“Ghana Reads!” Mit dem e-reader zum Lese-Champ

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Sekere-Ost ist eine ländlich geprägte, arme Gegend im westafrikanischen Ghana. High-Tech ist hier weitgehend unbekannt. Doch seit einiger Zeit hat die digitale Revolution auch hier Einzug gehalten: E-reader helfen Schülern, Lesen zu lernen. Mit großem Erfolg.
“Heute lernen wir wieder, Englisch zu lesen!” Kräftig tönt die Stimme von Lehrer Adofo Mensah durch den gut gefüllten Klassenraum. 38 Schüler und Schülerinnen drängen sich um leuchtende Tablets. Sie teilen sich in Dreiergruppen auf, setzen sich an ihre Tische und – wischen. Aufgeregte Satzfetzen erfüllen den Raum: Zum Anfang der Geschichte! Die Buchstaben bitte etwas größer! Nicht so schnell vorwärts scrollen!
Jetzt setzt Murmeln ein, die Kinder im Alter von 10 bis 15 sprechen den Text leise vor sich hin. Manche flüssig, manche stockend, einige hören nur zu. Nicht alle können lesen, sie lernen von ihren Schulkameraden, die es schon besser können.
“Einer der Vorteile der Tablets”, sagt Adofo Mensah. “In kleinen Gruppen lernen die Kinder individuell und voneinander. Deshalb stellen wir immer unterschiedlich fortgeschrittene Schüler in den Gruppen zusammen. Die Kinder lernen so auch Rücksichtnahme und Solidarität.”

Die Schüler und Schülerinnen unterstützen sich gegenseitig beim Lernen

Die Schüler und Schülerinnen unterstützen sich gegenseitig beim Lernen

35 Tablets hat World Vision für die Schule in Sekere-Ost angeschafft. Gespickt werden die Kleincomputer mit Lehr- und Lesematerial in Englisch und der Regionalsprache Ashanti-Twi. Ist ein Lehrstoff durchgearbeitet, können die Lehrer neues Material über den schuleigenen Server (einem sehr kostengünstigen Raspberry Pi) herunterladen. “Ghana Reads” heißt das mittlerweile landesweite Programm, das seit einigen Jahren von World Vision unterstützt wird.

2009 untersuchte das ghanaische Bildungsministerium, wie gut Schüler und Schülerinnen in der dritten Grundschulklasse Englisch lesen können. Mit erschreckenden Ergebnissen. Fast die Hälfte erfüllte nicht einmal die geringsten Anforderungen. Auch in der eigenen, regionalen Sprache klafften deutliche Lücken in der Lesekompetenz.

Woran lag`s? Überfüllte Klassen, überforderte Lehrer, veraltetes Lehrmaterial – wenn es überhaupt Bücher gab, verotteten diese im feucht-tropischen Klima schnell. Nötig war ein Instrument, das leicht bedienbar, relative robust, flexible und attraktiv für Schüler und Lehrer ist. Die Lösung: e-reader!

 

Auch die Jüngsten arbeiten mit e-readern

Auch die Jüngsten arbeiten mit e-readern

Ein Pilotprojekt wurde gestartet und die Ergebnisse stimmten zuversichtlich. Alle 574 Schüler konnten nach einem Jahr ihre Lesekompetenz verbessern, vor allem die besonders schwachen Leser und Leserinnen profitierten vom Unterricht mittels e-reader. Die Zahl derer, die zuvor kein einziges Wort in Twi lesen konnten, sank dramatisch von 65 auf 10 Prozent.
Auch in Sekere-Ost haben die Schüler Spaß am Lesen entwickelt. Die Geschichten – geschrieben von ghanaischen Autoren – fesseln die Kinder und regen zum Weiterlesen an. Und so blicken die Schüler enttäuscht, als die Schulstunde schon zu Ende ist und sie die e-reader abgeben müssen. Adofo Mensah sammelt sie ein und trägt die reader in die “Hochsicherheitskammer” nebenan. Die Fenster sind vergittert, die Tür ist aus Metall. “Die reader sind beliebt,” schmunzelt Mensah. “Aber sie sollen auch hier in der Schule bleiben.”

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