Etwas zu geben, etwas zu teilen

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Bei Somalia denkt man in Deutschland vor allem an Krieg und Flüchtlinge. Aber es gibt auch dort Menschen, die an einer Zukunft arbeiten und mit unserer Hilfe Wege aus der Armut finden. Madina ist eine solche Zukunftsbotschafterin. Auch für die neuen globalen Entwicklungsziele, die in diesem Monat verabschiedet werden.

Wenn ihr der trockene Wüstenwind ums Kleid flattert, wirkt Madina Mohamed Said klein und zart. In ihrem Laden angekommen, richtet sich die 50jährige Somalierin aber hoch auf. Im Gespräch hat unser Mitarbeiterin Rosa Nabwire  sie als Energiebündel erlebt. “Sie spricht mit ihrem ganzen Körper, ihre Hände unterstreichen ihre Worte mit großen Gesten und ihr Gesicht nimmt so ausdrucksstarke Mienen an, dass jeder Comic-Zeichner oder Karrikaturist seine Freude daran hätte”.

Dazu die interessanten Kontraste in ihrer Geschichte: in nur fünf Monaten ist aus der einstigen Ziegenhüterin Madina eine Geschäftsinhaberin geworden. Sie ist Mutter von neun Kindern und auch schon Großmutter, weil sie früh verheiratet wurde. Aber sie ist auch Aktivistin für ein besseres, an einer Zukunft arbeitendes Land.


 

SDG1Ziel 1 der neuen globalen Ziele für eine nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals): Armut in jeder Form und überall bekämpfen.

Die Herausforderung: Noch leben mehr als 800 Millionen Menschen von weniger als 1,25 US-Dollar am Tag. Die meisten leben auf dem Land. World Vision geht mit nachhaltigen Ansätzen auf Armutsprobleme und deren Ursachen ein. Mehr zu den globalen Entwicklungszielen


 

Ende 2014 beteiligte sich Madina als Arbeiterin am Bau von Steindämmen, für Regenauffangbecken und Hochwasserschutz für ihre Stadt. Ihr Team reparierte auch Straßen, die durch eine Flut vorher beschädigt worden waren. Diese Arbeiten wurden durch ein Projekt für Ernährungssicherung in Auftrag gegeben, das World Vision mit Partnern in mehreren Regionen von Somalia durchführt. Es unterstützt sowohl die Landwirtschaft als auch den lokalen Handel und den Zugang zu Märkten und die Katastrophenvorsorge.

Als Lohn für ihre Arbeit bekam Madana Lebensmittel-Gutscheine, die sie bei mehreren Händlern der Umgebung einlösen konnte. Sie sparte dadurch Kosten für die Ernährung ihrer Familie und war klug genug, das gesparte Geld beiseite zu legen. Mit diesem Startkapital eröffnete sie ein Geschäft, in dem sie nun Reis, Getreide, Nudeln und Konserven, aber auch frisches Obst und Knoblauch, Schlafmatten, Taschenlampen und andere praktische Alltagsdinge anbietet.

Rose Nabwire hat Madina dazu befragt, was dieses Projekt für sie bedeutet.

Hat sich deine Situation dadurch verändert?
“Ja, sie hat sich sehr verändert. Unsere wirtschaftliche Lage verbessert sich. Jemand der nichts hat, muss immer um etwas bitten. Wer ein Geschäft hat wie ich jetzt, kann etwas geben, hat etwas zum Teilen.”

Was meinst du mit nichts?
“Ich wurde hier geboren”, erzählt Madina und deutet dabei auf die weite Busch-Landschaft und felsige Wüste, die die Stadt Dangorayo umgibt, eine Stadt mit niedrigen Häusern und kleinen Wellblech-Kiosken entlang einer weniger als einen Kilometer langen Asphaltstraße.  “Ich habe Vieh gehütet, bin Ziegen und Kamelen hinterher gelaufen.”

Madina wurde schon mit 15 Jahren verheiratet – wie viele Mädchen in Somalia – und zog in die Stadt, als ihr erstes Kind fünf Jahre alt wurde.

Was waren die besten und die schlechtesten Erfahrungen als Viehhüterin?
“Die besten Momente des Hirtenlebens hat man, wenn es regnet, das Gras wächst und man Milch von den Tieren nach hause bringen kann. Das schlimmste Erlebnis war ein starker Wirbelwind, der etwa 1.000 Tiere in dieser Region getötet hat. Ich habe mehrere Wirbelstürme erlebt, aber das war der schlimmste – noch schlimmer als der Sturm, der vor kurzem die Flut brachte und hier alles unter Wasser setzte, so dass wir auf die Hügel fliehen mussten.”

Was hat sich durch die Hilfe aus dem Projekt konkret verändert?
“Früher musste ich bei anderen leihen und kaufen, jetzt kommen die Leute zu mir. Ìch kann jetzt auch die Sachen kaufen, die ich für meine Kinder brauche. Wir haben wirklich großen Nutzen aus dem Programm gehabt und hoffen, bald  noch mehr davon zu sehen. Meine Kinder helfen mir das Geschäft zu führen.”

Und was hast du davon?
“Ich lerne jetzt”, sagt sie nachdrücklich. “Zum ersten Mal in meinem Leben lerne ich, denn ich konnte als Kind nicht zur Schule gehen.”

Madina hat in einem Alphabetisierungsprogramm von World Vision das Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt. Sie ist stolz auf ihre neuen Fähigkeiten und ihren Sieg gegen die Unwissenheit. Natürlich sieht sie außerdem den Nutzen für ihr Geschäft.

Bevor sie ihren Laden öffnete, sammelte Madina Feuerholz und kochte und verkaufte zusammen mit ihren beiden ältesten Töchtern Chapati und Injera (zwei verschieden Arten von Fladenbrot). Damit verdienten sie  zusammen rund 150 Euro im Monat für die ganze Familie. Jetzt hat die Familie ein zusätzliches Einkommen und eine Mutter bzw. Großmutter, die noch Energie zum Erzählen hat.

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