Gaza, ein Jahr nach den Bombardements: Kinder haben neuen Lebensmut

GAZA_CFS_Jubel

„Während des Krieges hatte ich riesige Angst. Ich habe jede Nacht Alpträume gehabt,“ erinnert sich die 12-jährige Rania. Amal Om Fadi, eine Mutter, sagt: „Meine Kinder hatten große Furcht. Sie litten sehr unter ihrer Angst und zogen sich zurück.“

Im Sommer 2014 eskalierte der israelisch-palästinensische Konflikt. Innerhalb von sechs Wochen wurden im Gazastreifen 2.100 Menschen getötet, darunter viele Zivilisten. Zehntausende palästinensische Kinder mussten miterleben, wie nahe Familienangehörige oder Freunde starben oder verletzt wurden. Mehr als 17.000 Häuser wurden zerstört oder so stark beschädigt, dass niemand mehr darin wohnen konnte. Geschätzt eine halbe Million Menschen wurden zu Binnenvertriebenen.

Vielen Kindern brannten sich Schreckenserlebnisse tief in Gedächtnis und Seele ein. Matte Augen in blassen Gesichtern, verkrampfte Bewegungen und apathisches oder auch schreckhaftes Verhalten zeugten von ihrer Traumatisierung.

Hier entsteht ein Kinderschutzzelt

Hier entsteht ein Kinderschutzzelt

 

Heute, ein Jahr später, blickt man in Gaza wieder in zuversichtliche Kindergesichter. Mit dazu beigetragen haben die Spiel-und Lernangebote der Kinderzentren von World Vision. Sagen die Kinder selbst, so wie Rania: „Eines Tages kamen die Leute von World Vision zu uns und haben uns unterhalten und mit uns gespielt. Wir machten interessante Sachen, gemeinsam in der Gruppe. Diesen Tag werde ich nie vergessen. Sie haben uns die Hoffnung auf Zukunft zurückgegeben.“

Gaza_LaechelndesMaedchen

Gruppenaktivitäten wir Tanzen und Aufführungen bieten den Kindern freudige Abwechslung und stärken das Selbstbewusstsein

Überall im Gazastreifen sind inmitten zerbombten Graus bunte Räume entstanden, eingerichtet mit Kindermöbeln, Radio-und CD-Recordern,, Kisten voller Mal- und Spielzeug, ausgekleidet mit Spielteppichen, auf denen Autos intakte Straßen entlang fahren können, die es draußen selten gibt. An den Wänden hängen bunte Bilder. Auf einem steht auf Arabisch geschrieben: „Ich habe das Recht zu leben“. Die Kinder haben es mit farbigen Handabdrücken unterzeichnet. Die Betreuerinnen und Betreuer ermuntern die Kinder vor allem zur Bewegung und zu Aktivitäten, bei denen sie unbeschwert miteinander in Kontakt kommen, da dies ihre Selbstheilungskräfte fördert. „Wir spielen hier. Und lernen. Wir malen, machen Aufführungen, üben den Dabke-Tanz (einen orientalischen Folklore-Tanz, Anm. d. Red.). Wir haben gelernt, uns gegenseitig zu bestärken“, berichtet die 12-jährige Rahma. Und Mutter Amal sagt: „Als uns angeboten wurde, an diesem Projekt teilzunehmen, waren wir sehr glücklich“.

Mit Finanzierung durch Aktion Deutschland Hilft und das Auswärtige Amt hat World Vision im Gaza-Streifen elf Kinderzentren eingerichtet. Dort bekommen sie in sicherer Umgebung Aktivitäten angeboten, die ihnen dabei helfen sollen, ihren Alltag zu bewältigen und besser mit dem Erlebten zurechtzukommen.

Eine PFA-Mitarbeiterin spricht mit einer Familie

Eine PFA-Mitarbeiterin spricht mit einer Familie

Die Mitarbeiter in den Kinderschutzzentren werden dabei von PalästinenserInnen unterstützt, die die Organisation zuvor in psychologischer Erster Hilfe ausgebildet hat. Die PFA (Psychological First Aid)-Trainer helfen den Kindern und führen Familienbesuche in der Nachbarschaft durch. Kinder mit Betreuungsbedarf werden angeleitet, ihre Ängste und Befürchtungen durch Malen auszudrücken, und von den Betreuern dann dabei unterstützt, darüber zu sprechen. Andere Aktivitäten beinhalten etwa Theaterspiele und Gemeinschaftsangebote.

Man sehe am wiederkehrenden Lächeln der Kinder, wie der Einsatz Wirkung zeigt, sagt Mohammed Obaid, Mitarbeiter des Kinderschutzzentrums in Shelayla. „Wir verzeichnen viele Erfolgsgeschichten von Kindern, die zunächst durch die Angriffe auf Gaza schlimme Ängste hatten. Mit diesen Kindern haben wir wirklich viel erreicht“.

Spielerisch wieder lächeln lernen: Kinder und Mohammed Obaid im Kinderschutzzentrum

Spielerisch wieder lächeln lernen: Kinder und Mohammed Obaid im Kinderschutzzentrum

Dass es relativ rasch gelingt, die Kinder zu stabilisieren, ist vor allem dem Einsatz engagierter einheimischer Mitarbeiter in den Zentren zu verdanken, sagt Katja Wassermann, Gaza-Projektbeauftragte bei World Vision Deutschland. „Sie sprechen die Sprache der Kinder, sie bieten kulturell angepasste Aktivitäten an. Das führt dazu, dass die Kinder schnell Vertrauen fassen und sich auf die Angebote einlassen.“

Dieser direkte Kontakt unterscheidet die Arbeit von World Vision von der anderer internationaler Hilfsorganisationen, die häufig auf Mittler zwischen internationalen Fachleuten und den Kindern angewiesen sind. World Vision, bereits seit 40 Jahren mit Entwicklungsprojekten in Israel und Gaza aktiv, konnte unmittelbar nach der Krise auf ein Netz gut ausgebildeter palästinensischer Mitarbeiter zurückgreifen.

In Kursen werden die Kinder auch über Gefahren aufgeklärt, die sich aus dem Krieg ergeben können, wie etwa Blindgänger, mit denen sie erfahrungsgemäß spielen und die extrem verletzungsgefährlich sind.

GAZA_Gruppenarbeit

Insgesamt betreuen die Mitarbeiter der Zentren zeitgleich etwa 1500 Kinder, vorwiegend vormittags. Nach etwa drei Monaten, wenn die Jungen und Mädchen eine gute psychische Stabilität besitzen, ist die nächste Gruppe Kinder an der Reihe. Nachmittags sind die Kinderzentren dann für alle für Freizeitaktivitäten geöffnet – zusätzliche 300 Kinder aus der Nachbarschaft kommen dann jede Woche, um dort an einem sicheren Platz zu spielen.

Die Aktivitäten werden von zwei ehrenamtlichen Helfen von den lokalen Vereinen, die die Räumlichkeiten bereitstellen, und einem Mitglied des örtlichen Gemeinderats überwacht. „Diese Ehrenamtlichen einzubeziehen, ist wichtig, um die Nachhaltigkeit und schrittweise Übergabe der Zentren an die lokalen Vereine zu fördern“, sagt Katja Wassermann. Das soll bis September geschehen. Dann endet die psychosoziale Betreuung in den 11 Kinderzentren.

Auch wenn es für viele Kinder wieder bergauf geht und internationale Hilfe angekommen ist: Die Unterstützung im Gazastreifen bleibt insgesamt weit  hinter dem enormen Bedarf zurück. Durch die andauernde Blockade stagnieren die politischen Prozesse, die wirtschaftliche Entwicklung und die Lebensbedingungen verschlechtern sich zunehmend. Zehntausende Häusern, Krankenhäuser und Schulen, die während der Auseinandersetzungen zerstört oder beschädigt wurden, konnten bislang gar nicht oder nur schleppend wieder aufgebaut werden. Die Folge: Frustration und Verzweiflung in der Bevölkerung über den mangelnden Fortschritt.

Gaza_Ballonkinder

Und die Lebensbedingungen im Gazastreifen waren bereits vor dem erneuten Ausbruch des Konflikts schwierig. Die meisten Bewohner können sich nicht einmal die benötigten Lebensmittel leisten. Die über siebenjährige Blockade hat den Zugang zu Basisdienstleistungen wie Gesundheit, Wasser und Sanitär stark beeinträchtigt.

Darum unsere Bitte: Unterstützen Sie unsere Arbeit in Gaza weiter. Sie ist dringend erforderlich!

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