„Hier bin ich glücklich“

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In einem sogenannten „child friendly space“, einer Art Kinderhort, können syrische Flüchtlingskinder im Libanon wieder Kind sein, die Schrecken des Krieges und die unzumutbaren Lebensbedingungen in den Zeltsiedlungen vergessen.

„Ihr seid ein Samenkorn, das der Bauer auf den fruchtbaren Boden streut. Der Regen fällt auf das Samenkorn herab, tiefer und tiefer versinkt es im Boden, während seine Wurzeln wachsen. Haltet Euch am Boden fest.“ So beginnt die Traumreise für die zwölf syrischen Flüchtlingskinder, die entspannt und mit geschlossenen Augen auf bequemen Matten liegen. Mit leiser, ruhiger Stimme beschreibt der Lehrer, wie aus dem Samenkorn eine wunderschöne starke Pflanze wird, die Früchte trägt und vom sanften, warmen Wind umweht wird. Und immer wieder betont er: „Haltet euch am Boden fest.“

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Halt finden, Wurzeln schlagen, innerlich stark werden – das ist für syrische Flüchtlingskinder besonders wichtig. Hier im Ort Bar Elias, in einem der fünf „child friendly spaces“ auf der Bekaa-Ebene will man ihnen genau dabei helfen.

„Ich war eine große rote Pflanze“, sagt ein Mädchen, als die Kinder wieder die Augen öffnen. „Und ich hab den Wind gespürt“, ruft ein kleiner Junge. „Gerade war ich noch traurig“, sagt ein anderer, „aber jetzt fühle ich mich schon viel besser.“

In zwei Schichten – vormittags und nachmittags – werden jeweils 38 Kinder betreut. Finanziell unterstützt wird das Projekt von der Initiative „No lost generation“, die 2013 gegründet wurde und an der Hilfsorganisationen wie World Vision beteiligt sind. Etwa 200.000 Flüchtlingskindern konnte so in den syrischen Nachbarländern bereits geholfen werden.

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Hier im Kinderzentrum haben die Drei- bis Zwölfjährigen einen sicheren Platz, an dem sie spielen, für einige Stunden am Tag wieder Kind sein können. Durch Sport, Tanzen, Singen, Gespräche und kreativen Übungen bekommen sie außerdem die Möglichkeit, Ängste, Verlust und Trauer auszudrücken und zu verarbeiten. Sogar die moderne Technik kommt nicht zu kurz, an drei PCs lernen sie den Umgang mit Computern.

Mehdi (9) kann es morgens gar nicht erwarten, dass der (kostenlose) Bus ihn hierher bringt. „Weil ich so viel Spaß habe und mich sicher fühle“, sagt der Junge, der seit drei Jahren im Libanon lebt. „In dem Zeltlager, wo ich wohne, ist es langweilig. Da kann man nicht richtig spielen. Ich wäre unglücklich, wenn ich nicht hier wäre.“

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Und was hat ihm in der letzten Zeit besonders viel Spaß gemacht? Da muss er keine Sekunde nachdenken: „Vor zwei Tagen waren wir mit der ganzen Gruppe im Kino. Das war mein allererster Kino-Besuch“, erzählt Mehdi ganz aufgeregt. „Wir haben „König der Löwen gesehen, das war so toll.“

Nachmittags geht er zur Schule. Normalerweise wird im Libanon auf Französisch oder Englisch unterrichtet. Für die Flüchtlingskinder auf Arabisch, aber Englisch ist ein Hauptfach. Deshalb bekommen die Vorschulkinder im Zentrum erste Englischkenntnisse beigebracht. Die Lehrerin malt einen Kreis an die Tafel“. „This is a….“ – “circle“, rufen die Kinder im Chor. „And this is a…“ – „triangle“ schreien sie und strahlen. Genau so wie alle anderen Kinder auf der Welt, wenn sie gelobt werden. Die Schrecken des Krieges – in solchen unbeschwerten Momenten sind sie vergessen.

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