Ein nachhaltiger Agrarcocktail für ein grünes Afrika

Die großen Märkte wie hier in Lilongwe werden von Zwischenhändlern beherrscht

Vier Tage Konferenz in Malawis Kongresszentrum Lilongwe liegen hinter mir. Vier Tage Workshops, Vorträge, Zahlen, Berichte. Der Kopf ist randvoll, eigentlich will ich nach so einem Faktenmarathon erst einmal die Beine hochlegen. Diesmal ist es anders. Gut gelaunt, irgendwie beschwingt sitze ich am Computer und denke über einen Cocktail nach.
Keine Sorge – bei der „Beating Famine“ (Kampf dem Hunger) Konferenz waren das einzig Hochprozentige die Zahlen zur Erntesteigerung durch neue Anbaumethoden. Und doch: Nachhaltige Landwirtschaft hat durchaus Ähnlichkeit mit dem Cocktailprinzip, nachdem das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.

Auf dem ungeschützten Feld dieses Bauern in Malawi wächst der Mais nur schwach. Er will jetzt auf FMNR umstellen.

Auf dem ungeschützten Feld dieses Bauern in Malawi wächst der Mais nur schwach. Er will jetzt auf FMNR umstellen.

Aus vielen Vorträgen destilliere ich drei Zutaten für unseren Ackercocktail heraus. Beim Mixen orientieren wir uns am Rezept für einen alkoholfreien Ciapirinha. Am Ende habe ich Ihnen hoffentlich vermittelt, warum das inhaltliche Ergebnis dieser Konferenz – die Kombination nachhaltiger Anbaumethoden – so erfolgversprechend ist.

Als Basis (2/3 Ginger Ale)nehme man FMNR. Farmer Managed Natural Regeneration fußt auf der Erkenntnis, dass in der Erde noch immer lebende Wurzeln einheimischer Bäume ruhen. Selbst wenn das Feld darüber massiv gerodet und so intensiv genutzt wurde, dass der Boden kaum noch Ertrag abwirft. Lässt er die Sprösslinge dieser Wurzeln wachsen, beschneidet und schützt er sie, erhält der Bauer ein Gesamtpaket an Vorteilen. Die Bäume sind Schattenspender, Düngelieferanten, Wasserspeicher und nachwachsendes Brennholz. Die Kosten liegen nahe Null.

Bauer Batiwel Kaphesi hat mit der FMNR-Methode seine Ernteerträge verdoppelt.

Bauer Batiwel Kaphesi hat mit der FMNR-Methode seine Ernteerträge verdoppelt.

Mit Unterstützung von World Vision haben Zehntausende Bauern in afrikanischen Ländern diese Methode bereits erfolgreich angewandt. In Malawi konnten wir uns überzeugen, dass ihr Mais besser wächst, ihr Gemüse reichhaltiger ist und die Einkommensquelle Tabak kräftiger sprudelt.

Die Felder dieser Bauern sind nicht oder kaum von den Überflutungen und der nachfolgenden Trockenperiode betroffen, die in Malawi Anfang des Jahres herrschten. Anders als bei ihren Kollegen, die FMNR (noch) nicht umsetzen.

Als zweite Zutat gibt CA (1/3 Limettensaft) unserem Agrarcocktail Frische und Vitamine. CA steht für Conservative Agriculture. Dabei geht es um den schonenden, erhaltenden Umgang mit der Bodenoberfläche. Der Farmer gräbt den Boden nicht um, sondern arbeitet das Saatgut nur flach in die Felder ein. Durch Anhäufeln der Erde kann Wasser gespeichert und – wenn zu viel auf einmal davon runterkommt – abgeleitet werden. Wichtig ist es, den Boden abzudecken, zum Beispiel mit Mulch (Gras, Pflanzenreste, Baumrinde). Oder mit großblättrigen Pflanzen, die zwischen die Reihen gesetzt werden, wie Kürbis oder Melonen. So wird der Boden vor zu starker Sonneneinstrahlung geschützt. Diese Methode lässt sich hervorragend mit FMNR verbinden. Bauern, die das bereits getan haben, berichten von doppelt bis dreifach besseren Ernteerträgen als zuvor.

Und wohin jetzt damit? Bisher haben Bauern in Malawi ihre kleinen Überschüsse an Zwischenhändler oder direkt an der nächstgelegen Straße verkauft. Jetzt kommt Zutat Nummer drei ins Glas: SI (ein kleiner Löffel Rohrohrzucker). Sustainable Intensivation geht den Schritt von der reinen Abdeckung des Eigenbedarfs hin zur nationalen Vermarktung oder sogar zum Export. Denn um dauerhaft aus der Armutsfalle zu entweichen, muss flexibel handhabbares Einkommen – also Geld – erwirtschaftet werden.

Nötig ist zunächst der Aufbau heimischer Infrastruktur. Um die Wertschöpfungskette besser abzudecken, muss die Ware gelagert (gekühlt) werden können. Transportwege müssen erschlossen, Transportmöglichkeiten geschaffen werden. In einigen Fällen leisten dies die Bauern bereits in Kooperativen – aber in kleinen Maßstäben. Mit Unterstützung von Hilfsorganisationen und staatlichen Initiativen könnten Bauern die Märkte der großen Städte beliefern, bessere Preise erzielen und die Zwischenhändler ausschalten. Mit finanziellen Reserven überstehen sie selbst länger andauernde Dürren erheblich besser.

Jedes Rezept für einen Cocktail klingt zunächst simpel. Es kommt darauf an, was der Barkeeper daraus macht. Passt er es regionalen Gegebenheiten an? Verändert er die Mixtur nach den schwankenden Bedürfnisse des Marktes? Und schließlich: Zu teuer darf auch ein alkoholfreier Cocktail nicht sein, sondern bereitet trotzdem Kopfschmerzen. Unser nachhaltiger Agrarcocktail ist günstig, flexibel und gesund. Endlich ein Konferenzergebnis nach meinem Geschmack.

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