Endlich wieder Schule in Sierra Leone!

Endlich wieder Schule in Sierra Leone - mit Lernmaterialien von World Vision!

Es ist ein Moment der Hoffnung, aber auch der Anfang eines langen Prozesses: In Sierra Leone schultern heute rund 1,7 Millionen Kinder zum ersten Mal seit neun Monaten wieder ihre Schultaschen. Sie kehren voller Wissbegier in die Klassenzimmer zurück, die sie wegen der Ebola-Epidemie verlassen mussten. Doch viele Jungen und Mädchen sind auch traumatisiert, ihre Unsicherheit ist groß. Im Interview erklärt die Ärztin Alison Schafer die großen Herausforderungen, die es jetzt zu meistern gilt.

Warum ist es so wichtig für Kinder in Sierra Leone,  jetzt zurück in die Schule zu gehen, auch wenn das Schuljahr nur noch zwei Monate dauert?

Alison Schafer: Die Vorteile für sie sind ganz vielfältig. Natürlich gibt es den Bildungsaspekt, aber auch die sozialen Vorteile, die den Kindern helfen werden, sich von der Krise zu erholen. Kinder fühlen sich wohler unter Gleichaltrigen. Sie haben in der Schule mehr Möglichkeiten zu spielen als zu Hause, wo sie immer Haushaltsarbeiten erledigen müssen.  Spiele sind enorm wichtig für das Lernen der Kinder. Außerdem werden sich die Kinder allmählich sicherer vor Ebola und anderen Bedrohungen fühlen, wenn sie wieder  ein strukturiertes Alltagsleben bekommen. Struktur und Routine gibt Kindern und Jugendlichen Sicherheit, weil sie ein Stück Vorhersehbarkeit ins Leben bringen.
Children in Classroom listening to lesson been taught. Credit Jonathan Bundu World Vision_web

Die Kinder waren neun Monate nicht in der Schule. In dieser Zeit haben mehr als 8000 Kinder ihre Eltern verloren. Manche waren selbst krank, viele haben Verwandte begraben müssen. Alle waren stark eingeschränkt in ihrem Leben. Wie können sich alle diese Mädchen und Jungen wieder eingewöhnen in der Schule?

Die meisten werden sehr froh über die Rückkehr in die Schule sein, aber es wird mehrere Wochen dauern, bis die Kinder wirklich dort wieder angekommen sind und Fuß gefasst haben. Die Lehrer müssen verstehen, dass das Schulleben eine Weile lang nicht normal sein wird. Es ist sehr wichtig, die Kinder aktiv sein und nicht einfach nur in Schulbänken sitzen zu lassen. Die Lehrer sollten die Kinder und Jugendlichen ermutigen, ihre Gefühle auszudrücken, sie aber nicht dazu zwingen.  Einige Kinder könnten sehr ängstlich sein – nicht so sehr wegen der Frage, wer Ebola gehabt haben könnte, sondern vor dem Versagen in der Schule. Sie fragen sich, ob sie alles vergessen haben.
Es wird für alle eine interessante und herausfordernde Zeit. Eltern mögen denken, dass es jetzt einfacher wird, weil die Kinder in der Schule sind, aber es kann sein, dass ihre Töchter und Söhne nach dem Unterricht sehr müde sein werden.  Nicht nur die Lehrer, auch die Eltern sollten verstehen, was ihre Kinder fühlen.

Geregelter Alltag heißt für viele Kinder auch: Es gibt wieder Mittagessen in der Schule. Diese zwei haben's gerade aufgefuttert (Foto: Jonathan Bundu/World Vision)

Geregelter Alltag heißt für viele Kinder auch: Es gibt wieder Mittagessen in der Schule. Diese zwei Mädchen haben’s gerade aufgefuttert (Foto: Jonathan Bundu/World Vision)

Gibt es Unterschiede zwischen älteren und jüngeren Kindern bei den Reaktionen?

Ja. Die älteren Kinder haben  mehr Erinnerungen und sie verstehen, was sie verpasst und vielleicht verlernt haben. Sie haben auch weniger Zeit, Versäumtes aufzuholen.  Manche werden den Zugang zur Universität verlieren, zu den erträumten  Jobs, und das ist ihnen vollkommen klar.  Es wird besonders hart für Teenager, die ja eh mit vielen Problemen und Fragen im Leben klar kommen müssen.

Sind die Lehrer darauf vorbereitet, auf die psychosozialen Bedürfnisse der Schüler einzugehen?

Das ganze Umfeld für die Kinder sollte unterstützend sein.  Aktivitäten können hilfreich sein, zum Beispiel  können Kinder beim Malen oder Singen, bei Tanz oder Sport gut ihre Gefühle ausdrücken. World Vision hat mit Ausbildern von Lehrern in einem dreitägigen Workshop  erarbeitet, wie man Kinder zu Kreativität ermutigen und wie man eine entspannte, freundliche Atmosphäre in einem Klassenzimmer schafft.  Wir sind jetzt darauf angewiesen und hoffen, dass Lehrer das Erlernte annehmen und umsetzen.

Guter Dinge, auch wenn große Herausforderungen anstehen: Lehrer in Sierra Leone (Foto: Jonathan Bundu, World Vision)

Guter Dinge, auch wenn große Herausforderungen anstehen: Lehrer in Sierra Leone (Foto: Jonathan Bundu, World Vision)

Was ist mit Kindern, die spezielle Aufmerksamkeit brauchen? Wie können die Lehrer ihnen helfen?

Wir haben mehr als 1.000 Lehrerinnen und Lehrer darin trainiert, Stresssymptome bei Kindern zu erkennen – mangelnde Konzentrationsfähigkeit, Reizbarkeit und Hyperaktivität zum Beispiel – und ein Auge dafür zu bekommen, welches Kind Hilfebenötigt. Die Lehrer sind aufgefordert, diese Kinder dann mit sozialen Diensten in ihrem Umfeld zusammen zu bringen und Angebote in ihren Gemeinden zu nutzen, zum Beispiel  von Kirchgemeinden, Jugendclubs oder auch Gesundheitszentren. In jedem Distrikt gibt es eine medizinische Fachkraft für psychische Gesundheit, die individuell beraten kann.

Werde ich die Schule jetzt schaffen? Diese Frage bewegt viele Kinder in Sierra Leone (Foto: Jonathan Bundu/World Vision)

Werde ich die Schule jetzt schaffen? Diese Frage bewegt viele Kinder in Sierra Leone (Foto: Jonathan Bundu/World Vision)

Die Regierung von Sierra Leone setzt für die nächsten zwei Jahre die Schulgebühren aus, um den Kindern die Rückkehr zu erleichtern. Gibt es dennoch Kinder, die vom Schulsystem ganz abgekoppelt sind?

Ja. Und unsere Rolle ist es, darauf zu achten, dass es keine Benachteiligungen gibt, dass also auch diejenigen wieder zur Schule gehen können, die während der Krise Geld mit dem Sammeln und Verkauf von Brennholz oder als Motorrad-Taxifahrer verdienen mussten.  Für diese Kinder und Jugendlichen aus den ärmsten Familien – es sind viele Mädchen darunter –  wird es nicht einfach sein, wieder zu Schülern zu werden, auch wenn sie nur einen kleinen Beitrag zum Familieneinkommen beigesteuert haben.

ALISON_SCHAFER_kleinDr. Alison Schafer arbeitet für World Vision in Sierra Leones Hauptstadt Freetown. Sie ist auf psychosoziale Hilfe spezialisiert und gehört zu den Autorinnen eines Handbuchs, das das Bildungsministerium Lehrern im ganzen Land zur Verfügung stellt. Darin wird gezeigt, wie man Stressanzeichen bei Kindern erkennen und damit umgehen kann.

World Vision Deutschland unterstützt die Wiederaufnahme des Unterrichts in Sierra Leone unter anderem mit Handwaschstationen, Seifen und Infrarot-Thermometern für die Schulen, denn Hygiene und Information sind wichtige Pfeiler in der Bekämpfung von Ebola. Außerdem stellt die internationale Kinderhilfsorganisation rund 58.000 Patenkindern Bücher, Schuluniformen und Arbeitsmaterial zur Verfügung, damit sie wieder in den Schulalltag zurückfinden können.

In den vergangenen Monaten haben wir in Sierra Leone den Schulunterricht via Radio unterstützt, Ebola-Aufklärungsmaßnahmen und Hausbesuche in 25 Projektgebieten durchgeführt, in sechs Distrikten vorbeugende Gesundheitsaufklärung durchgeführt und den Einsatz von Beerdigungsteams koordiniert. Bislang ist kein World Vision-Patenkind an Ebola erkrankt.

Für Ihre Unterstützung im Kampf gegen Ebola sind wir dankbar.

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