„SOS Europa… verschlungen von den Wellen“

D087 0458 10_461818

Von Marius Wanders, World Vision International-Vertreter bei der EU

Zur Zeit sehen wir im Internet und in den Zeitungen die fürchterlichen Bilder der Bergungsarbeiten der italienischen Küstenwache, nachdem ein Schiff mit vermutlich 950 Menschen an Bord gesunken ist. Dreihundert der Flüchtlinge sollen unter Deck eingesperrt gewesen sein. Es ist das schwerste Unglück seit Jahrzehnten, so viel steht fest. Das Bild von dem Mann, der den kleinen, toten Körper eines Kindes an Land trägt, nachdem ein weiteres Boot die Überfahrt nicht geschafft hat, hat sich vielen ins Gedächtnis gebrannt.

D087 0458 09_461816

Ein Leben ist so viel mehr, als es je eine Statistik darstellen könnnte. Statistiken, die wir zur Zeit oft in Zeitungen, im Fernsehen und auch in den Vorlagen und Entwürfen der Regierungen zu Gesicht bekommen. Jeder der Schiffbrüchigen, der Ertrunkenen ist das schöne und unschuldige Kind von jemanden, ist eine liebende Mutter oder ein sorgender Vater. Ganz nah, schon fast mit einem Fuß in Europa, ohne die Chance, ein SOS zu senden, haben die Wellen sie verschlungen.

Können wir auch nur für einen Moment die Augen schließen und versuchen, uns einen Vater oder eine Mutter aus Syrien, dem Irak, Somalia, aus Niger oder einer anderen von Krieg zerütteten Region vorzustellen, die in einem Boot sitzen, voller Angst, hungrig, frierend, mit ihren Kindern im Arm zwischen hundert Anderen, die vor Gewalt , Vergewaltigung und Hunger geflohen sind?

D087 0458 06_461810

Können wir uns überhaupt vorstellen, was es bedeuten muss, für die vage Möglichkeit, es bis nach Europa zu schaffen, alles zurück zu lassen? Nicht aus Abenteuerlust, sondern um den Kindern den Hauch einer Chance auf eine Zukunft zu geben – und dafür alles zu riskieren? Alle Ersparnisse, sogar das eigene Leben?

Wenn wir das können, egal wo wir in Europa wohnen unabhängig von unserem sozialen oder wirtschaftlichen Status, dann sollten uns verpflichtet fühlen aufzustehen, voller Wut über diese menschliche Tragödie, bei der so viele Menschen bereits ihr Leben verloren haben und unsere Regierungen auffordern, endlich mutig und wirksam zu handeln. Wir haben in Europa ausreichend Ressourcen, Technologien und Fähigkeiten, um diese Leben zu retten.

D087 0458 12_461822

Was wir aber zur Zeit erleben ist die Bankrotterklärung der bisherigen Einwanderungspolitik der EU – deren Umsetzung in Wirklichkeit eine Brutstätte für die kriminellen Schleuser darstellt, die von der Verzweiflung tausender Flüchtlinge massiv profitieren.

Die „Mare Nostrum“-Such- und Rettungsaktion der italienischen Marine im Mittelmeer endete im November 2014. „Mare Nostrum“ war recht erfolgreich. Es gelang, etwa 150.000 Menschen innerhalb eines Jahres zu retten. Italien begann die Aktion im Oktober 2014, nachdem bei zwei Schiffsunglücken vor der Insel Lampedusa mehr als 400 Menschen ertrunken waren. Die italienische Regierung gab für „Mare Nostrum“ rund 114 Millionen Euro aus und kam zu dem Schluss, erfolgreich gewesen zu sein.

Die „Triton“-Mission ersetzte „Mare Nostrum“, koordiniert von der EU-Grenzschutzagentur Frontex, von der EU finanziert. „Triton“ soll rund 7000 Menschen gerettet haben seit November 2014. Doch allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres sind schon mehr als 1500 Kinder, Frauen und Männer bei dem Versuch einer Überfahrt gestorben – 50 mal mehr als im Vorjahr.

D177-0045-01_537116

World Vision fordert, die katastrophal ineffiziente „Triton“-Mission durch eine vollwertige Rettungsoperation zu ersetzen, anknüpfend an „Mare Nostrum“.

Diese humanitäre Tragödie im Mittelmeer stellt die Europäische Union vor eine existienzielle Krise der Moral, der gemeinsamen Werte und der Menschenrechte. Und diese Krise kann nur bewältigt werden durch reichlich politischen Mut und einen gemeinsamen starken politischen Willen, an dem es in diesen Tagen zu mangeln scheint.

Am Montag, dem 20. April 2015, wurde von dem EU-Kommissar für Migration Avramopoulos bei der gemeinsamen Sitzung der Außen- und Innenminister ein 10-Punkte-Plan präsentiert. Dieser Plan wird den Staats- und Regierungschefs in ihrer Sondersitzung am Donnerstag, den 23. April vorgelegt.

Es ist beeindruckend und lobenswert, in so kurzer Zeit zwei derart hochkarätig besetzte Treffen zu ermöglichen. Allerdings ist die Liste der Sofortmaßnahmen weniger beeindruckend und lässt nicht auf eine baldige Änderung der EU-Einwanderungspolitik hoffen.

Einige der vorgeschlagenen Maßnahmen betreffen die Schleuser und ihre Vermögenswerte. Das ist sicherlich eine nötige Maßnahme, allerdings ändert es nichts an der verzweifelten Situation der Menschen, die vor Gewalt und Not fliehen. Es wird den Druck erhöhen, andere Möglichkeiten der Flucht in Erwägung zu ziehen.

W177-0018-010_658110

Auch die anderen Vorschläge konzentrieren sich nicht auf die Kern des Problems.
Es scheint so, als sei weiterhin die Priorität der EU, die Menschen „raus zu halten“ und „raus zu schaffen“, als sie zu schützen. World Vision International fordert daher die EU auf, ihre bisherige Politik zu ändern.

– Der Schutz der Kinder muss Priorität haben.
– Legale Wege in die EU müssen geschaffen werden, z.B. durch EU-Vertretungen in Drittstaaten, an die sich Flüchtlinge oder Asylsuchende wenden können.
– Die Belastungen müssen von allen EU-Mitgliedsstaaten getragen werden und nicht allein von den Mittelmeer-Ländern.
– Die Rettungsmission im Mittelmeer muss erneuert und erweitert werden.
– Die Transitländer müssen stabilisiert werden, durch Programme und Investitionen müssen Frieden und Stabilität geschaffen werden.

In diesem Jahr feiert die EU das Jahr der Entwicklung und die internationale Gemeinschaft begeht die Verabschiedung eines neuen und ehrgeizigen Plans für nachhaltige Entwicklung. Doch die fortwährende Tragödie im Mittelmeer wirft einen dunklen Schatten.

Es ist an der Zeit diese Tragödie zu beenden.
Es ist möglich sie zu beenden.

2 Kommentare

  1. Matthias Eckerle, 22. April 2015

    Mögen diese schlechten Hirten, die die Schafe vernachlässigt und vertrieben haben, mit der selben Boshaftigkeit ihrer Handlungen heimgesucht werden.

    Matthias Eckerle

  2. Katharina Diwo, 27. April 2015

    Wieviel Millionen kostet der Bau und der Unterhalt der gigantischen Abwehranlagen, dieser unmenschlichen Grenzanlagen? Dieses sinnlos ausgegebene Geld könnte helfen die wirtschaftliche Not in Afrika zu lindern. Ich denke dabei an Hilfe zur Selbsthilfe. Es ist nicht zu tolerieren dass wir Waffen liefern in Krisenländer, einen ganzen Kontinent plündern und uns über die von uns verursachte Not der Flüchtlinge hinwegsetzen. WIR tragen eine Mitschuld für die Verelendung in Afrika und wir müssen mit den Konsequenzen leben. Können wir den Tod so vieler verzeifelter Menschen einfach wegstecken? An Merkel und Co habe ich eine Frage: wer gibt euch das Recht zu entscheiden was gute oder schlechte Migranten sind? Habt ihr die Mauer vergessen?

Schreiben Sie einen Kommentar


− 3 = drei