“Ich kann zurück nach Hause und sie können es nicht”

s150840-1: Food assistance, a lifetime for Syrian family

Seit 2015 berichtete Suzy Sainovski für World Vision von der Syrienkrise. Nun verabschiedet sie sich aus dem Nahen Osten. In unserer Reihe "Was mich bewegt" schaut sie zurück.

Ich werde bald zurück in meine Heimat Australien gehen und nehme nur schwer Abschied. Ich denke ständig an die unzähligen herzzerreißenden Geschichten, die ich gehört, an die Erfahrungen, die ich gesammelt, und an die Leute, die ich getroffen habe. Und immer wieder kämpfe ich mit dem Gedanken, dass ich meine Sachen packen und in ein sicheres Land zurückkehren kann – und all diese Menschen können das nicht.

Im Laufe des vergangenen Jahres habe ich so viele Familien gesehen, die jeden Tag ums Überleben kämpfen. Ich habe einen Vater kennengelernt, der 20 Kilo verloren hat, weil es zu wenig zu essen gibt und weil er sich ständig um seine Familie sorgt. Seine kleinen Kinder hatten schwarze Augenringe. In der kurdischen Region im Irak müssen Familien in unfertigen Häusern leben. Als ich dort war, hatte der Winter gerade begonnen, und vor ihnen lagen noch Monate, in denen sie diese bittere Kälte aushalten mussten. Und in der Türkei an der Grenze zu Syrien habe ich mit Familien gesprochen, die erst vor wenigen Wochen vor der Gewalt geflohen sind und nun in eine unsichere Zukunft blicken.

Aber es gab auch schöne und fröhliche Momente: Einmal stellte mich eine syrische Mutter vor die Wahl: «Entweder du trinkst eine zweite Tasse Tee oder du musst uns etwas vorsingen.» Und als ich nach Jordanien kam, lehrten mich die Kinder, auf Arabisch bis zehn zu zählen. Auch die Freude einer syrischen Familie mit Zwillingsmädchen, als sie mir erzählten, dass sie Asyl in Frankreich bekommen hatten, wird mir in Erinnerung bleiben.

Ich denke auch sehr oft an all diese inspirierenden Menschen, die ich getroffen habe: Meine Kollegen, die ihre eigenen Leben riskieren, um den Menschen in Syrien zu helfen. Oder eine Lehrerin, die selbst ihre Heimat verlassen musste und nun Flüchtlingskinder im Irak unterrichtet. Oder einen syrischen Künstler, der in einem Gemeindezentrum in der Türkei mit seiner Kunst versucht, das Leid der Kinder in Syrien abzubilden.

Diese positiven Augenblicke und Gefühle werden mir genauso bleiben wie der beklemmende Anblick der unzähligen weißen Zelte, die mitten in der Wüste das Flüchtlingslager Asraq bilden. Oder die Geräusche explodierender Bomben in den Bergen Syriens. Oder die unerträgliche Hitze in den Flüchtlingsunterkünften im Sommer und die Eiseskälte im Winter. Ja, diese Geschichten, Gesichter und Erfahrungen werde ich nie vergessen. Manche werden mich auch verfolgen – für immer. Und während ich mich auf meine Rückkehr zu Familie und Freunden vorbereite, stelle ich mir immer wieder diese eine Frage: Ich kann nach Hause gehen, warum können sie es nicht?

4 Kommentare

  1. Nicole Kurz, 17. Juni 2017

    Ich kann mir nicht annähernd vorstellen, wie es wohl in diesen Menschen aussieht. Sie haben teilweise ihre Familie, ihr zuhause und ihre gewohnte Umgebung verloren und sind dennoch bereit um ihr Glück zu kämpfen und nicht kampflos aufzugeben. Solche grausamen Umstände kann man sich nur schwer vorstellen. Man denkt man ist in Sicherheit und plötzlich wird einem alles genommen was man liebt und schätzen gelernt hat. Ich bin mir sicher, dass eure Arbeit noch weit mehr bewirkt als nur die praktische Hilfe vor Ort. Durch euch kann man wieder an das Gute im Menschen glauben. Eure Taten sind für euch vielleicht nicht befriedigend genug dennoch bin ich mir sicher, dass es für die Betroffenen unvergesslich bleiben wird. Ich finde dieses Engagement bewundernswert und wünsche mir das eines Tages auch dort wieder Frieden einkehren wird!

  2. Janina Frank, 18. Juni 2017

    Durch die Vielzahl geflüchteter Menschen, die u.a. auch nach Deutschland gekommen sind und sich in unserem unmittelbaren Umfeld bewegen, ist Flüchtlingsarbeit auch hierzulande sehr präsent. Viele Menschen engagieren sich, bringen im Rahmen ihrer Möglichkeiten Zeit und Energie auf, um diesen Menschen hier zu helfen. Diese Arbeit ist sehr wichtig. Nicht zu vergessen ist aber auch das Elend derer, die noch im Kriegsgebiet, zerstörten Ortschaften und unter extrem schwierigen Verhältnissen leben, wie dieser Artikel zeigt. Was das bedeuten mag, kann sich unser einer kaum ausmalen. Umso beeindruckender ist die hier beschriebene Arbeit. Das vertraute und verhältnismäßig sichere zu Hause zurückzulassen und sich ganz und gar der Hilfe dieser Menschen zu verschreiben, sich ihrer anzunehmen unter solch schrecklicher Bedingungen, mit ihnen Leid und auch Freude zu teilen. Sowie Frau Sainovski von der Inspiration anderer Helfenden schreibt, inspiriert mich auch ihr Bericht. Ich bin davon überzeugt, dass es den Menschen dort unglaublich viel bedeutet, dass Menschen, wie Frau Sainovski zu ihnen kommen, ein Stück Leben teilen und dadurch viel besser verstehen, wie es ihnen geht. Solche Hilfe prägt und verändert. Ich wünsche Frau Sainovski und allen Helfenden, dass sie trotz aller Anteilnahme nicht verlernen zu genießen, sondern dass gerade diese Erfahrungen Dankbarkeit lehrt. Ebenso uns Lesende. Vielen Dank und alles Gute!

  3. Deborah, 23. Juni 2017

    Ich bin von Frau Sainovski Einsatz sehr beeindruckt. Es ist wirklich ein großer Schritt in ein Kriegsgebiet zu ziehen, aus welchem andere Menschen fliehen.
    Es ist so wichtig, Einblicke in den Alltag dieser Menschen zu verbreiten. Nur so erfahren wir hier, wie es in Syrien und anderen Ländern zugeht und warum die Menschen oftmals keine andere Wahl haben als zu fliehen um ihr Leben zu retten.
    Nein, die meisten Flüchtlinge sind keine ‘Sozialschmarotzer’, sonder müssen um ihr Leben bangen und haben oftmals keine andere Wahl als ihre Heimat zu verlassen.
    Viele Leute hier in Deutschland können sich glaube ich gar nicht in die Situation hinein versetzten, was es bedeutet, sein gewohntes Umfeld, Freunde und Familie verlassen zu müssen. Eine Flucht ist keine Urlaubsreise und kein Mensch flüchtet aus Spaß oder weil er gerade Lust darauf hat. Durch solche veröffentlichte Berichte und persönliche Geschichten kann man die Lage der Leute nachvollziehen, man bekommt einen kleinen Teil der Welt aus ihren Augen zusehen, kann ihre Gefühle und Ängste spüren.
    Ich hoffe sehr, dass dadurch die Toleranz der Flüchtlinge in Deutschland wächst und Vorurteile und Ängste abnehmen.

  4. Janina, 14. August 2017

    Mir zeigt der Beitrag genau wie den Kommentaren zuvor, wie wichtig es ist von der Arbeit vor Ort zu berichten und darzustellen, welche unannehmbaren Bedingungen und Zustände Menschen ausgesetzt sind, die dazu gezwungen werden ihr Land zu verlassen, liegt ihnen etwas an ihrem Leben.
    Genauso zeigt es mir aber auch, wie belastend es sein kann in einem solchen Krisengebiet zu arbeiten. Für die Menschen vor Ort, die wundervolle Arbeit leisten, ist ein kleines Lächeln oder ein Danke sicherlich schon sehr viel wert und die Gewissheit, etwas Gutes zu tun auch, aber dennoch bin ich der Meinung müsste eine gute Lösung auf politischer Ebene entschieden werden. Wie wenig es scheinbar den Politikern/Mächtigen/Geldgebenden bedeutet, dass sich Menschen engagieren und versuchen ihre Versäumnisse wieder gerade zu biegen, macht mich traurig und wütend zugleich.
    Danke für deinen Einsatz und alles Gute!

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