Bücher für Alle

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Auf Bücher will Nathalie Buzeba nicht mehr verzichten. Wenn die Kleinbäuerin aus Burundi eine Pause machen kann oder ihre Feld- und Hausarbeit geschafft hat, will sie schmökern. Einfach ist das nicht, denn auf dem Land findet man nicht an jeder Ecke eine Bücher- oder Zeitschriftenauslage. Auch Bibliotheken sind bisher rar, sogar an Schulen.

Ohne das nötige Lesematerial fällt es vielen Kindern in Burundi und anderen afrikanischen Ländern schwer, Lesen und Schreiben zu lernen. Landesweit können nach Erhebungen der Regierung rund 39 % der Kinder in der zweiten Klasse einige Sätze lesen. Auf dem Land sind es allerdings deutlich weniger; in Cankuzo etwa 26 %. Daher fördert World Vision nun die Herstellung von Büchern und Leseheften vor Ort.

„Wir brauchen viel mehr Lesestoff wie diesen hier“, sagt Nathalie schmunzelnd und deutet auf ein nur 10-seitiges Büchlein, das sie gerade mit ihrer Tochter Diella liest, um mit ihr zu üben. Diella leiht sich Bücher aus einem von World Vision eingerichteten und nicht weit entfernten Leseclub. Sie besucht zwar erst die erste Klasse, kann aber schon ganze Sätze lesen und kommt im Unterricht gut mit.

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Nathalie mag die Bücher aus dem Leseclub: „Die Geschichten sind voller Humor und lehrreich.“ Über eine Erzählung zum Thema Alkohol habe das ganze Dorf zuerst gelacht und dann nachgedacht. „In der Geschichte geht ein Kind mit seiner Mutter an einer Dorf-Brauerei vorbei. Das Kind hält an und sagt: ‚Dieser Ort riecht wie mein Vater‘.“

Nathalie gefallen auch die Bücher, in denen kleine Tiere schlauer sind als große. „In meiner Schulzeit konnten wir so etwas nicht lesen“, erinnert sich die 48-Jährige. Sie besuchte die Schule nur bis zur 6. Klasse. Ihre beiden älteren Kinder können ebenfalls nicht gut lesen und schreiben, weil es keine Bücher gab, bevor World Vision nach Cankuzo kam. „Die Leute hatten Glück, wenn sie an eine kleine Bibel herankamen, doch das waren auch nicht viele“, erinnert sich Nathalie und deutet auf einen Satz, den ihre Tochter laut vorlesen soll.

Auch jetzt noch ist der Besitz von Büchern und Papier in den meisten Familien des ostafrikanischen Landes ein Luxus. Da auch Nathalie nicht genug Papier hat, übt ihre Tochter das Schreiben zum Beispiel auf Bananenblättern oder malt ihre Buchstaben an die Haustür.

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World Vision stellt daher vielen Gemeinden in Afrika Mustervorlagen für Bücher zur Verfügung, sogenannte „Shellbooks“, die mithilfe einer speziell entwickelten Software und geschulter Mitarbeiter aus der Bevölkerung mit Informationen und Geschichten gefüllt werden können. So bekommen die Menschen nicht nur Lesematerial in ihrer Muttersprache, sondern können auch selbst über die Inhalte bestimmen.

Die lokal hergestellten und von World Vision gedruckten Bücher werden in Lesecamps erprobt und in erster Linie an Grundschüler verliehen. Neben ausgewählten Lesehelfern werden auch Mütter und Väter in die Übungen einbezogen. „Die Eltern dafür zu gewinnen, ist manchmal eine Herausforderung, weil Bildung hauptsächlich als Aufgabe der Schulen wahrgenommen wurde“, berichtet Fidèle Nindagiye, der für World Vision in Burundi arbeitet. „Wir laden die Eltern auch zu Treffen ein und geben Tipps, wie sie ihre Kinder im Alltag beim Lesen, Erzählen und Schreiben unterstützen können. Das geht etwa beim Kochen, Einkaufen und bei vielen anderen Aktivitäten.“

Fidele in einem Lesecamp

Nindagiye ist fasziniert von der starken Nachfrage nach den Leseheften und der erkennbar gestiegenen Lesemotivation bei Kindern und Eltern: „Ich habe beobachtet, dass sogar Kinder in die Lesecamps kommen, die noch gar nicht lesen können. Es gefällt ihnen offenbar, wenn ihnen jemand laut vorliest und ein Spiel daraus macht, die Geschichte mit ihnen durchzusprechen. Da werden die Kinder richtig lebhaft.“

Auch für Kinder mit einer Beeinträchtigung sind die Lesecamps ein besonderer Ort. „Mich hat besonders gefreut, dass ein hörgeschädigtes Kind, das vorher kaum gesprochen hat, im Lesecamp plötzlich anfing zu reden“, berichtet der World Vision-Mitarbeiter. „Diese Erfahrung hat uns gezeigt, zukünftig noch mehr darauf zu achten, Kinder mit Behinderung in die Leseförderung einzubeziehen.“

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