17 Jahre Albtraum: Die Geschichte einer Genitalverstümmelung

Binta standing in front of a farm in her village

Mit 27 Jahren trägt Binta schwer an den Folgen der Verstümmelung, die sie vor 17 Jahren erlitten hat. Sie blickt auf ein Leben voller Schmerz und Scham zurück. Die Hoffnung, eines Tages Mutter zu werden, hat sie verloren. Ihr einziger Wunsch ist es, dass andere Mädchen nicht auch Opfer weiblicher Genitalverstümmelung werden.

„Als ich zehn war, brachte man mich an einen „geheimen Ort“, zusammen mit anderen Mädchen meines Alters. Ich erinnere mich noch, wie ich aus vollem Leibe schrie, dann an nichts mehr. Als ich meine Augen wieder öffnete, lag ich in einer roten Lache. Drei Stunden lang hatte ich Blut verloren. Meine Mutter war glücklich, als ich meine Augen öffnete. Wie die älteren Frauen um mich herum glaubte sie, dass mein Leben gerettet und bald alles wieder normal sei.

Doch das Gegenteil war der Fall. Vier Tage lang konnte ich nicht laufen, wegen des Schmerzes und weil ich weiter Blut verlor. Ich wurde behandelt, die Heilung schien voran zu kommen. Seitdem trage ich diese Last still mit mir herum. Ich  habe Schmerzen. Es kratzt, es kocht. Die Probleme sind so ekelhaft und vielfältig, ich behalte sie lieber für mich. Mein Leben wurde von jenem Tag an ein anderes.


Chepturu_miniChepturu aus Kenia kann auch deshalb zur Schule gehen, weil sie der Beschneidung entkam. Hier erzählt sie, wie World Vision im richtigen Moment da war, um zu helfen.


Als ich 20 war, fand ich einen Freund. Als er die Folgen dieser unheilbringenden Tradition an mir entdeckte, verschwand er aus meinem Leben und nahm das kleine Stück Liebe und Hoffnung mit sich, das er in mir gesät hatte. Seitdem muss ich sagen: Ich weiß nicht, welcher Schmerz mich mehr tötet – der moralische oder der körperliche.

Ich bin jetzt 27 Jahre alt. Mädchen in meinem Alter sind verheiratet, sie genießen das Glück, eine Mutter zu sein. Ich werde nie wissen, wie es sich anfühlt, geliebt zu werden oder schwanger zu sein. 17 Jahre meines Lebens waren ein Albtraum. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals daraus aufwachen werde.

Die Folgen dieser „Operation“ zu behandeln ist teuer. Meine Eltern sind arm. Sie haben Ziegen und Getreide verkauft, um moderne und traditionelle Medizin für  mich zu bezahlen. Doch ich leide immer noch. Meine Mutter schweigt, doch ich sehe ihr an, dass sie diese Tat zutiefst bereut. Manchmal ist der Schmerz so schlimm, dass ich zwei Tage lang nicht gehen kann. Ich bete, dass diese Tradition endlich beendet wird und dass kein junges Mädchen mehr das durchmachen muss, was ich durchmache.“

Binta hat uns ihre Geschichte mit Tränen in den Augen, aber auch mit einer kräftige Stimme erzählt. Sie wollte unbedingt, dass wir jedes Wort mitbekommen, um ihren Schmerz zu verstehen. Sie lebt in Kimparana, einem Projektgebiet von World Vision in Mali, wo wir eine Kampagne zur Aufklärung über die Folgen weiblicher Genitalverstümmelung durchführen, mit dem Ziel, diese verhängnisvolle Praxis zu überwinden.

Vergangenes Jahr konnten wir unter anderem zwei alte Frauen,  Djeneba Diawara und Seliba Dembele, davon überzeugen, ihr Handwerk als Beschneiderinnen aufzugeben. Bei einer Veranstaltung mit dem Bürgermeister von Kimpanara gaben sie öffentlich bekannt, dass sie mit dem Beschneiden aufgehört hätten, nachdem sie gesehen hätten, welche schrecklichen Folgen diese Tradition für das Leben von Mädchen wie Binta haben kann. Sie riefen die Frauen der Dorfgemeinden auf, es ihnen gleich zu tun und damit aufzuhören. Dejneba und Seliba unterstützen heute als wichtige Botschafterinnen die Kampagne „Null Toleranz für Weibliche Genitalverstümmelung“ für World Vision Mali.

Weitere Berichte zu unserer Mädchenförderung und zum Kinderschutz finden Sie hier

 

4 Kommentare

  1. Metz, 13. Februar 2015

    Schrecklich solche Berichte zu lesen! Auch in Europa ein Thema, das leider immer noch aktuell ist (siehe Buch von Waris Dairie).
    Für alle Betroffenen und mitfühlenden Beobachter, sei auf das Desert Flower Center in Waldfriede verwiesen, welches – zumindest in einem gewissen Rahmen – die Wiederherstellung zur Normalität für diese armen, misshandelten Frauen ermöglicht. Die gesamte Gesellschaft dieser Welt sollte sich für das Recht der körperlichen Unversehrtheit WELTWEIT einsetzen!

  2. Miriam, 10. August 2017

    Ein Bericht, der einem den kalten Schauer über den Rücken laufen lässt! Worte einer jungen Frau aus Mali, die einem das Herz zerreisen. Die große Frage nach dem Warum? Warum gibt es solche grausamen Traditionen und warum werden sie heute immer noch praktiziert?
    Mich machen Lebensgeschichten wie Binta´s traurig und wütend zugleich…

    Umso beeindruckender ist es, mit welchem Mut Binta über ihre tragische Geschichte spricht, um andere Mädchen vor diesem grausamen Ritual zu bewahren.
    Ich hoffe, dass Bintas Gebete erhört werden und möglichst bald das Ziel erreicht wird, dass kein junges Mädchen mehr das durchmachen muss, was sie durchmachen musste und immer noch durchmacht.

  3. Lisa, 10. August 2017

    Bei 89 % der in Mali lebenden 15-49-jährigen Frauen wurde die Genitalverstümmelung praktiziert. Aufklärung und Frauen stärken gelten als Mittel im Kampf gegen Genitalverstümmelung. Erst, wenn Frauen gleichberechtigt sind, ihr eigenes Einkommen haben und ihre Sexualität frei leben dürfen, kann die Tradition gebrochen werden. Außerdem ist es auch wichtig an die Praktikerinnen der Genitalverstümmelung zu denken. Sie verdienen mit ihrer Tätigkeit ihr Geld. Deswegen muss auch ihnen eine alternative Perspektive angeboten werden, mit dieser sie ihr Geld verdienen können.

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