Es ist ganz simpel: ohne Bücher können Kinder nicht lesen lernen

s160421-1: My favourite book

Bestimmt haben Sie heute auch schon viel gelesen, ohne darüber nachzudenken, dass Sie die Fähigkeit dazu irgendwann durch Geschichten aus Kinderbüchern und vorlesenden Eltern oder Großeltern erworben haben. Wie kämen wir wohl zurecht, wenn es diese Bücher nicht gegeben hätte?

Mein Sohn ist 13 Jahre alt, aber als er noch ein Kleinkind war, kaute er auf dem Cover von “Die kleine Raupe Nimmersatt”, während ich versucht habe ihm daraus vorzulesen. Als er älter wurde, kaute er weniger auf den Büchern und schenkte den Geschichten mehr Aufmerksamkeit. Wir haben Farben und Buchstaben des Alphabets bestimmt. Wir haben gebrüllt wie Löwen, über Reime gelacht und unseren Lieblingsfiguren eigene Stimmen gegeben.

Ich wusste, dass dieses Spiel meinem Sohn helfen würde zu lernen – es war mein Ziel – aber ich nahm eines als selbstverständlich hin: immer genug Bücher zum Vorlesen zu haben. Ich konnte in unsere locale Bücherei oder in einen Buchladen gehen (vor der Zeit des Online-Shopping) und neue Bücher finden, wann immer wir es wollten.

In Ländern mit vielen Sprachen fehlt oft Lesestoff in der Muttersprache

Vor zwei Jahren besuchte ich zum ersten Mal World Vision’s Programme zur Leseförderung. Ich reiste mit einem kleinen Filmteam, um die Ergebnisse in verschiedenen Ländern und Sprachgruppen zu dokumentieren (Sie können das Video hier sehen). Obwohl die Resultate sehr gut waren und es immer noch sind, war ich betroffen über den Mangel an Kinderbüchern. Viele Kinder hatten überhaupt keine Bücher zuhause. In den Schulen waren die Lesematerialien abgegriffen, häufig nicht in der lokalen Sprache verfasst und mussten immer von mehreren Kindern geteilt werden. Ich fragte mich oft: Wie können Kinder ohne Bücher lesen lernen? Die Antwort lautet: nicht sehr gut.

 


Am 8. September feiern wir den 50. Welttag der Alphabetisierung.

poster_ILDIn vielen Ländern, auch in Deutschland, finden aus diesem Anlass besondere Leseveranstaltungen oder Workshops mit Schriftstellern und Künstlern statt.

Die UNESCO sammelt Informationen und Beiträge unter dem Hashtag #50ILD.

 

 

 


Geschätzte 221 Millionen Schulkinder werden an der Schule nicht in ihrer Muttersprache unterrichtet. Forschungen zeigen, dass Kindern das Lernen schwerer fällt, wenn sie nicht in ihrer ersten Sprache unterrichtet werden. Sie brechen auch eher die Schulausbildung ab, weil ihre Lehrer und Eltern entweder nicht ausreichend Wissen oder die Ressourcen haben um ihnen zu helfen, einschließlich Büchern in ihrer ersten Sprache, die altersgerecht geschrieben sind, einen Bezug zu ihrem Leben haben und Lust auf das Lesen machen.

Diese Beobachtungen kann man vor allem in Ländern machen, in denen die Menschen viele verschiedene Sprachen sprechen – häufig in Afrika südlich der Sahara und in Teilen von Asien. Die Kinder lernen nicht nur in einer ihnen weniger geläufigen Sprache, sondern haben – wenn sie nicht aus privilegierten Familien kommen – mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht die Fülle an Lesematerial, die sie brauchen, um flüssig lesen zu lernen. In den von den Vereinten Nationen verabschiedeten Zielen für nachhaltige Entwicklung ist der Auftrag an uns alle klar formuliert: Kinder müssen in ihrer eigenen Sprache lesen und lernen können, damit sie bei Bildung nicht zurück gelassen werden.

Durch Partnerschaften entstehen nachhaltige Lösungen

Äthiopier sprechen mehr als 80 Sparachen, aber die offizielle Landessprache ist Amharisch. World Vision hat mit einer Universität (St. Mary’s University) und mit lokalen Verlagen und Gemeindevertretern zusammen gearbeitet, um 386 neue Kinderbücher in 7 Sprachgruppen zu produzieren. Eine Million Exemplare dieser Bücher wurden bisher gedruckt und an Kinder in Äthiopien verteilt.

In Indien hat World Vision mit lokalen Partnern im Bundesstaat Jharkand   60 neue Bücher mit Geschichten für Kinder in rund 14.000 Exemplaren  in der Santhali-Sprache erstellt. Obwohl die Mehrheit der Bevölkerung in Jharkand Santhali spricht, werden Kinder in den Schulen in Hindi unterrichtet. Die Bücher wurden für Leseanfänger entwickelt und mit der Devanagari-Schrift umgesetzt – der in Hindi verwendeten Schrift– um den Kindern den Übergang zum Lesen in Hindi zu erleichtern.

Buecher für Kinder in Muttersprache

Paltan, ein Leseclub-Leiter, liest den Kindern Geschichten in ihrer Sprache vor. “World Vision Indien hat mich und andere Ehrenamtliche darin schulen lassen, Literatur für Kinder in unserer lokalen Sprache Santhali zu schreiben und zu veröffentlichen. Dank dieser Initiative können viele Kinder jetzt flüssig lesen und verstehen auch was sie lesen”, erklärt Paltan. Foto: World Vision / Tiatemjen Jamir

In beiden Fallbeispielen hat sich gezeigt, dass Partnerschaften mit den ortsanssäsigen Menschen ganz wichtig und hilfreich sind, um geeignetes Lesematerial für Kinder zu bekommen, wo es zuvor keines gab. Das Engagement der Bevölkerung ist ein zentraler Baustein für die Nachhaltigkeit der Programme und für Anstöße zu gesellschaftllichen Veränderungen von innen.

Wir wollen bei World Vision sehen, dass alle Kinder bis zum Jahr 2030 die Grundfertigkeiten zum Lernen beherrschen, wie in den Entwicklungszielen vorgesehen; das Lesen, Schreiben und Rechnen zuerst. Als Mutter möchte ich mehr Eltern sehen, die bereit und fähig sind mit ihren Kindern zu lessen und die Freude des gemeinsamen Entdeckens erleben.

s151066-1: The Mother Tongue

1 Kommentar

  1. Dafina, 15. August 2017

    Das Programm zur Leseförderung finde ich echt super! Das ist eine gute Tat von World Vision mit Netzwerken zusammenzuarbeiten und viele Kinderbücher in den verschiedenen Sprachen zu produzieren und die Exemplare an die Kinder zu verteilen. Wenn ich mich an meine Kindheit zurück erinnere, habe ich es total gehasst mit meiner Mutter das Lesen zu üben. Und wenn ich daran denke, dass andere Kinder sich wünschen das Lesen zu beherrschen, aber die nötigen Ressourcen nicht besitzen, ist das sehr traurig. Bildung ist so ein wichtiges Gut und man sollte dankbar sein, wenn man lesen, schreiben und rechnen kann. Das mir auch in meinem Praxissemester nochmals aufgefallen. Ich habe hier in Deutschland mit Jugendlichen aus sozioökonomisch schwachen Familien zusammengearbeitet und viele Jugendliche kamen aus prekären Lagen. Beim gemeinsamen Lernen habe ich erschütternde Weise festgestellt, dass einige nicht richtig lesen und schreiben könnten, obwohl sie die Schule besuchen. Leider erfahren manche Kinder und Jugendliche auch im deutschen Schulsystem nicht genügend Unterstützung, um die Grundkenntnisse zu erlernen. Und dann ist es natürlich in anderen Ländern, in dem die Ressourcen fehlen, noch tragischer.

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