Erster Weltgipfel für humanitäre Hilfe: Viel Beteiligung und erste Schritte zu mehr vorausschauender Hilfe

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Auf Initiative des UN-Generalsekretärs Ban Ki-moon kamen am 23. und 24. Mai in Istanbul über 8.000 Menschen aus 173 Ländern zur ersten Weltkonferenz für humanitäre Hilfe (World Humanitarian Summit) zusammen. Ein blaues Tor mit vielfarbigem Logo lud dazu, sich gemeinsam mit den Herausforderungen durch eine Vielzahl von Krisen auseinanderzusetzen und auch gemeinsam Verantwortung für Menschen zu übernehmen, die durch diese Krisen in große Not geraten oder zur Flucht gezwungen werden.

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Die Weltkonferenz repräsentierte ein sehr vielfältiges humanitäres Engagement und Wissen. Das war dem Thema auch angemessen und wir erlebten – bereits bei den Vorbereitungen – einen konstruktiven Austausch mit so unterschiedlichen Partnern wie dem Auswärtigen Amt, einer Menschenrechtsorganisation in der Türkei und der Equity Bank in Kenia. World Vision brachte etliche Beiträge in die Diskussionen um nötige Reformen der humanitären Hilfe ein, die Sie hier nachlesen können. Wir sind auch an einer Reihe neuer Initiativen und Plattformen beteiligt, die während des Gipfels vorgestellt wurden. Hierzu zählen etwa der neue Fonds für Bildung “Education cannot wait”, die “Global Alliance for Innovation” und die “Global Alliance for Urban Crises”.

Das unfokussierte Format der Konferenz war einerseits eine Schwäche, andererseits auch eine Stärke. Einen Überblick über greifbare Ergebnisse kann man nur ansatzweise geben, da tausende Teilnehmer parallel bei rund 200 Veranstaltungen vielfältige Themen diskutiert und sowohl Regierungen als auch Organisationen jeweils eigene Selbstverpflichtungen bekannt gegeben haben. Andererseits kamen viele Stimmen zu Wort, die sonst nicht gehört werden – zum Beispiel von Menschen mit Behinderungen, die in Katastrophen- und Kriegssituationen oft zurückgelassen werden. Viele Teilnehmer nahmen auch eine positive Energie zur Zusammenarbeit wahr. Die von Ban Ki-moon vorgestellte “Agenda für Menschlichkeit” gab der Diskussion auch immerhin eine Richtung, die man jetzt weiterverfolgen kann.

Positive Ansätze sehen wir vor allem bei folgenden Themen:

1. Humanitäre Hilfe verlässlicher finanzieren und flexibler gestalten

15  bedeutende Geber-Regierungen und ebenso viele große Hilfsorganisationen haben bei der Weltkonferenz dazu eine bedeutsame Übereinkunft getroffen. Der sogenannte “Grand Bargain” hat das Potential schneller und mehr Geld bei denen ankommen zu lassen, die es am effektivsten einsetzen können – ob als Helfende oder als Notleidende. Dies soll unter anderem durch harmonisierte und weniger bürokratische Verfahren sowie mehrjährige Projektförderungen erreicht werden. 25 Prozent der Gelder sollen an lokale und nationale Partner gehen.

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Die Vizepräsidentin der EU-Kommission, Kristalina Georgieva (links im Bild) leitete die Arbeiten an der Übereinkunft des “Grand Bargain”. Rechts im Bild Kevin Jenkins, Präsident von World Vision International, der bei der Vorstellung die beteiligten Hilfsorganisationen vertrat.

Die Hilfsorganisationen verpflichten sich auch zu mehr Transparenz hinsichtlich der Kosten ihrer Maßnahmen und zu mehr Kooperation. World Vision begrüßt besonders auch die Absprache, mehr Hilfe in Form von Geld oder Guthaben, statt Sachspenden, zu leisten. Wir haben uns selbst das Ziel gesetzt, unsere humanitäre Hilfe bis 2020 zu 50 Prozent auf Geldtransfers umzustellen (wo es Sinn macht), weil sich die Betroffenen in vielen Situationen damit effektiver und selbstbestimmt beschaffen können, was sie gerade am dringendsten brauchen.

2. Bildung in Krisen als wichtiger Baustein der Hilfe

Nach Jahren der Überzeugungsarbeit gibt es endlich mehr Bereitschaft, Kinder in Krisen nicht nur mit Nahrung und Unterkunft, sondern auch mit Bildungsangeboten zu unterstützen. Rund 28 Millionen Kinder aus Konfliktregionen können bisher keine Schule besuchen. Je früher Kinder und Jugendliche nach einer Katastrophe oder in einer Flucht-Situation an sicheren Orten lernen können, desto besser können sie und ihre Familien mit der Krise umgehen und Hoffnung schöpfen, weil sie an Perspektiven arbeiten können. World Vision begrüßt und unterstützt daher den neu geschaffenen Bildungsfond “Education cannot wait” und den damit verbundenen Aktionsaufruf, der auch den Schutz von Schule vor Angriffen verbessern will.

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3. Mehr Investitionen in Krisenprävention und Katastrophenvorsorge

Es ist schon lange bekannt, dass jeder in Prävention investierte Euro rund 7 Euro an humanitärer Hilfe spart und natürlich vor allem viel Leid abwenden kann, aber die dafür nötigen Strukturen und Fördermittel werden bisher von vielen Ländern nur zögerlich bereit gestellt. Die Weltkonferenz zeigte aber durch mehrere Initiativen, dass in diesem Bereich ein Umdenken stattfindet. So wurde unter anderem mit der “Global Alliance for Urban Crises” ein Kooperationsrahmen geschaffen, um Städte bei Risikoanalysen, Vorsorgemaßnahmen und im akuten Krisenfall besser unterstützen zu können.

Die Finanzminister von 20 Staaten, die besonders unter Klimaveränderungen und Naturkatastrophen leiden, haben außerdem mit der UNO und der Weltbank eine neue Partnerschaft zur Stärkung ihrer Vorsorge-Kapazitäten begründet. World Vision gibt den Partnern im Süden die Möglichkeit, bis zu 20 Prozent ihrer Entwicklungsarbeit-Budgets für den Krisenfall zu verwenden, verknüpft seine Entwicklungs-und Nothilfe-Programme außerdem zunehmend mit Vorsorge-Komponenten (Resilience, Disaster Preparedness, Social Protection).

4. Stärkere Auseinandersetzung mit Konflikten – mehr Einsatz für Frieden

Rund 80 Prozent der humanitären Hilfe wird heute in Konfliktregionen geleistet. Den Bedarf an Hilfen kann man also nur senken, wenn früher und koordinierter daran gearbeitet wird, Konflikte zu verhindern oder zu beenden. Der Weltgipfel hat hierfür leider keine bahnbrechenden Vorschläge gemacht oder gar Abkommen auf den Weg gebracht, aber für Engagement in fünf Hauptfeldern geworben: frühes Handeln, Ausbau von Kapazitäten für Prävention, längerfristige Stabilisierungsarbeit, Ansatz bei Konfliktursachen und die Verbreitung von gut funktionierenden Praxis-Beispielen. Mehrere Regierungen haben aus diesem Spektrum Maßnahmen angekündigt.

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Ein Appell zur Beendigung des Krieges in Syrien – Flüchtlinge haben ihn uns für die führenden Staatsmächte mit auf den Weg nach Istanbul gegeben.

 

muss in der akuten Krise schnell und trotzdem konfliktsensibel gehandelt werden. Wie die Syrienkrise uns drastisch gezeigt hat, müssen an vielen Stellen auch neue Wege beschritten werden, um Zugänge für Helfer zu schaffen, Flüchtlinge in Sicherheit zu bringen und ihnen – auch über Jahre – ein Leben in Würde zu ermöglichen.

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Der Bundestagsabgeordnete Michael Brandt besuchte in der Ausstellung unseren Stand zur Unterstützung syrischer Flüchtlinge in der Türkei.

 

 

 

 

Den Beitrag, den Hilfsorganisationen für Frieden leisten können, wenn sie humanitäre Hilfe leisten, haben 25 Organisationen im sogenannten “Friedensversprechen” (Peace Promise) beschrieben, der ebenfalls mit Beteiligung von World Vision erarbeitet und beim Weltgipfel vorgestellt wurde.

5. Menschen im Zentrum der Hilfe und an Entscheidungen beteiligt

In dem Abschlussbericht zum Gipfel wird der sogenannte “Core Humanitarian Standard” als richtungsweisend genannt: “Teilnehmer des Gipfels erachten es für notwendig, dass von Krisen betroffene Menschen nicht nur informiert und konsultiert werden, sondern den Entscheidungsprozess steuern. Sie sollten als Partner und nicht als Hilfsempfänger behandelt werden. Zahlreiche Selbstverpflichtungen gingen darauf ein, diesen Wandel bei Gebern, UN-Organisationen und NGO’s zu unterstützen, einschließlich einer Übernahme des Core Humanitarian Standard.” Auch World Vision vertrat dieses Anliegen. “Wir rufen als Mitglied der CHS-Allianz andere dazu auf, diesen Standard umzusetzen und überprüfen auch unsere eigene Umsetzung in diesem Jahr”, sagte Kevin Jenkins, Präsident von World Vision International.

6. Innovationen und neue Partnerschaften

Es erscheint selbstverständlich, dass Hilfsorganisationen bei sich selbst ständig an Verbesserungen ihrer Methoden arbeiten und auch in ihren Netzwerken Innovationen fördern. Das geschieht auch bei vielen, ist aber ausbaufähig. Der Weltgipfel bot dafür eine Plattform und warb außerdem dafür, Partner außerhalb des eigenen Erfahrungshorizonts in der humanitären Hilfe mit einzubeziehen. Dies können zum Beispiel lokale Unternehmer sein, die es sogar in Flüchtlingslagern gibt. Die Initiative “Connecting Business”, an der unsere Mitarbeiterin Dr. Kathryn Tätzsch von Nairobi aus mitwirkt, bringt solche Unternehmer für humanitäre Projekte mit internationalen Unternehmen und anderen Partnern zusammen. “Wir loten in dieser Initiative aus, wie jeder in einer solchem Zusammenarbeit am besten seine Stärken einbringen kann und prüfen gemeinsam, was den Menschen in einer Krise am nachhaltigsten hilft.”

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Zu wenig Entschlossenheit bei Schutz von Kindern

Abgesehen von einigen Plänen zur Stärkung von Mädchen und Frauen, die auch den Schutz vor Übergriffen beinhaltet, hat der Weltgipfel wenig Konkretes für die Sicherheit von Zivilisten in Konflikten erbracht. Wir sind als Kinderhilfswerk besonders enttäuscht von dem Mangel an Angeboten für Schutzmaßnahmen, die Kindern zugute kommen könnten.

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Es gab von vornherein auch wenig Erwartungen, dass der Weltgipfel große Fortschritte für die Gesamtsituation von Flüchtlingen und ihre Aussichten auf Frieden bringen würde, denn diejenigen, die zu solidarischem Handeln überzeugt werden müssten hielten sich fern. Einige Staaten machten Zusagen, dass sie (etwa durch Trainings für Soldaten und bewaffnete Gruppen) die Einhaltung des humanitären Völkerrechts fördern wollen. Was davon umgesetzt wird, müssen die nächsten Schritte zeigen.

Aus den Selbstverpflichtungen aller Teilnehmer soll eine Zusammenfassung erstellt werden, die dann im Herbst mit konkreten Empfehlungen der UN-Vollversammlung vorgelegt werden soll. Unabhängig davon spricht sich World Vision aber dafür aus, dass ein Rahmen für die Abfolge von Reformen und versprochenen Beiträgen geschaffen wird. Auch die eigenen Beiträge wollen wir dort einbringen.

 

 

 

 

 

1 Kommentar

  1. Patricia F., 27. Juli 2017

    Es ist beeindruckend dass Menschen aus 173 Ländern zusammengefunden haben um sich gemeinsam mit einem Thema auseinanderzusetzen und Verantwortung zu übernehmen. Die sechs Schwerpunkte in denen sich positive Ansätze entwickelt haben können zu mehr Humanität in unserer Welt beitragen. Besonders hervorheben möchte ich Punkt 5 bei dem es um die Beteiligung von Menschen im Zentrum der Hilfe geht. Dieser Ansatz sollte Standard für alle Hilfsorganisationen sein.
    Das der Schutz von Kindern beim Gipfel nicht genug thematisiert wurde ist unverständlich. Denn Kinder sind in alle Krisengebieten und Orten an denen Hilfe benötigt wird in einer Großzahl vertreten. Es ist vermutlich am schwierigsten für sie angemessene Hilfeformen zu entwickeln, weshalb das Thema eher gemieden wird.
    Skeptisch bin ich gegenüber all den Abmachungen und Zusagen der Teilnehmenden. Bei dem Gipfel begegnen sich viele „große“ Menschen mit guten Ideen die voller Enthusiasmus hier und da zustimmen, doch was davon wird nachher umgesetzt und wen interessiert oder wer kontrolliert das? Theoretische Beschlüsse bei nettem Beisammensein helfen leider niemand.
    Doch es ist natürlich ein guter Anfang dass der Gipfle vergangenen Jahres zum ersten Mal statt gefunden hat.

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