Musik, Kunst und Gemeinschaft: Helfer der Ankunft für junge Flüchtlinge in der Türkei

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Nach einer Flucht sollte man irgendwo ankommen, aber dazu muss man viele Barrieren überwinden. Diese Erfahrungen machen Lamia und Maila aus Syrien gerade in der Türkei. Deshalb gehen sie so gerne in das Gemeinschaftshaus, das ihnen dabei hilft neue Kontakte zu knüpfen und aktiv-kreativ ihre Fähigkeiten zu erweitern. Machen Sie mit uns einen Rundgang durch diesen wunderbaren Ort.

Mitwirkende Autoren: Carole St. Laurent, Suzy Sainovski, Kinan Diab

Das dreistöckige ältere Haus mit schönem Innenhof liegt mitten in der Altstadt von Sanli Urfa. Die meist schlicht “Urfa” genannte Großstadt im Nordosten der Türkei ist ein bekannter Wallfahrtsort für Muslime, in dem nach ihrer Auffassung Abraham geboren wurde. Heute ist Urfa auch ein bedeutender Zufluchtsort für viele Menschen, die vor dem fortdauernden Krieg fliehen. Die Grenze zu Syrien ist nur etwa 40 Kilometer entfernt. Obwohl bereits vor dem Krieg viele Kurden und Araber in der Stadt gelebt haben, ist das Zusammenleben nicht ohne Spannungen.

Die türkische Organisation IMPR Humanitarian , mit der World Vision seit rund einem Jahr zusammen arbeitet, leistet Aufklärungsarbeit, bietet Rechtsberatung für Geflüchtete an und hat auch das  Gemeinschaftshaus in Sanli Urfa eingerichtet. Es dient als Anlaufpunkt für verschiedene Hilfsangebote an Flüchtlinge und wirkt zugleich integrierend. Gemeinsam mit den Mitarbeitern engagieren sich dort viele Ehrenamtliche, sowohl Türken als auch junge Syrerinnen und Syrer, um das Haus mit Leben zu füllen. Einen guten Eindruck davon gibt dieses Video.

Alltagssorgen loslassen und Neues probieren – beides im Konzept der Hilfe

Die ganze Woche über herrscht ein reges Kommen und Gehen, weil das Angebot des Gemeinschaftshauses – auch dank Spenden aus Deutschland – vielfältig ist. Türkisch- und Englisch-Sprachkurse sind zum Beispiel viel nachgefragt.  Sie können Türen zu Arbeits -und Ausbildungsmöglichkeiten öffnen, sind auch staatlich anerkannt.

Sprachkurse in Türkisch und Englisch bietet das Gemeinschaftshaus an.  Foto: Suzy Sainovski

Sprachkurse in Türkisch und Englisch bietet das Gemeinschaftshaus an. Foto: Suzy Sainovski

Im Computer-Raum wird der Umgang mit Programmen geübt und im Internet recherchiert, aber natürlich auch viel in die Welt kommuniziert. In einem weiteren Raum treffen sich Frauen zum Nähen oder Sticken. Das hat nicht nur praktischen Nutzen. “Wir beobachten, dass sich die oftmals gestressten Mütter zum Beispiel bei solchen Handarbeiten gut entspannen und miteinander reden können”, erklärt Viktoria Schmitt, die die Syrien-Hilfe für World Vision Deutschland betreut. Unterdessen können jüngere Kinder spielen oder Hausaufgaben machen.

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Lamias Favoriten findet man auf der dritten Etage: den Kunstraum. Hier hat sie schon viele Stunden beim Malen und auch im Fotografiekurs verbracht. “Ich fühle mich vollkommen wohl, wenn ich male und kann dabei auch am besten meine Gefühle ausdrücken”, erzählt sie unserer Mitarbeiterin. Einige dieser Gefühle kann man sehr gut verstehen, wenn man ihr zuhört.

Träume für eine  Zukunft ohen Krieg kommen in der Kunst zum Ausdruck

Als Lamia vor gut 18 Monaten mit ihrer Familie in Urfa ankam, hatte sie schon eine lange Odysee durch Syrien hinter sich. Aus dem Heimatort Deeralzor floh die Familie vor dem Krieg zuerst aufs Land und lebte danach rund ein Jahr in der Stadt Rakka. Diese wurde jedoch vom IS eingenommen – derzeit gibt es dort heftige Gefechte mit Regierungstruppen. “Gott sei Dank haben wir alle überlebt”, bestätigt Lamia auf Nachfrage.

In der Türkei angekommen, sah Lamia auch ihre Hoffnung auf einen Schulabschluss platzen. Sie wurde an der höheren Schule nicht aufgenommen, sie nicht genügend türkisch sprach. Sie versuchte es trotzdem mit der Abschlussprüfung, aber ohne den nötigen Unterricht hatte sie keinen Erfolg. Deshalb belegt sie im Gemeinschaftshaus so viele Kurse wie möglich, einschließlich Englisch, Storytelling. Fotografie und Malerei.

Auf einem ihrer vielen Bilder sieht man einen weinenden Jungen vor einem Haufen Trümmern. “Mit diesem Bild zeige ich das Töten und Zerstören im Krieg in Syrien, aber auch das Leiden der Kinder – das verletzt mich nämlich besonders. Der Junge auf dem Bild steht für alle Kinder in Syrien, die nicht mehr spielen und ein normales Leben leben können.”

In einer Reihe ausgestellter Fotografien, die Teilnehmer eines Kurses gemacht haben, sehen wir die Aufnahme einer Hand, die sich in den Himmel reckt. Malia,  erzählt uns, was sie dazu inspiriert hat, dieses Foto zu machen. “Ich mag Träume lieber als die Realität”, sagt sie. Und wovon träumst du? “Von vielen Dingen, zum Beispiel von einer guten Ausbildung und von einem besseren Land – hier komme ich nicht weiter.” Sie will Ärztin werden.

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“Musik ist mein Leben” – Talent wird gefördert

Malia war 15 Jahre alt und im ersten Jahr der syrischen Highschool, als ihr Zuhause in Aleppo bei einem Luftangriff zerstört wurde. Auch die Geschäfte ihres Vaters fielen Bomben zum Opfer, so dass er seine Familie dort nicht mehr ernähren konnte. Zuerst flohen sie an einen anderen Ort, dann in die Türkei.

Das zerbrochene Leben wird auf einer schönen Zeichnung von Malia durch zerbrochenes Glas dargestellt. Erstaunlicherweise wachsen Rosen aus den Scherben, einem Notenschlüssel entgegen. Den Glauben daran, dass etwas Neues und Gutes entstehen kann, hat die heute 18jährige offenbar nicht verloren. “Musik hilft mir sehr”, sagt Malia, die im Gemeinschaftshaus mit anderen zusammen Gitarre und Saz, ein traditionelles Saiten-Instrument spielt.  “Musik ist mein Leben.”

 

Und was bekommt die Umgebung vom Gemeinschaftshaus mit?

 

Das Gemeinschaftshaus informiert bei verschiedenen Anlässen immer wieder über seine Arbeit und setzt dabei auch Broschüren ein, in denen Texte und Bilder wie jene von Malia verwendet werden. Ab und zu lädt es auch zu Konzerten ein oder beteiligt sich an Sozialprojekten in Sanli Urfa. Einige tausend Menschen wurden damit bereits erricht und Vorurteile auf beiden Seiten abgebaut – trotz mancher Anfeindungen. Das Gemeinschaftshaus will noch viele weitere Ideen umsetzen und braucht als Projekt auch einen langen Atem.  Wir freuen uns sehr, wenn Sie uns dabei helfen das Gemeinschaftshaus und weitere Hilfen für Flüchtlinge in der Türkei zu unterstützen.

Hier können Sie online spenden. 

 

3 Kommentare

  1. Tamara, 27. April 2017

    Momentan arbeite ich neben meinem Studium in verschiedenen Flüchtlingsunterkünften und kann diese Entwicklung nur bestätigen. Auch hier wird die Kreativität groß geschrieben und bewegt sich konstant durch jede Altersgruppe. Es faziniert mich, wie ausdrucksstark und in liebevoller Kleinarbeit viele Kunstgegenstände sind und würde mir wünschen, dass dieser Bereich mehr geschätzt und gefördert wird. Er bringt Ruhe in eine Lebenssituation, die sehr unruhig ist und gibt den Menschen, die Möglichkeit, gesehenes und erlebtes zu verarbeiten. Ohne darüber reden zu müssen.

  2. Jasmin, 16. Juni 2017

    Ich habe ein Semester in der Türkei studiert und war dort auch regelmäßig mit dem Thema der Flüchtlinge aus Syrien konfrontiert. Während in Deutschland manchmal die Annahme herrscht, dass die syrische und die türkische Kultur doch recht ähnlich wären und dementsprechend Flüchtlinge bestimmt besser in der Türkei leben sollten, sieht die Lage vor Ort weit anders aus: Rassismus, Anfeindungen und – wie auch in Deutschland – viele falsche Mythen über finanzielle Unterstützung, die Geflüchtete vom Staat bekämen, sind extrem präsent. Teilweise wurden syrische Läden boykottiert oder Werbebanner mit arabischer Schrift von Läden abgerissen, “der Anpassung wegen”. Sozialarbeit ist weitaus weniger ausgeprägt als in Deutschland und somit sind Orte wie das Community Center hier oft die einzige Möglichkeit, Unterstützung zu bekommen – sei es finanziell oder in Form von Sprachkursen, Kreativangeboten etc. Es ist unglaublich wertvoll, dass es diese Angebote gibt und vor allem auch Kreativität so viel Raum bekommt.

  3. Hannah, 10. Juli 2017

    Die Vielfalt des Gemeinschaftshauses ist beeindruckend und bin überzeugt, dass das Zusammenspiel von Kreativität und Bildung/ Sprachkurse/Computerkenntnisse eine gute Verbindung darstellen. Gleichzeitig ist es wichtig, dass die Gesellschaft darüber informiert wird und somit auch miteinbezogen wird. So können Begegnungen geschaffen werden, welche dazu dienen, Vorurteile und Barrieren abzubauen und vllt auch notwendige Unterstützung vor Ort herbeiführt.

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