Zu Besuch bei unserem Patenkind Mercy in Ghana

170063-5316 Juli 2007   844396

von Karin und Ulrike Beseke

Unser Patenkind Mercy in echtes Wunschkind meiner Mutter: Sie ist ein 10-jähriges Mädchen und stammt aus Ghana. Meine Mutter hat sich nach drei eigenen Kindern für eine Patenschaft bei World Vision entschieden. Sie liebt Afrika und die Menschen dort.

Gemeinsam wollten wir die Kleine und ihre Familie in Ghana besuchen. Im letzten Moment musste meine Mutter aus gesundheitlichen Gründen allerdings absagen, weswegen ich mich schließlich alleine im Flieger nach Accra wiederfand.

Um 10 Uhr morgens holten mich die World Vision-Mitarbeiter offiziell mit Jeep aus meiner Pension in der Hauptstadt ab. Der nächste Halt war ein Trödelladen, in dem es auch Reis zu kaufen gab – schließlich bestellte ich einen 20 Kilo Sack und fünf Liter Öl! Dies sollte mein Gastgeschenk an Mercys Familie sein… Pralinen und Blumen schenkt man meines Erachtens nur in Ländern des Überflusses.

Auf dem Weg zu Mercy besuchten wir vorher noch das Headquarter, wo ich mich vergewissern konnte , dass alle Pakete und Briefchen ankommen sowie die Patenkinder erreichen. Jeder Brief, jedes Päckchen wird geöffnet und überprüft. Ist etwas drin, das dem Patenkind schaden könnte oder unsittlich ist, wird es aussortiert. Alles andere wird genau aufgelistet, vom Radiergummi bis hin zum T-Shirt.

Danach rumpeln wir mit dem Jeep vier Stunden über eine Staubstraße. Immer wieder müssen wir Menschen und Tieren ausweichen und viele Kinder winken uns zu: World Vision ist hier bekannt! Und die Menschen wissen, was die Organisation bewirkt: Im Bezirk „Twifo Hemang“ kann nur ein Viertel der Bevölkerung Lesen und Schreiben. Einige von ihnen lernen es jetzt mühsam, denn sie wissen: Lesen und Schreiben ist die Vorraussetzung für einen der wenigen Jobs in der Region.

Wir besuchen Mercys Schule: Der Area Manager von World Vision holt uns am Eingang ab. Wir gehen zu Mercys Klassenzimmer und ich merke, dass ich doch schon ein bisschen aufgeregt bin. Wie wird das kleine, dunkelhäutige Mädchen auf mich – die 1,83m große, blonde Frau – reagieren?

Ich kenne Mercy nur von Fotos. Und vor mir stehen rund 20 Mädchen und Jungen, alle mit kurz geschorenen Haaren und in der typischen Schuluniform, der orange-braunen Einheitskleidung! Wer ist bloß Mercy? Und genau die Frage stellt mir auch Mercys Lehrer: „Ulrike, wer ist deine Freundin Mercy?“ Fünf Mädchen müssen vortreten, eine davon ist Mercy. Vielleicht die frech grinsende? Oder das Mädchen, das verschüchtert am Rand stehend? Die in der Mitte? Ich weiß es nicht. Ich rate mich durch, das letzte Mädchen ist es. Schüchtern reicht sie mir die Hand. Und flüstert ihrem Lehrer ins Ohr: „Ich kenne die Frau doch gar nicht!“. Zwar wurde ihr ein „Visitor“ angekündigt, aber erst morgen…

Wir fahren weiter zu einem weiteren Büro von World Vision. Langsam werde ich ungeduldig: Wann kann ich endlich in Mercys Dorf? Doch erst müssen noch schriftliche Formalitäten erledigt werden.

Eine halbe Stunde später kommen wir endlich in Mercys Dorf an. Die Kleine ist inzwischen nach Hause gelaufen und hat sich fein gemacht: Ein dünnes, rotes Stoffkleidchen ziert ihren schlanken Körper.

Ich laufe die letzten paar Meter, habe meinen Sack Reis, der nach Jasmin duftet, geschultert. Zuerst treffe ich Mercys Vater, übergebe mein Gastgeschenk. Überschwänglich bedankt er sich, sagt, er werde es gerecht mit dem ganzen Dorf teilen. Mir ist das etwas peinlich, schließlich habe ich den Reis buchstäblich aus der Portokasse bezahlt und nun ist diese weiße Plastiktüte offenbar ein Gottesgeschenk für diese Menschen…

Verlegen packe ich meine aufblasbare Weltkugel aus – einen Wasserball. Ich versuche wortreich auf Englisch zu erklären, dass ich über viel Wasser und Land wie ein Vogel geflogen bin, um Mercy zu sehen. Sie versteht mein gestottertes Englisch, auch wenn sie sich nicht vorstellen kann, was Fliegen bedeutet und wie anders meine Welt ist. Mit ernster Miene übereicht sie mir eine schmale Stola, legt sie mir um den Hals.

Ich bin gerührt.

Dann möchte ich sehen, wie Mercy lebt: Stolz zeigt sie mir die von World Vision gesponserte Toilette, die für ein Minimum an Hygiene sorgt. Auch drei Zahnbürsten finde ich, locker in das Gebälk des einfachen Hauses gesteckt.

Mercys Schwester ist krank. Sie hat die Masern. Alle Familienmitglieder schlafen in einem Bett, auch die anderen werden die Masern wohl bekommen. Wenn es ganz schlimm wird, können die Menschen im Dorf per Funk Hilfe holen. Dann kommt eine Arzt und verteilt lindernde Medizin.

Ich gebe Mercy den Brief von meiner Mutter. Stockend ließt sie ihn mit feiner Stimme vor: „Mercy, ich hätte dich gerne persönlich kennen gelernt. Nun sende ich dir meine Tochter, ich kann die weite Reise leider nicht auf mich nehmen, bitte sei gewiss, dass ich an dich denke und dich gerne unterstütze.“

Auf meine Frage, was die zehnjährige gerne werden will, antwortet Mercy: „I wanna be a doctor.“ Wie meine Mutter.

Der Abschied ist kurz: Die Zeit drängt, der Fahrer möchte die weite Strecke nach Accra, in die Hauptstadt, nicht im Dunkeln fahren. Gerne hätte ich noch mehr Zeit mit Mercys Familie verbracht. Für sie bin ich ein Wesen, das nicht einzuordnen ist: Sie wissen, dass mit mir auch das Geld kommt, dass das Leben besser werden kann. Aber meine Welt ist so fern von ihrer… Ich bin jedenfalls froh, so herzlich aufgenommen worden zu sein.

In meine Augen ist Mercy eine Heldin, die sich jeden Tag dem Kampf ums Überleben neu stellt. Tief schaue ich ihr in die sanften, braunen Augen und verabschiede mich. Wahrscheinlich werde ich nie wieder kommen, aber ich weiß, das Mercy in meinem Herzen bleibt. Stellvertretend für die Kinder von Ghana.

Auch Sie können einem Patenkind und dessen Familie helfen – wie das geht:

Was eine Kinderpatenschaft ausmacht

Weitere Informationen zu unseren Projekten in Ghana:

Hier bin ich zu Hause

2 Kommentare

  1. Rebecca Viereg, 6. Juli 2017

    Mh, für mich klingt dieser Beitrag sehr nach – ich bin weiß, aus Europa und beruhige mein Gewissen durch eine spende – kennenlernen sieht für mich ebenfalls anders aus, genauso wie die Rahmenbedingungen. Man wird als ‘Visitor angekündigt überall hin kutschiert. Das hat für mich einen sehr faden Beigeschmack. Desweiteren glaub ich auch nicht, dass die Spenden ausschließlich bei dieser Familie bzw. Dem Kind landen. Sondern sie auch für andere Dinge gespendet werden. (Was ich okay finde) aber so wird suggeriert, dass man für ein Kind bzw. Eine Familie ‘die Verantwortung trägt’
    Auch mit den eingsngsworten der schreiberin tue ich mir schwer, dass Mercy ein wunschkind sei. Bei mir löst dies ein Unbehagen aus.

  2. Nicole Kurz, 25. Juli 2017

    Ich finde diesen Artikel vollkommen Realitätsnah. Wenn man sich mal mit dem Thema einer Patenschaft beschäftigt, kommen einem die Fragen auf, ob die Hilfe auch tatsächlich dort ankommt, wo sie auch angedacht wurde und ob es auch das ist was die Familie benötigt. Umso schöner finde ich die Option eines Visitors. Man kann das Land,deren Kultur und das Lebensumfeld dieses Kindes kennenlernen. Man bekommt ein Gefühl für die Situation vor Ort und bekommt nochmals eine Bestätigung in seinem Handeln. Ich finde es auch für die kleine Mercy eine wichtige Erfahrung, zusehen woher die ganzen Spenden und Geschenke kommen und das es da drausen in der weiten Welt noch Menschen gibt die sich für das kleine Mädchen interessieren. Berührend fande ich auch die Reaktion des Vaters auf den Sack Reis. Obwohl die Familie so wenig hat, sind sie dennoch aus freiwilligem Stück bereit ihr Geschenk mit dem gesamten Dorf zuteilen. Wir sind der wirtschaftlichen Entwicklung dieser Länder zwar deutlich voraus hengen der Menschlichkeit jedoch bedeutend hinter her.

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