Liebesbrief an Nepal

Foto: Crislyn Felisilda / World Vision

Drei Monate liegen die großen Erdbeben in Nepal zurück. World Vision-Mitarbeiterin Crislyn Felisilda hat mit Helfer-Teams zahlreiche schwer erreichbare Bergdörfer aufgesucht. Sie hat die schwierige Situation der Dorfgemeinschaften erlebt, die jetzt noch durch den Monsun-Regen verschärft wird, aber auch einen starken Überlebenswillen und viel menschliche Wärme.

Foto: Cryslin Felisida / World Vision

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Ich wollte Nepal schon ewig als Rucksack-Tourist besuchen. Die majestätischen Gipfel der Himalaya-Berge, die kulturelle Vielfalt und die Festivals reizten mich. Das Erdbeben vor drei Monaten durchkreuzte nicht nur meine Pläne, sondern brachte mich für eine Aufgabe nach Nepal.

Ich wurde im World Vision-Nothilfe-Team gebraucht, als Berichterstatterin.

Zerstörte Häuser nach dem Erdbeben in Kathmandu. Foto: Cryslin Felisida

Zerstörte Häuser nach dem Erdbeben in Kathmandu. Foto: Cryslin Felisida

Bei meiner Ankunft in Kathmandu wurde ich gleich mit den Zeichen der Zerstörung konfrontiert. Häuser aus Ziegeln waren zusammengefallen. Zelte waren an offenen Plätzen errichtet worden. Historische Stätten in Kathmandu und Bhaktapur zu Staub zerfallen oder in Ruinen.

 Foto: Crislyn Felisilda / World Vision


Foto: Crislyn Felisilda / World Vision

Ich habe in meiner Heimat Philippinen schon oft Orte besucht, die durch Katastrophen ins Chaos gestürzt wurden, aber hier in Nepal ist es viel schwieriger diese Orte zu erreichen. Man braucht im Durchschnitt 6 Stunden, um einen Bezirk zu erreichen. Wegen der gigantisch hohen Berge muss man viele enge, steile Straßen und Wege benutzen. Es ist oft zum Fürchten, aber man hat keine andere Wahl.

In Bezirken wie Sindhuli bin ich mit unserem Helfer-Team über steile Berghänge geklettert und habe Flüsse durchquert, um Dörfer zu erreichen. Unterwegs haben uns lokale Bergführer oft gebeten gut acht zu geben, weil man jederzeit von Leoparden, Schlangen oder Tigern angegriffen werden könnte. Die Dorfbewohner und Kinder fürchten sich auch davor – besonders jetzt, wo viele von ihnen in Zelten leben.

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Foto: Crislyn Felisilda / World Vision

Schlimmer ist jetzt aber der Monsun-Regen. Die Erdbeben haben überall in der Region Erdrutsche ausgelöst. Die Erdrutsche haben Straßen verschüttet und zerfurchte, Berghänge hinterlassen, aus denen die nackte, frische Erde hervortritt. Dörfer, die früher schon schwer zu erreichen waren, kann man jetzt zum Teil überhaupt nicht mehr zugänglich. Viele dieser Bergdörfer sind bei dem Regen von neuen Erdrutschen bedroht.

Wenn ich unterwegs bin, fühle ich mich oft hin und her gerissen zwischen Zerstörung und Schönheit der Landschaft. Nepal, mit seinen 28 Millionen Menschen, bleibt majestätisch und schön auch nach der Katastrophe, die natürlich tiefe Wunden hinterlassen hat.

 Foto: Crislyn Felisilda / World Vision


Foto: Crislyn Felisilda / World Vision

Wo wir Hilfsmittel verteilen, kommen die Leute mit Eseln oder Maultieren oder laufen kilometerweit mit ihren doko (Holzkörben), um die Sachen nach Hause zu bringen. Normalerweise wohnen die Familien mit ihren Gemeinschaften an den Rändern der Berge – und es erscheint mir unfassbar, wie diese Menschen dort überlebt haben.

Foto: Crislyn Felisilda / World Vision

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Das World Vision-Nothilfe-Team gibt sein Bestes, um Kinder und Familien vor weiterem Leid zu schützen. Wir wollen ihnen helfen, nach dem Trauma wieder zu Kräften zu kommen. Viele kennen uns schon, denn wir arbeiten seit mehr als 15 Jahren in diesem Land – wir verbessern den Zugang zu Wasser und Hygiene, verhelfen Familien zu einem besseren Auskommen, Frauen zu mehr Rechten und besserer Gesundheit, Kindern zu mehr Schutz und Beteiligungsmöglichkeiten. Dadurch bestehen auch gute Verbindungen zur Regierung, zu lokalen Organisationen und natürlich den Dorfgemeinschaften

Foto: Crislyn Felisilda / World Vision

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Ich bin dankbar, dass wir trotz der vielen Herausforderungen in diesem Land in den drei Monaten nach dem Erdbeben das Leben von mehr als 132.000 Menschen durch Hilfslieferungen erleichtern konnten.

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Mehr als 4.000 Kinder sind in den kinderfreundlichen Räumen betreut worden, die wir eingerichtet haben, damit sie sich körperlich und emotional von den Schrecken der Beben erholen können.

Viel ist also in diesen letzten drei Monaten geschehen, aber wir haben auch noch viel Arbeit vor uns in den kommenden Monaten. Wir sind deshalb dankbar, dass uns Spenderinnen und Spender in die Lage versetzen, Menschen das zu geben, was sie – über kurzfristige Soforthilfe hinaus – zum Überleben brauchen. Dass wir zum Beispiel mit ihnen zusammen den Bau erdbebensicherer Häuser und Schulräume planen können. Dass wir Reparaturarbeiten an wichtigen Wasserversorgungsstellen oder auch Arbeitsmaterialien finanzieren können.


Bitte spenden Sie für unsere Kinderhilfsprojekte und Aufbauhilfen in Nepal.
Sicher online spenden.


Nepal ist eines der ärmsten Länder der Welt, aber nach meinem Eindruck gelingt es vielen Nepalesen, mit positiver Einstellung auf das Leben zu schauen, auch wenn sie nach der Katastrophe nicht wissen, wie es weitergehen wird. Ich bin glücklich, Kinder zurück in Schulen strömen zu sehen und ein Stück Normalität zurückzugewinnen.

Foto: Crislyn Felisilda / World Vision

Foto: Crislyn Felisilda / World Vision

Oft behindert die Sprachbarriere meine Kommunikation (anders als bei unseren nepalesischen Mitarbeitern), aber die Augen der Menschen, die ich treffe, verraten viel über ihre Kräfte und Widerstandsfähigkeit. Ich erlebe viel Wärme, Herzlichkeit und Gastfreundschaft. Jeder grüßt mich mit Willkomensgesten und einem warmen „Namaste“.  Die Nepalesen haben mir das Gefühl gegeben, hier nicht fremd zu sein.

Bevor ich zurückkehre in mein normales Leben, hoffe ich  mehr von den
Freuden, unerzählten Geheimnissen und Hoffnungen dieser Menschen zu verstehen. Ich hoffe, dass ich etwas für sie tun konnte und ihr Leben berührt haben. Sie haben meines auf jeden Fall berührt.

Die Autorin,  Crislyn Felisilda, unterstützt zur Zeit als Berichterstatterin die Katastrophenhilfe in Nepal. Sie kommt von den Philippinen und fühlt sich mit den Menschen in Nepal sehr verbunden. 

 Foto: Crislyn Felisilda / World Vision


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