5 Jahre Südsudan aus der Sicht von Kindern: “Ich will nicht mehr davonlaufen müssen”

Kai_Murmeln_blog

Der Südsudan wird am 9. Juli 5 Jahre alt als unabhängiger Staat. Viel Grund zum Feiern gibt es nicht, denn das Land ist nach zweieinhalb Jahren Bürgerkrieg noch nicht zur Ruhe gekommen - an vielen Orten brechen immer wieder Kämpfe aus. Kinder wie der 9jährige Kai, der in einem Flüchtlingslager lebt, wünschen sich sehnlichst Frieden und Sicherheit.

Es liegt eine besondere Ruhe über dem Flüchtlingslager, als die Sonne langsam aufgeht: Die weißen Zelte reihen sich nahezu perfekt aneinander und die ersten Sonnenstrahlen des Tages wärmen die rote Erde. Es ist still. Nur ein paar Vögel zwitschern und ein Baby schreit in der Ferne. Rauch steigt über den Zelten auf. Er kommt von den offenen Feuern, auf denen die Familien Wasser kochen.

So friedlich die Stimmung wirkt, erinnern Rauch und Feuer aber auch an eine schreckliche Vergangenheit: Die Heimatdörfer vieler Kinder, die nun im Camp leben, wurden auf brutale Art von Rebellen überfallen. Zahlreiche Häuser gingen in Flammen auf. Viele Mädchen und Buben mussten mitten in der Nacht vor den Angreifern und ihren Waffen fliehen. Ein kurzer Blick zurück über die Schulter zeigte ihnen, was von den einst so friedlichen Plätzen übrigblieb: eine große Rauchwolke.

Der Südsudan feiert am 9. Juli fünf Jahre Unabhängigkeit. Sicherheit gibt es aber keine. Nach wie vor kommt es zu Kämpfen in vielen Regionen des Landes – immer auch zum Leid von Kindern wie dem neunjährigen Kai. Sein Vater wurde von Rebellen ermordet. Jetzt lebt Kai in einem leeren Zelt in einem der vielen Lager für Binnenflüchtlinge.

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Kai in seinem leeren Zelt. Foto: Stephanie Glinski / World Vision

 

Es ist keine einfache Angelegenheit, Kai von der Hauptstadt Juba aus zu besuchen. Die Reise beginnt mit einem einstündigen Flug. Gestartet wird vom internationalen Flughafen. Entlang der Start- und Landebahn liegen etliche Teile von Flugzeugwracks. Nicht gerade ein beruhigendes Gefühl, wenn man gerade in eine kleine Maschine steigt. In Wau, eine Stadt nordwestlich von Juba, angekommen, ist die Reise noch lange nicht vorbei. Weitere sechs Stunden Fahrt sind notwendig, um ins Lager zu gelangen. So wie dieser Ort sind viele Teile des Südsudans nur sehr schwer erreichbar. Flüge gehen oft nur einmal pro Woche. Das stellt auch Hilfsorganisationen vor große Herausforderungen.

Als der Konflikt 2013 begann, hatte Kai keine andere Wahl, als alles zurückzulassen. Das war vor fast drei Jahren. Den Verlust seines Vaters hat er bis heute nicht verkraftet. Als er das erste Mal von ihm erzählt, muss er bereits nach einem Satz aufhören zu reden. Seine Mutter und seine Schwester haben Tränen in ihren Augen. „Er ist gestorben“, sagt Kai leise und im selben Moment kullern Tränen über seine Wangen. In seinem Alter hat er bereits Dinge sehen und erleben müssen, die kein Kind je sollte. „Es kann jederzeit sein, dass wir wieder weggehen müssen“, meint er. Kai lebt in der ständigen Angst, dass sie wegen Kämpfen auch aus dem neuen Heim wieder fliehen müssen. „Ich hasse es, dass ich meinen Vater verloren habe. Er wurde erschossen – bei Kämpfen in der Nähe von unserem Haus. Auch meine Großmutter ist gestorben.“ Im Moment fühlt er sich wohl im Lager, aber die Situation ist alles andere als stabil. „Ich will nicht mehr davonlaufen müssen“, erklärt er, während er nervös mit seinen Händen spielt.

Kai hat Hilfe erhalten: Seine Familie hat ein großes Zelt, aus einem neuen Bohrloch kommt sauberes Wasser und sie bekommen Mehl, um Brot zu backen. „Im Südsudan geht es darum, das Leben von Kindern zu retten.“ Mit diesen Worten zeigt ein World Vision-Mitarbeiter auf, wie fragil die Situation nach wie vor ist.

Kai_Brunnen

Morgens holt Kai Wasser am Brunnen, den World Vision gebaut hat, und putzt sich mit einem Stock die Zähne.

 

Die friedlichen Morgen im Flüchtlingslager gehen schnell in geschäftige Tage über. Sobald die Sonne am Himmel steht, wird es unerträglich heiß in den Zelten. Das macht es unmöglich, im Inneren zu bleiben. Draußen gibt es keinen schützenden Schatten. Aber das scheint die Kinder nicht zu stören. Sie spielen schon früh mit selbst gemachten Murmeln oder Fußball. Viele der Frauen machen sich derweil auf den Weg in die nächstgelegene Stadt, um zu arbeiten. Manche sammeln Feuerholz, um es am Markt zu verkaufen, wieder andere bleiben daheim, um für ihre Babys zu sorgen. Es sind vor allem Frauen mit ihren Töchtern und Söhnen, die Zuflucht in den Flüchtlingscamps suchen. Viele Männer gibt es hier nicht. Viele der Kinder haben ihre Väter in den Kämpfen verloren.

Theresa, 14 Jahre alt: "Als wir unabhängig wurden, wurde die Flagge gehisst. Es gab viel Aufregung und Freude, weil der Krieg vorbei war. Aber jetzt wird wieder gekämpft, und ich verstehe das nicht. Ich wünsche mir Frieden, damit ich nach Hause und in meine alte Schule zurück kann. Ich würde gerne Ärztin werden." Foto: Rose Ogola / World Vision

Theresa, 14 Jahre alt: “Als wir unabhängig wurden, wurde die Flagge gehisst. Es gab viel Aufregung und Freude, weil der Krieg vorbei war. Aber jetzt wird wieder gekämpft, und ich verstehe das nicht. Ich wünsche mir Frieden, damit ich nach Hause und in meine alte Schule zurück kann. Ich würde gerne Ärztin werden.” Foto: Rose Ogola / World Vision

Kais Mutter schaut ihrem Sohn zu, als er mit dem neuen Fußball spielt, den er von World Vision bekommen hat, und meint: „Der Südsudan hat keine großen Fortschritte gemacht in den vergangenen fünf Jahren. Angst und Unsicherheit sind noch immer große Themen. Ich habe viel Leid und Kampf gesehen, aber ich bin trotzdem stolz darauf, dass wir unser eigenes Land haben. Und ich bin dankbar für die Hilfe, die wir erhalten.“ Lächelnd verlässt sie das Camp auf ihrem Weg zum Markt. Diesen Ort, der für die nächste Zukunft ihr Zuhause sein wird.

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