Mädchenbeschneidung gemeinsam beenden

Besonders in der jüngeren Generation, die durch Bildung und Aufklärung mehr Abstand von der Tradition gewonnen hat, gibt es inzwischen viele Gegner der Mädchenbeschneidung. Es gibt aber in allen Altersgruppen, bei Frauen wie Männern, auch Befürworterinnen, die ganz unterschiedliche Interessen damit verbinden.

In Kenia gibt es Demonstrationen gegen und Demonstrationen für die Beschneidung von Mädchen. Warum gibt es trotz vieler Kampagnen und Gesetze noch Widerstände gegen eine Aufgabe der Tradition und wie könnten Lehren aus den bisherigen Bemühungen dazu genutzt werden, Mädchen noch effektiver zu schützen? Diesen Fragen geht der Beitrag unserer Gastautorin Martha Tureti aus Kenia zum internationalen Tag "Null Toleranz gegen Genitalverstümmelung" nach.

Nach Erhebungen der Vereinten Nationen existiert noch in 28 afrikanischen Ländern,   außerdem in einigen asiatischen und arabischen Ländern, der Brauch, junge Mädchen durch Beschneidung bzw. Entfernung ihrer Genitalien “heiratsfähig” zu machen. Jedes Jahr erleiden vermutlich mehr als 3 Millionen Mädchen unnötige Verletzungen an Leib und Seele.  In meiner Heimat Kenia gibt es beschneidungsfreie Regionen, aber auch Ethnien und Regionen, in denen 3 von 4 Frauen beschnitten sind.

Martha Tureti, die Autorin dieses Meinungsbeitrags, arbeitet als "National Gender and Development Coordinator" bei World Vision Kenia und ist unter anderem auch für Qualitätskontrolle bei Projekten zur Mädchenförderung bzw. gegen  Genitalverstümmelung zuständig.

Martha Tureti, die Autorin dieses Meinungsbeitrags, arbeitet als “National Gender and Development Coordinator” bei World Vision Kenia und ist unter anderem auch für Qualitätskontrolle bei Projekten zur Mädchenförderung bzw. gegen Genitalverstümmelung zuständig.

Das Motto des diesjährigen internationalen Aktionstags zu diesem Problem lautet für Kenia: “Gemeinsam  Genitalbeschneidung/Genitalverstümmelung beenden”. Vielleicht ist dies ein guter Anlass darüber nachzudenken, welche Erfolge es im Kampf gegen die Praxis bisher gegeben hat und wie man noch effektiver dagegen vorgehen könnte. Unsere Regierung, die Vereinten Nationen und viele Organisationen haben Ressourcen für Aufklärungskampagnen  und andere Maßnahmen gegeben. Dies entspricht auch dem nationalen Plan, die Prävalenz unter Mädchen und Frauen zwischen 14 und 49 Jahren von rund 27 Prozent zu senken.

Gesetzliche Verbote sind gut, aber nicht ausreichenD

Die weibliche Beschneidung ist in Kenia durch mehrere Gesetze verboten und geächtet. Wer seine Tochter dennoch beschneiden lässt oder selbst Beschneidungen an Mädchen vornimmt, kann wegen  Kindesmisshandlung,  sexueller Gewalt und Missachtung von Frauenrechten bestraft werden. Trotz der Gesetze und Kampagnen verteidigen einige Gruppen diese Tradition aber hartnäckig. Letztes Jahr haben zum Beispiel hunderte Maasai-Frauen in Kajido zugunsten der Beschneidung demonstriert, nachdem einige ihrer Autoritätspersonen sich öffentlich dagegen positioniert hatten. Die Frauen argumentierten, dass die Praxis Teil ihrer Kultur sei und betonten, dass sich die Abschaffung der Mädchenbeschneidung negativ für die Heiratsaussichten ihrer Töchter auswirken könnte. Bei den Samburu und den Pokot wünschen sich auch manche Ältesten eine Fortsetzung der Tradition.

Ebenfalls letztes Jahr hat UN-Generalsekretär eine globale Kampagne und eine Kampagne des Guardian gegen Genitalverstümmelung in Kenia eröffnet. Dies zeigt, welch hohe Bedeutung dem Thema gegeben wird.  Angesichts der gesellschaftlichen Widerstände in Kenia stellen sich allerdings einige Fragen: Ist es ähnlich wie mit dem Graben zwischen analoger und digitaler Welt? Dorfälteste und ältere Frauen aus einigen Communities verteidigen die Mädchenbeschneidung rigoros als für sie überlebenswichtigen Ritus. Wovor haben sie Angst? Vor dem Verlust der damit verbundenen Feiern und Festmahlzeiten oder vor den Ahnen? Ist die Beschneidung eine Einkommensquelle? Für die Beschneiderinnen schon. Geht es um die Familie? Sie verschafft ihnen Ehre. Was bedeutet sie für die Frauen? Da ist von der Identität die Rede. Für die Männer? Kontrolle der weiblichen Sexualität. Für die Mädchen? Gesellschaftliche Zugehörigkeit und das Eintrittsticket für Heiraten.

Kann man denn all diese ‘Goodies’ (also Vorteile) nicht auch bekommen, ohne die Mädchen für die eigenen Interessen zu benutzen und zu verletzen? Gemeinschaften, die ihre Mädchen nicht beschneiden, sollten herausstellen, wie ihre Mädchen  kulturelle und ethnische Identität erhalten. Und was ist mit den Mythen rund um die Heiratsfähigkeit? Männer, was habt ihr von einer verletzten, geschwächten Frau?

Im Kampf für die Unversehrtheit aller Kinder und Frauen gibt es viele Herausforderungen; die meisten stehen im Zusammenhang mit sozialen Normen und religiösen Vorstellungen, mit fehlendem Wissen über weibliche Anatomie und psychische Konsequenzen der Genitalverstümmelung, mit fehlender Bildung, aber auch mit neueren Trends wie der Beschneidung durch Mediziner (die dann damit Geld verdienen) und fehlenden Forschungen über die Rolle von Community-Gerichten. Darüberhinaus stehen oft nicht genügend Mittel zur Verfügung, um nachhaltige Programme und Kampagnen zu finanzieren.

Wir müssen diesen Kampf aber unvermindert fortsetzen und können aus den Schwierigkeiten auch lernen. Besonders wichtig und dringend scheint mir ein abgestimmtes und vielschichtiges Vorgehen zu sein. Durch die Bildung und Stärkung von Partnerschaften, durch konzertierte Anstrengungen also wird man mehr erreichen als durch vereinzelte Projekte. World Vision arbeitet in Kenia schon mit etlichen Akteuren zusammen und hat dadurch zum Beispiel mehr als 7.000 Mädchen mit Alternativriten erreicht.

 

 

Anerkannte Persönlichkeiten können Botschafter sein

Beliebte und anerkannte Persönlichkeiten wie etwa Sportlerinnen und Sportler aus Ethnien, in denen die Beschneidung praktiziert wird, können als Aufklärer und Vorbilder die Kampagnen unterstützen. Wir sehen auch größere Wirkung, wenn unsere Ansprache gut auf die jeweilige Kultur und Gemeinschaft abgestimmt ist und wenn bei der Regierung, besonders den  lokalen Entscheidungsträgern und Gesetzeshütern, Bereitschaft zu aktiver Mitarbeit besteht.


ago-se-DSC00662Künstler aktiv für Kinder- und Frauenrechte: Musikerin Sister Fa wirbt in Westafrika als Partnerin von World Vision für ein Ende der Beschneidung. Ihre Konzerte und Kunst-Workshops mit Schülern finden in den Dörfern der Casamance großen Anklang. In wenigen Tagen startet die nächste Tour – wird werden berichten.


 

Männliche Jugendliche und junge Männer müssen in die Kampagnen einbezogen werden, damit sie eher bereit sind, auch unbeschnittene Frauen zu akzeptieren. Lernangebote für Mädchen und Jungen, die ihre Entscheidungs-und Lebenskompetenzen stärken, sollten die Aufklärung zu Genitalverstümmelung und anderen schädlichen Bräuchen ergänzen. Bei uns bieten zum Beispiel die von World Vision unterstützten Kinder-und Jugendclubs an den Schulen sowie die Alternativriten ein Forum dafür. Mit einem Dialog zwischen Dorfgemeinschaften und verschiedenen Ethnien kann man dann auch noch Türen öffnen für weitere Initiativen, einschließlich Deklarationen zur Abschaffung der Tradition durch die Räte der Dorfältesten.

Wenn einige dieser Strategien angewendet werden und von Partnern mehr Daten zu Wirkungen durch Studien oder Programm-Evaluationen verfügbar gemacht werden, wird der – durchaus schon existierende – Trend zur Abkehr von der Beschneidung sicherlich sehr beschleunigt und die Zahl gefährdeter Mädchen drastisch sinken. Gute Nachrichten gibt es zum Beispiel bei den Samburu, wo junge Männer sich gegen die Position der älteren gestellt und unbeschnittene Mädchen geheiratet haben.

Erfahren sie mehr über unsere Arbeit zum Schutz von Mädchen vor Gewalt

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