Südsudan: Stärke in Zeiten von Armut und Bürgerkrieg

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Der Welttag der humanitären Hilfe am 19. August ist dem Einsatz für Menschlichkeit gewidmet. Unsere Mitarbeiterin Stephanie Glinski berichtet aus dem Südsudan, dessen Einheitsregierung zerbrochen ist, wo dieser Einsatz besonders nötig ist und woraus sie und ihre Kollegen Motivation für ihre Arbeit schöpfen.

Blogserie “Was mich bewegt”, Teil 3

Das Flüchtlingslager außerhalb Juba ist ein Meer von weißen Zelten, die bis zum Horizont hinausreichen. Hier leben nach offiziellen Registrierungen um die 21.000 Menschen, nach Schätzungen sind es aber weit mehr – nämlich bis zu 30.000. Jeder lebt auf engem Raum, in Behausungen die aus Planen und Stöcken zusammengehalten werden. Ein Badezimmer gibt es nicht, sondern nur Toiletten, die jeweils hunderte von Flüchtlingen miteinander teilen müssen. Eine Dusche ist nicht vorhanden, dafür gibt es Eimer, die mit Wasser gefüllt werden, oder einen nahegelegenen Tümpel zum Schwimmen.  Es ist heiß und furchtbar stickig und in den letzten Wochen gab es hier auch Cholera-Ausbrüche. Der Frieden ist im Südsudan immer noch nicht eingekehrt und die humanitäre Situation verschlimmert sich weiter.

Ein kleines Mädchen rennt zwischen den engen Gassen der Zelte mit einer vollen Schlüssel gekochtem Reis herum. Sie stürzt, und der Reis – ihre vermutlich einzige Mahlzeit – verteilt sich auf dem staubigen, dreckigen Boden. Weinend rennt sie zu ihrer Mutter, die alle Überreste aufsammelt, denn Essen gibt es nicht viel und kann nicht verschwendet werden.

Ich stehe im Schatten eines Zeltes und betrachte die Szene aus ein paar Metern Entfernung in einem der Flüchtlingslager in der Hauptstadt Juba. In den letzten Wochen haben sich die Gewaltausschreitungen im Südsudan zugespitzt und es kam zu heftigen Kämpfen, bei denen hunderte von Menschen sterben mussten und tausende die Flucht ergriffen.

Eigentlich wohne ich in London, wo ich für World Vision Großbritannien Kommunikationsarbeit leiste und oft unsere weltweiten Projekte besuche, über die ich dann berichte. Doch nach den Unruhen im Juli wurde ich für den Rest des Sommers in den Südsudan entsandt, um die aktuelle Krisennothilfe zu unterstützen.

Mitten im Leid finde ich Menschen voller Widerstandskraft und Stärke. Sie sind stolz auf ihr Land, wollen es gemeinsam aufbauen. Auch die Kämpfe der letzten Wochen werden sie nicht davon abhalten. Die Südsudanesen sind ein beeindruckendes Volk und ihre Geschichten müssen erzählt werden.

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Ein kleiner Verkaufsstand im Flüchtlingslager. Foto: Stephanie Glinski

 

Heute begegnete ich auch der zehnjährigen Negima im Flüchtlingslager. Sie hat ihre Haare komplett abgeschnitten, so wie es hier für Mädchen oft üblich ist, trägt ein altes, gelbes Nachthemd und sitzt auf frisch gesammeltem Feuerholz in ihrem neuen Zuhause: einem aus Wellblech gefertigten, jedoch leerem Zimmer.

 

Vor zwei Wochen wurde sie hier offiziell registriert, als die Kämpfe in der Hauptstadt ihr Leben bedrohten. Negima stammt ursprünglich aus dem Norden des Landes – dort, wo ihre Eltern immer noch in großer Unsicherheit leben, jedoch das Haus und die Rinderherde nicht aufgeben wollen. „Ich bin mit meiner Tante geflohen, aber ich vermisse meine Mama und meinen Papa sehr,“ erzählt sie mir. Hier in Juba hat sie zwar ein Bett, kann zum ersten Mal zur Schule gehen und bekommt regelmäßige Mahlzeiten von World Vision, doch die Erstklässlerin hat Schwierigkeiten, sich an ihre neue Situation zu gewöhnen: „Ich kenne niemanden hier und habe keine Freunde, deshalb bin ich meistens allein. Ich spiele gerne Volleyball, aber mit wem soll ich hier spielen? All meine Freunde sind so weit weg und ich bin hier allein.“ Sie schaut zu Boden, während sie mir dies erzählt, deutet dann aber plötzlich auf eine nicht ganz verheilte Wunde an ihrem Schienbein. „Ich wurde vor einigen Wochen von zwei Hunden attackiert und habe jetzt große Angst, mein Zimmer zu verlassen, deshalb möchte ich auch gar nicht mit anderen Kindern spielen. Einen Arztbesuch können wir uns nicht leisten. Mein ganzer Körper tut immer noch weh und ich habe Angst, dass es nicht mehr weggeht.“

Negima musste ohne ihre Eltern fliehen.

Negima musste ohne ihre Eltern fliehen.

Ich empfinde den Schmerz des Mädchens in diesem Moment mit. Den körperlichen und auch den seelischen Schmerz. Gemeinsam sitzen wir auf dem Feuerholz und unterhalten uns zusammen mit meinem Übersetzer. Ich verspreche ihr, dass ich sie nächste Woche wieder besuchen werde, bevor ich das kleine Zimmer verlasse und vom hellen Sonnenlicht geblendet werde. Die weißen Zelte reflektieren das Licht und die rote Erde staut die Hitze. In der Ferne sehe ich einige grüne Bäume, die jetzt in der Regenzeit blühen.

Niemand hier weiß, wie es mit ihrem Land weitergeht. Werden in Juba neue Kämpfe ausbrechen? Ist die Flucht beendet oder nur unterbrochen? Die Fragen sind unendlich.

Auch die Mitarbeiter unseres Teams sind mit vielen offenen Fragen und Herausforderungen konfrontiert. Es ist nicht einfach in diesem Kontext zu arbeiten und Hilfe zu denen bringen, die sie am meisten benötigen. Man muss sich sehr für Menschen und ihr Schicksal interessieren, um diese Arbeit zu mögen. Meine südsudanesische Kollegin Grace Kiden hat mir erzählt, dass sie an ihrem Job am meisten die Zeit mag, die sie mit den Menschen verbringt, zum Beispiel in den Flüchtlingslagern. Sie hat die Aufgabe zu prüfen, inwieweit die richtige Hilfe geleistet wird und was sie bewirkt.

Grace Kiden

Die südsudanesische World Vision-Mitarbeiterin Grace Kiden ist für “Field Monitoring” zuständig. “Ich kümmere mich um kleine Kinder und will erleben, dass sie die Chance bekommen zur Schule zu gehen. Ich arbeite auch mit Frauen und helfe ihnen mit ihren Kindern. Wir geben ihnen Nahrungsmittel und andere Dinge und wollen sicher stellen, dass die Menschen bekommen, was sie brauchen.”

 

Vor mir sammelt sich eine Gruppe kleiner Kinder. Sie lachen schüchtern, winken und wollen hallo sagen. Ich weiß, dass viele von ihnen Elternteile im Krieg verloren haben und eine schlimme Vergangenheit mit sich tragen. Doch ihr Lachen steckt an. Einige Mütter gesellen sich zu uns. Es beruhigt mich zu wissen, dass die Familien hier wenigstens eine Unterkunft haben und keinen Hunger leiden. In Juba hat sich in den letzten Monaten viel geändert. Eines jedoch scheint gleich geblieben zu sein: die Menschen geben nicht auf und hoffen vor allem auf Frieden.

 

 

 

 

 

3 Kommentare

  1. Tamara, 27. April 2017

    Obwohl wir in einer Zeit leben, die vorherigen Jahrhunderten im Fortschritt, Entwicklung und humanitärer Versorgung weit hinaus sind müssen Menschen sowas noch erleben. Dies finde ich unglaublich erschreckend und würde mir wünschen, dass das Bewusstsein der Gesellschaft, die in Hülle und Fülle leben, sich verändern würde. Ich finde eure Arbeit bemerkenswert und ihr seid diejenigen, die dem Menschen in diesen Regionen eine Stimme geben. Das ist wundervoll. Habt weiterhin die Ausdauer und Energie, Menschen weiterhin eine bessere Zukunft zu bieten und ihnen die Hoffnung auf ein ruhiges Leben aufrecht zuerhalten und irgendwann bieten zu können.

  2. Nicole Kurz, 25. Juli 2017

    Es ist wirklich unvorstellbar wie zur heutigen Zeit Menschen noch hungern müssen. Diese Ungleichheit die auf unserer Welt herrscht, ist für mich wirklich unvorstellbar und grausam. Tagtäglich werden in unserer Gesellschaft so viel an Lebensmitteln weggeschmissen oder einfach nur gekauft, damit man einen vollen Vorratsschrank zuhause hat. Ich kann nicht begreifen, wie es sein kann, dass die Menschen im Südsudan ihr Essen vom schmutzigen Boden aufsammeln müssen weil dieses womöglich das letzte sein könnte was sie an diesem Tag bekommen. Umso bewundernswerter finde ich es, was die ganzen MitarbeiterInnen der Worldvision dort alles an Schicksalen kennen lernen und trotzdem nicht aufgeben und weiterhin für die Menschen in Not da sind.

  3. Hannah, 9. August 2017

    Diese postive Lebensweise der Menschen beeindruckt mich sehr. Bei solchen Artikeln fällt mir immer wieder auf wie klein meine Probleme im vergleich zu den Problemen der Menschen in Kriesengebieten sind. Doch trotzdem gelingt es ihnen auch postitive Dinge an ihrer Situation zu sehen und sich gegenseitig zu unterstützen. Dabei leistet meines erachtens Worldvision einen großen Beitrag an den positiven Erlebnissen.
    Oft sind es ganz kleine Hilfen, Gespräche oder Materialien die den betroffenen Menschen helfen können. Worldvision zeigen in ihren beiträgen immer wieder auf, dass mit “banalen” Dingen großes bewirkt werden kann. Meiner Meinung nach muss uns das bewusst werden. Wir können Menschen auch mit Anteilnahme, Gesprächen und kleinen Hilfen unterstützen und großes bewirken in schwirigen Zeiten.

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