Kinderarbeiterin in einer Textilfabrik

Ernster Blick auf ernste Tatsachen. "Ich muss realistisch sein", sagt ihre Mutter, die selbst schon als Kind arbeiten musste. 
Foto: Mark Nonkes

Mindestens jedes 10. Kind auf der Welt muss arbeiten, damit seine Familie überleben kann. Viele dieser Kinder stellen Produkte her, die wir konsumieren. Bithi aus Bangladesh zum Beispiel näht 12 Stunden pro Tag Taschen für Designer-Jeans, die sie sich selbst nie leisten kann. Solche Kinderarbeit zerstört Träume und Entwicklungschancen von Millionen Mädchen und Jungen. Jeder kann etwas dagegen tun!

Die Nadel summt, Finger fliegen und verschiedene Stoffstücke sind in Rekordgeschwindigkeit zusammengenäht. „60 Taschen pro Stunde“ , erklärt die 15jährige  Teenagerin hinter der Nähmaschine.

Mit 20 anderen Bangladeshi-Frauen in einem Raum im zweiten Stock zusammengequetscht, schaut das Mädchen auf Nadel und Faden, während flimmernde Lampen dicht über ihrem Kopf Licht und Wärme abstrahlen. Bithi fabriziert Designer-Jeans, die sie sich selbst nie leisten könnte.

Kinderarbeiterin in einer Textilfabrik

Drückende Armut und ein kranker Vater brachten Bithi und eine ihrer Schwestern – als die ältesten Töchter der Familie – in die Textilfabrik. Wie tausende anderer Kinder in Bangladesch nähen sie Kleidung, die in reicheren Ländern gekauft und getragen werden.

“Am ersten Tag fühlte ich mich elend. Ich dachte: Das hier ist nicht gut für mich. Ich war noch zu klein. Ich war umgeben von älteren Menschen. An diesem ersten Tag habe ich geweint“, erinnert sie sich. Aber diese Tränen wurden vor drei Jahren vergossen. Jetzt ist die Arbeit hier Routine für sie. Jeden Tag arbeitet sie an der Herstellung von mindestens 480 Jeanshosen mit, für 83,3 Taka Lohn (umgerechnet kaum ein Euro).

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In gewisser Hinsicht ist Bithi dankbar für ihre Arbeit. Ihre Fabrik sei sein guter Arbeitgeber, sagt sie bestimmt. Ihr Boss, der 24jährige Muhammad Shoel Rana, hält Bithi für eine gute Arbeiterin und hat sie schnell von einer Helferin zu einer Näherin befördert.

“Junge Leute sind normalerweise schneller, sie haben eine gute Arbeitsgeschwindigkeit“, sagt er. Seine Firma ist klein, lebt als Subunternehmen von Aufträgen größerer Textilfrabiken – und die Regierungspolitik zu Kinderarbeit greift hier nicht – wie an so vielen anderen Arbeitsplätzen auch.

Die Löhne, die wir in dieser Fabrik zahlen, sind nicht hoch genug; das sehe ich auch als Leiter so“, gibt Muhammad zu.


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Es ist okay, findet aber Bithi. Sie ist froh, dass es wenig Probleme, keine Feuer, aber einen netten Boss gibt. Als sie sich einmal an der Nähmaschine verletzte und die Nadel das Blut aus ihrem Finger spritzen ließ, durfte sie den Rest des Tages frei machen, um die Wunde heilen zu lassen.

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Bithis Zukunft ist aus Sicht ihrer Mutter eine arrangierte Ehe. Die 39jährige Feroza hat schon einen passenden Mann für ihre Tochter im Auge, den 8 Jahre älteren Vorarbeiter, einen Mann aus einer nicht ganz so armen Familie. Er habe schon Interesse gezeigt, sagt sie.

Feroza kann die Gründe für den Einstieg ihrer beiden ältesten Töchter als Kinderarbeiterinnen in der Textilindustrie unmissverständlich benennen. “Wir hatten kein Essen, nicht einmal Reis. Ich muss weinen, wenn ich an diese Zeit zurückdenke. Ich dachte, es sei besser für uns zu sterben als zu hungern.“ Sie erzählt dies in dem einen Raum, in dem alle 8 Mitglieder der Familie schlafen und wohnen.

Ferozas Ehemann war zu dieser Zeit bettlägerig. Er konnte nicht arbeiten. Die Familie rutschte in eine gefährliche Krise. 1,5 Jahre lang kämpfte Feroza mit Haushaltsdiensten und der Herstellung von Taschen, um das Überleben der Familie. Das Einkommen reichte einfach nicht. Nahrungsmittel mussten von Verwandten und Nachbarn geliehen oder erbettelt werden. Und dann gab es noch die Nächte, in denen die Kinder vor Hunger weinten – leere Teller. Feroza wusste, dass sie von dem Mitleid der anderen nicht mehr lange leben konnten.

Also, tat sie was ihre Eltern auch schon getan hatten, als sie zusammen nach Dhaka gekommen waren: sie schickte ihre älteste Tochter Doli, damals 12 Jahre alt, in die Fabrik.

“Bevor ich noch anfing von einer Zukunft zu träumen, begann ich zu arbeiten“, sagt Doli, heute 19 Jahre alt. Als Bithi dann ihren 12. Geburtstag hinter sich hatte, wurde sie ebenfalls in die Fabrik geschickt.

Bithi und ihre Schwester Doli mussten sich früh von ihrer Kindheit verabschieden und werden vermutlich bald verheiratet. Foto: Mark Nonkes

Bithi und ihre Schwester Doli mussten sich früh von ihrer Kindheit verabschieden und werden vermutlich bald verheiratet. Foto: Mark Nonkes

“Als Mutter bin ich traurig darüber, aber ich muss trotzdem realistisch sein“, erklärt Feroza.

Die Arbeit lässt Bithi keine Zeit für einen normalen Schulbesuch. Sie besuchte nach der Arbeit aber bis vor einiger Zeit den Grundschulunterricht eines World Vision-Bildungsprojektes für Straßenkinder. Das war immer das Highlight des Tages, sagt sie.

Helfen Sie mit uns arbeitenden Kindern und unterstützen Sie uns dabei, Mädchen und Jungen aus Bangladesch vor der Zerstörung ihrer Lebensträume zu bewahren!

Im Norden des Landes arbeitet unser Projekt “Hoffnung für ein neues Leben” darauf hin, die Situation von rund 12.000 Kindern aus sehr armen Familien zu verbessern.  Schutz-und Hilfsmaßnahmen gehen bei dem Ansatz des Projekts Hand in Hand.  Was wir dort seit 2012 mit Spenden erreicht haben, erfahren Sie in unserem nächsten Blog.

World Vision unterstützt in Dhaka und im Norden des Landes Bildungszentren für arbeitende Kinder.  Mit den Kindern und ihren Familien, den Unternehmen und    vielen lokalen Partnern arbeitet World Vision außerdem darauf hin, dass auch die ärmsten Familien nicht dazu gezwungen werden, ihre Kinder ganztags arbeiten oder gar ausbeuten zu lassen.

World Vision unterstützt in Dhaka und im Norden des Landes Bildungszentren für arbeitende Kinder. Mit den Kindern und ihren Familien, den Unternehmen und vielen lokalen Partnern arbeitet World Vision außerdem darauf hin, dass auch die ärmsten Familien nicht dazu gezwungen werden, ihre Kinder ganztags arbeiten oder gar ausbeuten zu lassen.

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