“1686 ist meine Zahl”: Ebola und die Würde einer Kinderbestattung

Maseray, 45, trägt das an Ebola gestorbene Kind aus dem Haus zum Begräbnis (Foto: Jonathan Bundu, World Vision)

Trotz allem, was sie in den letzten Monaten erlebt hat, lässt sich Maseray, 45, nicht unterkriegen. Sie will die Menschen in ihrer Heimat schützen. Als zweite Frau überhaupt hat sie sich deshalb dem Team für sichere und würdevolle Bestattung von World Vision in Bo angeschlossen, einer großen Stadt im Herzen Sierra Leones.

World Vision leitet in Sierra Leone federführend und in enger Absprache mit den Behörden sämtliche Maßnahmen, bei denen Beerdigungsteams für Ebola-Opfer ausgebildet, ausgestattet und koordiniert werden. Dabei geht es um die schwierige Aufgabe, den Traditionen gerecht zu werden und zugleich eine weitere Ansteckung mit Ebola zu verhindern.

Geht bei einem der Callcenter von World Vision ein Anruf ein, dass jemand an Ebola verstorben ist, startet ein achtköpfiges Team zum Einsatz.

Maseray, 45, hat Ebola überlebt, aber ihren Mann und ihre Schwester verloren. Jetzt hilft sie mit, Menschen würdevoll zu bestatten  (Foto: Jonathan Bundu, World Vision)

Maseray, 45, hat Ebola überlebt, aber ihren Mann und ihre Schwester verloren. Jetzt hilft sie mit, Menschen würdevoll zu bestatten (Foto: Jonathan Bundu, World Vision)

Maseray hat eine Woche Schulung absolviert und sich dabei emotional auf ihre erstes Mal vorbereitet, eine sichere und würdevolle Bestattung durchzuführen. “Ich bin bereit für diesen Tag”, sagt sie. “Ich werde alles genau so durchführen, wie ich es bei der Schulung gelernt habe”.

Der Anruf kommt. Maseray legt mehrere Lagen Schutzbekleidung an. Sie hilft, den SUV zu säubern, der benutzt werden soll, um den toten Körper zum Bestattungsort zu transportieren. Als Ebola-Überlebende ist sie immun gegen die Krankheit.

Es sind zwanzig Minuten Fahrt, bis das Team den Ort erreicht, die Gemeinde Bendu. Der Teamleiter erklärt den Trauernden die Abläufe. Maseray erfährt, dass ihre erste Bestattung die eines Babys sein wird – es ist das 1686ste Opfer, das die Bestattungsteams von World Vision bislang zu Grabe tragen mussten. Mehr als 3400 Menschen hat Ebola in Sierra Leone schon das Leben gekostet.

Das Team spricht mit der Familie, und dann geht Maseray mit ihren Kollegen zum Haus. Wenig später erscheint sie wieder an der Tür und hält in ihrem Armen den kleinen, in ein Schutztuch gewickelten Körper.

Obwohl sie selbst immun ist, muss Maseray Schutzbekleidung tragen - unter anderem, um ihr Team zu schützen (Foto: Jonathan Bundu, World Vision)

Obwohl sie selbst immun ist, muss Maseray Schutzbekleidung tragen – unter anderem, um ihr Team zu schützen (Foto: Jonathan Bundu, World Vision)

Normalerweise legen die Bestattungsteams den Körper eines Toten ab, während der Imam oder Pastor ein kurzes Gebet spricht. Doch Maseray macht es anders. Sie behält das Kind auf dem Arm, drückt es an sich. “Das ist für mich umso wichtiger, weil ich selbst Mutter bin”, sagt sie. “Für mich ist es wirklich wichtig, das Kind dieser Mutter sicher und würdevoll zu beerdigen”.

Nun geht das Team durch den Wald zur Grabstelle. Maseray wiegt das Kind dabei langsam in ihren Armen. “Ich möchte ihm einen tollen Abschied geben”, sagt sie. “Ich will, dass es in Frieden geht”. Nachdem sie den Körper langsam ins Grab hinabgelassen hat, bedeckt sie ihn vorsichtig mit Stöcken. Zum Schluss legt sie einen Holzstab mit einem Nummernschild darauf.

Es steht kein Name auf dem Schild. Nur eine Nummer. Sie widmet sie der Erinnerung. “1686… das ist meine Zahl”, sagt sie.

Der Autor dieser Reportage, Jonathan Bundu, berichtet für World Vision regelmäßig über den Kampf gegen Ebola in Sierra Leone.


Weiterhin sterben in zahlreichen Ländern Menschen an Ebola. Als Hilfsorganisation sind wir beim Kampf gegen die Ausbreitung dieser Krankheit auf Ihre Unterstützung angewiesen. Bitte spenden Sie jetzt gegen Ebola.

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