Der verrückte weiße Bauer

Tony Rinaudo (r.) im Gespräch mit Bauer Ergene in Humbo, Äthiopien (Foto: Silvia Holten/World Vision)

Wir fahren nach Südäthiopien in die Region Humbo. Etwa sechs Stunden dauert die Fahrt von Addis Abeba aus. Vor vielen hundert Jahren war Äthiopien ein grünes Land, heute sind viele Regionen völlig vertrocknet. Wir sind erschrocken, wie degradiert das Land teilweise ist. Oft sehen wir tiefe Gräben von drei und mehr Metern Tiefe, die der Regen und die Fluten in die Erde gefressen haben. Hier und da stehen einzelne Bäume auf grauen, von der Sonne ausgedörrten Äckern. Rinder und Ziegenherden drängen sich im Schatten. Die Hitze lässt die Luft über dem Boden flimmern.

Tony Rinaudo, Experte für Wiederaufforstung und Landwirtschaft bei World Vision, begleitet uns. Seit mehr als 30 Jahren kämpft er  unermüdlich, um seine preiswerte und erfolgreiche Methode der Wiederaufforstung in Afrika bekannt zu machen. Zunächst versuchte er zu Beginn der 80er Jahre in Niger Millionen Bäume neu anzupflanzen, aber fast alle gingen wieder ein. Hundertausende Dollar wurden im Sand versenkt.

Tiefe Furchen, Erosion: Degradiertes Land auf dem Weg nach Humbo (Foto: Silvia Holten/World Vision)

Tiefe Furchen, Erosion: Degradiertes Land auf dem Weg nach Humbo (Foto: Silvia Holten/World Vision)

Doch dann entwickelte Tony die regenerative Wiederaufforstungsmethode FMNR (Farmer Managed Natural Regeneration), die auf vorhandenem und intaktem Wurzelwerk basiert. Er versuchte, die Bauern in Niger zu überzeugen, ein kleines Gebiet Ackerboden abzusperren und zu schützen. Doch keiner wollte ihm glauben, dass eine so einfache und preiswerte Methode Erfolg haben könnte. Die Bauern nannten ihn den verrückten weißen Bauern, der immer nur Unsinn erzählt. Nur weil Tony ein gutes Verhältnis zu der Dorfbevölkerung hatte, vertrauten sie ihm und versprachen, ihn bei seinem Experiment zu unterstützen.

Der Erfolg begeisterte alle. Schon nach einem Jahr zeigten sich Erfolge. Aus den Wurzeln waren wieder kleine Bäume und Sträucher gewachsen. Bis heute konnte mit Hilfe der Methode in Niger ein Gebiet von mehr als fünf Millionen Hektar regeneriert werden. Wüsten wurden wieder grün, und die Bauern, die die FMNR-Methode auf ihren Äckern anwandten, konnten manchmal doppelt bis dreifach so hohe Ernteerträge einfahren als vorher.

Heute heißen viele Kinder in Niger Tony. Die Bauern verliehen Tony den Titel „Chef aller Bauern“.

"Der Chef aller Bauern" unter einem Moringa-Baum (Foto: Sivlia Holten/World Vision)

“Der Chef aller Bauern” unter einem Moringa-Baum (Foto: Sivlia Holten/World Vision)

Ein Traum wird Realität

Seit dieser Zeit reist Tony durch die ganze Welt und versucht in Workshops und auf Konferenzen, Bauern von der FMNR-Methode zu überzeugen. Doch die Wiederstände sind hartnäckig. Viele Akteure im Bereich der Forstwirtschaft haben kein Interesse an einer preiswerten und schnellen Wiederaufforstungsmethode.

Ich frage Tony, wo er diese Energie und den Kampfgeist hernimmt. „Als ich damals in Niger durch die Wüste fuhr, war ich kurz davor zu verzweifeln“, erklärt Tony, „und ich fragte Gott, ‚Warum hast Du mich hierher geschickt?. Es ist doch alles zwecklos.‘ Doch als ich aus meinem Auto stieg, um Luft aus den Reifen zu lassen, damit ich besser durch den lockeren Sand fahren konnte, sah ich kleine Büschel mit grünen Blättern überall aus dem Boden ragen. Als ich tiefer grub, erkannte ich, dass unter diesen Büscheln ein riesiges Wurzelwerk, ein unterirdischer Wald vorhanden war. Dies öffnete mir die Augen.“

Das Erlebnis in der Wüste Nigers ließ Tony nicht mehr los. Als Verantwortlicher für World Vision-Projekte in Äthiopien startete er 2004 in der Humbo Region mit ersten Workshops, um FMNR bekannt zu machen. Auch hier stießen er und die Kollegen anfangs auf Skepsis, da die Bauern zunächst dachten, World Vision wolle ihnen das Land wegnehmen. Doch die Lage in Humbo war so verzweifelt – mehr als 20 Jahre lang kam es in der Provinz immer wieder zu Hungersnöten, immer wieder musste World Vision die Bevölkerung mit Nahrungsmittelhilfe unterstützen. Daher ließen sich einige Bauern erweichen und halfen Tony, ein kleines Stück Land zu schützen und zu pflegen.

Bauer Ergene beim Beschneiden von Bäumen in Humbo (Foto: Silvia Holten/World Vision)

Bauer Ergene beim Beschneiden von Bäumen in Humbo (Foto: Silvia Holten/World Vision)

Als wir Humbo erreichen, können wir unseren Augen kaum trauen. Nach der Fahrt durch trockene Regionen sehen wir hier ein grünes Paradies. Wo zuvor nur karge Hügel zu sehen waren, bedeckt nun dichter Wald die sanfte Landschaft. Bauer Ergene ist mit den Mitgliedern seiner Kooperative verabredet, da heute die Bäume beschnitten werden müssen, damit sie groß und kräftig werden. Ergene erzählt, wie es war, bevor der Wald wieder wuchs: „Vor FMNR waren die Hügel sehr trocken. Erosion war ein großes Problem. Immer wenn es regnete, gab es große Überflutungen. Riesige Felsbrocken rollten den Berg hinab und zerstörten unsere Ernten. Manchmal blieb der Regen komplett aus, dann vertrocknete das Korn. Ohne Nahrungsmittelhilfe wären wir hier alle verhungert.“

Heute erntet Ergene eine Vielfalt an Gemüse- und Obstsorten, wie Mangos, Bananen, Papayas, Kartoffeln, Sorghum, Kaffee, Sojabohnen und Mais. Seine 10 Kinder gehen alle zur Schule, die älteren besuchen inzwischen die Universität. Früher mussten die Kinder weite Wege laufen, um Brennholz  und Wasser für die Familie zu holen. Zeit für die Schule gab es oft nicht.

An einer neu entstandenen Quelle holen Mädchen aus Humbo heute Wasser (Foto: Silvia Holten/World Vision)

An einer neu entstandenen Quelle holen Mädchen aus Humbo heute Wasser (Foto: Silvia Holten/World Vision)

Tony strahlt über das ganze Gesicht. Sein Traum ist Realität geworden. „Es ist wundervoll, was die Menschen hier vollbracht haben“, weist er bescheiden den Erfolg von sich. Er erklärt den Mitgliedern der Kooperative, wie sie noch besser die Bäume beschneiden können und diskutiert mit Ergene, dass er noch mehr Bäume auf seinem Acker stehen lassen sollte. Dadurch hätten die Pflanzen mehr Schatten und die Ernteerträge könnten so gesteigert werden. Maximal bis zu 36 Grad Hitze können Pflanzen ertragen, erklärt uns Tony später.

Wie Wald zu wirtschaftlichem Erfolg beiträgt

Der Wald hat das Leben der Menschen in Humbo nachhaltig verbessert. Die abgeschnitten Äste können als Brennholz verwendet werden, die Menschen sammeln Stroh für ihre Haustiere. Die Erträge und Früchte aus dem Wald können auf  dem Dorfmarkt verkauft  werden. Früher mussten die Menschen weit laufen  und das Stroh und Brennholz teuer einkaufen. Heute bringt es ihnen zusätzliches Einkommen. Die natürlich in Afrika beheimateten Bäume sind zurückgekommen und liefern zusätzliche Nahrung und Medizin. Einige Bauern lassen Nutzbäume auf ihren Feldern wachsen. Selbst wenn die Ernte mal schlecht ausfallen sollte, liefern diese Bäume zusätzliche Nahrung, wie z.B. der Moringa-Baum. Seine Blätter und Früchte kann man essen, einige Pflanzenteile werden zu Pulver verarbeitet und dienen als Medizin z.B. bei Kopf- und Magenschmerzen. Heute kauft sogar das World Food Programm in der Region ein, um in anderen Teilen Afrikas Menschen zu helfen, die von Hungersnöten bedroht sind. „Niemand auf der Welt müsste hungern“, sagt Tony. „Durch FMNR können riesige Teile der Erde wieder begrünt werden. Die Menschen müssen nur die Augen öffnen. Überall wachsen Bäume unter der Erde.“

Der Schutz der Natur und der Bäume gehörte in vielen Teilen Afrikas und auch weltweit zu den natürlichen Verhaltensweisen der Menschen, doch das alte Wissen ging verloren.

Bauer Katmar lässt jetzt Bäume auf seinem Acker stehen - der Schatten, den sie bringem, sorgt für höhere Erträge (Foto: Sivlia Holten/World Vision)

Bauer Katmar lässt jetzt Bäume auf seinem Acker stehen – der Schatten, den sie bringem, sorgt für höhere Erträge (Foto: Sivlia Holten/World Vision)

Neue Träume entstehen

Wir fahren in ein anderes nahe gelegenes Regionalentwicklungsprojekt und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Region ist bergig, überall wächst dichter Wald und als wir einen kleinen Weg entlang laufen, treffen wir auf einen Bach mit klarem, kalten Wasser. Wie man uns erklärt, gibt es in dem Gebiet wieder 13 Quellen, die vor 10 Jahren noch versiegt waren. Der Bach hat das ganze Jahr über Wasser. Vor der Wiederbewaldung floss nur dann Wasser, wenn es zuvor geregnet hatte. Sogar einen Wasserfall, in dem die Kinder kreischend sich vergnügen, gibt es. Die Landschaft erinnert uns an den Schwarzwald.

Die Gemeinde, die für dieses Gebiet zuständig ist, hat große Träume. Sie wollen in den Tourismus investieren. Ein Gelände, auf dem gezeltet werden kann, gibt es bereits. Zwei landestypische Hütten aus Stroh wurden gebaut, in denen traditionelle äthiopische Gerichte zubereitet werden sollen.

Campingplatz mit Hütte für traditionellen Äthiopienurlaub (Foto: Silvia Holten/World Vision)

Campingplatz mit Hütte für traditionellen Äthiopienurlaub (Foto: Silvia Holten/World Vision)

Wir alle sind tief bewegt. Im Rahmen einer äthiopischen Kaffeezeremonie stoßen wir mit dem leckeren äthiopischen Kaffee an und wünschen den Menschen in der Region aus tiefstem Herzen viel Erfolg.

Möchten Sie FMNR unterstützen? Das ist z.B. duch eine Kinderpatenschaft in Äthiopien möglich.

4 Kommentare

  1. Eckner, 6. März 2016

    Hallo, sehr interessantes thema. Aber ich kann keinerlei Literatur oder Dokumentations-Videos finden… Kann mir jemand helfen? Vielen Dank

  2. cornelia Mohrig, 27. Mai 2016

    Für diesen wundervollen Beitrag – rübergschickt bin ich durch ” Newslichter ” – herzlichsten Dank ! Love and Peace round the Globe , and the selfhealing energy of our Globe is not destroyed , Yeah ! , Nelly , bzw. CM, Germany

  3. Gabriele Lehner, 29. Mai 2016

    Das entscheidende passiert wohl immer dann wenn ein Mensch eine Vision hat, diese als wegweisend erkennt und sie mit Geduld und Ausdauer zum Leben bringt. Die Beschreibung des Wurzelwerks unter der Erde ist wundervoll!!!
    Danke an die Autorin für diesen inspirierenden und hoffnungsvollen Bericht.
    Einen schönen Sonntag!
    G.L.

  4. Michaela Möller, 16. April 2017

    Ein absolut mutmachender Artikel. Es müssten viel mehr Informationen dieser Art veröffentlicht und verbreitet werden.

    Die Bäume scheinen wohl nur darauf zu warten, dass der Mensch sie “lässt”, um dann den Menschen zu helfen.

    Ähnliches erreicht auch der Lanwirt Sepp Holzer.

    Liebe Grüsse
    Michaela

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