte. Durch die Unterstützung ihrer Schwester bekommt Adeline jetzt auch regelmäßig Medikamente,  sie sagt, sie fühle sich ok.

Auch ihre Kinder sind froh. Nadine Andrice ist eine hübsche junge Frau. Sie ist ein wenig schüchtern in meiner Anwesenheit, aber sie hat viele Freunde in der Nachbarschaft. Ernst Andrice hat sich schützend neben seine Mutter gesetzt. Eine Warnung liegt in seinem Blick: „Bring meine Mutter nicht zum Weinen“. Jerry Andrice zeigt sich selbstbewusst. Er hat geflochtene, lange Haare, seine Augen lächeln zuversichtlich. Er gibt mir ein „High Five“, als er sich neben mich setzt.

Wie wird es weitergehen?

Für ein Jahr war die Miete bezahlt worden, aber wie Adeline sie im kommenden Jahr zahlen soll, weiß sie noch nicht. Sie ist besorgt. „Im Moment habe ich nur genug für Lebensmittel und die Schule“, sagt sie. „Ohne meinen Mann ist es sehr hart. Aber irgendwie wird Gott mir weiter helfen.“

Vor vier Jahren war ich für eine andere Hilfsorganisation kurz nach dem Beben nach Haiti gekommen. In Port Au Prince herrschte ein einziges Chaos. Trümmer versperrten die Straßen, so dass kein Durchkommen für Hilfskonvois war. Rund 1,5 Millionen Menschen hatten kein Zuhause mehr und versuchten, irgendwo Schutz zu  suchen. Heute leben noch immer etwa 55.000 Menschen in Zeltstädten, aber die Mehrheit der Lager wurde geschlossen. Auf den Grundstücken entstanden öffentliche Plätze und Grünflächen und sie können von den Menschen wieder genutzt werden. Viele sind in ihre Gemeinden zurückgekehrt und leben unter besseren Bedingungen als vor dem Beben. In den Straßen gibt es Verkaufsstände, auf denen Obst und Gemüse oder auch Gemälde verkauft werden.

Trotz der immensen Hilfe ist Haiti immer noch eines der ärmsten Länder der Welt. 77 Prozent der Einwohner leben unterhalb der Armutsgrenze. Die Mehrheit ist nach wie vor auf Hilfe angewiesen. Daher wird World Vision in dem Land bleiben und dort weiterhin mit langfristiger Entwicklungszusammenarbeit Hilfe zur Selbsthilfe leisten.

Jean-Wickens Meroné

Jean-Wickens Meroné

Der Autor, Jean-Wickens Merone, berichtet für World Vision über den Wiederaufbau und Entwicklungsprojekte auf Haiti.

Möchten Sie unsere Arbeit auf Haiti unterstützen? Auf unserer Infoseite zum Wiederaufbau auf Haiti nach dem Erdbeben 2010 finden Sie Informationen.

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