Sabine Kuegler in Swasiland – Heben Sie mal 20 Liter Wasser!

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Sabine Kuegler in Swasiland mit Thulimanse

"Ich mochte Thembisili auf Anhieb"

Thembisili wurde 1952 geboren. Ich traf sie in der Region Maphalaleni im Norden des Landes. Obwohl wir nicht länger als zwei Stunden gefahren waren, bot sich uns hier eine Landschaft, die nicht unterschiedlicher hätte sein können zu den dürren Gegenden, die wir in den letzten Tagen gesehen hatten.


Sanfte Hügel huschten an uns vorbei, gigantische Steine ragten hier und da aus ihnen heraus. Bäche sprudelten mit frischem Wasser an uns vorüber und vor Saft strotzende Bäume reihten sich an ihren Ufern entlang. Hier und da entdeckte ich traditionelle Hütten der Swasis, in der Nähe grasten friedlich Rinder. Ich fragte mich, was World Vision denn hier noch machen könnte, denn es sah alles so schön, so sauber und so idyllisch aus. Doch dann traf ich Thembisili.

Ich mochte sie auf Anhieb. Sie hatte ein rundes Gesicht, funkelnde Augen und war robust gebaut, eine Bäuerin aus den Bergen, wie man sie sich vorstellt. Wenn sie lachte, kniff sie ihre Augen zusammen und ihre Zähne blitzten weiß gegen ihre dunkle Haut. Ihre Haare waren mit einem Tuch bedeckt und um ihre Schultern lag eine Wolldecke, um welche ich sie beneidete, denn mir war inzwischen in meinem dünnen Pulli eiskalt. Thembisili war Teil eines Wassers-Komitees, das ausschließlich aus Frauen bestand. Als ich diese Frauen vor mir betrachtete, wurde mir wieder einmal bewusst, wie viel wir hier in Deutschland für selbstverständlich halten. Denn auch wenn es keinen Wassermangel in Maphalaleni gab, so gab es ein anderes Problem. Thembisili erzählte mir, wie alles anfing.

Vor einigen Jahren war sie den weiten Weg am Abhang hinunter gestiegen, um Wasser aus dem kleinen Bach zu holen. Sie hatte 11 Kinder zur Welt gebracht und die große Familie brauchte viel Wasser zum Trinken und Kochen. Thembisili machte sich Sorgen, denn öfters als sonst, hatten die Kinder in letzter Zeit Durchfall gehabt und ohne eine medizinische Einrichtung in der Nähe wusste sie nicht, was sie machen sollte. Als sie zu dem kleinen Fluss kam, entdeckte sie den Grund des Unheils. Der halb verweste Kadaver eines Esels hatte sich im Gestrüpp des Flusses verstrickt, und das Gift der Leiche floss ungehindert den Bach hinunter. Was sollte sie jetzt machen? Ohne Wasser würden ihre Kinder verdursten. Mit Wasser würden sie noch kränker werden. Und so machte Thembisili sich auf, um eine Lösung zu finden. Mit der Unterstützung von World Vision taten sich die Frauen in der Nachbarschaft, deren Kinder auch unter extremem Durchfall litten, zusammen und gründeten ein Wasser-Komitee. Mit Spenden wurde ein Projekt ins Leben gerufen, mit dessen Hilfe ein Wasserleitungssystem errichtet wurde, das den Frauen und ihren Familien Zugang zu sauberem Wasser sichert.

Thembisili lud mich zu sich nach Hause ein. Sie lebt wie so viele in Swasiland auf traditionelle Weise. Ein einfacher Zaun aus zusammengebundenen Ästen zäumte das Grundstück, das wir betraten. Ein Esel lief um die einfachen Hütten herum, zwei Hunde begrüßten uns mit lautem Gebell und einige Hühner suchten nach Würmern in der feuchten Erde. Thembisili entschuldigte sich, dass sie nichts für uns vorbereitet hatte, dass sie keine Zeit gehabt hatte, aufzuräumen. Ich beruhigte sie und sagte, es sei ja auch unanständig von uns gewesen, uns nicht vorher angemeldet zu haben. Somit waren die Formalitäten erledigt und ich bat sie, mich ein wenig herumzuführen. Sie hatte einen Garten hinter den Hütten angepflanzt. Obwohl alles hier gut wuchs, war das Problem bis vor kurzem, dass sie nicht genug Wasser tragen konnte, um ihre Familie und den Garten mit Wasser zu versorgen. Denn obwohl der Sommer viel Regen mit sich brachte, waren die Winter trocken und es mangelte des Öfteren an Essen. Das war alles einfacher geworden, seitdem sie nicht mehr so lange laufen musste um Wasser zu besorgen.

Ich bat sie, mit mir Wasser zu holen, denn ich wollte genau wissen, wie es jetzt ablief. Sie verschwand um die Ecke und kehrte mit einem 20 Liter Kanister zurück. Wir gingen aus dem Tor hinaus und ungefähr 100 Meter weiter ragte ein Wasserhahn aus der Erde empor. Von einer Quelle, die einige Kilometer entfernt war, lief eine Leitung zu zwei riesigen Wasserbehältern die wir vorher besichtigt hatten. Mehrere tausende Liter Wasser wurden hier gesammelt und sorgten dafür, dass immer Wasser vorhanden war, egal ob es geregnet hatte oder nicht. Von da aus liefen die Leitungen in verschiedene Richtungen, und jeweils zwei Familien teilten sich so eine Wasserstelle, wie die, vor der ich jetzt stand. Ich fragte Thembisili, wie viel Wasser sie am Tag brauche. 60 Liter erzählte sie mir, also lief sie dreimal am Tag um Wasser zu holen.

Als der Kanister voll war, wollte ich ihr helfen – aber versuchen Sie mal 20 Liter Wasser zu heben! Mit viel Mühe hoben wir den Kanister auf ihren Kopf und ich bewunderte ihre Stärke und schämte mich meiner Schwäche. Es sind diese kleinen Momente, die mich wieder auf dem Boden der Tatsachen bringen, die mir zeigen, wie unglaublich einfach wir es hier in Europa haben. Ihre Kinder und Enkelkinder seien nicht mehr so krank, erzählte mir Thembisili weiter, während wir zurück zu ihrem Haus spazierten und sie sei dankbar, dass sie jetzt nicht mehr so weit laufen müsse um Wasser zu holen. Was ihr denn noch fehlte, wollte ich wissen. Einen Schlauch wünsche sie sich. Denn auch wenn sie nicht mehr so weit laufen brauchte, hatte sie nicht mehr genug Kraft, so viel Wasser zu holen dass sie ihren Garten erweitern könnte. Mit dem Ernteüberschuss könnte sie Geld verdienen und dafür sorgen, dass ihre Kinder und Enkelkinder eine gute Schulausbildung bekämen, besonders ihre Mädchen. Als ich sie so beobachtete, wie sie unter dem Gewicht des Wassers schwankte, fragte ich sie, ob ihr Mann nicht manchmal mit dem Wassertragen helfe. Sie lachte zynisch und sagte, dass ihr Mann keine Zeit hätte, denn er habe neben ihr noch fünf weitere Frauen. Ich horchte einen Moment in mich hinein, fragte mich wie es denn wäre, wenn ich meinen Mann mit fünf anderen Frauen teilen müsste. Als Thembisili den Kanister absetzte, stellte ich ihr eine letzte Frage. Ich wollte wissen ob sie glücklich sei. Ohne mich anzuschauen antwortete sie mit Traurigkeit und Bitterkeit in der Stimme: „Ich habe doch keine andere Alternative“.

Ich habe mir nach dieser Begegnung fest vorgenommen, nicht mehr so viel über Kleinigkeiten wie die Bürokratie oder wenn etwas nicht perfekt funktioniert, zu meckern. Wenn eine Frau wie Thembisili vor einem steht, dann wird einem erst richtig bewusst, wie gut wir es hier in Deutschland haben.

Das von World Vision installierte Bewässerungssystem in der Region, in der Thembisili mit ihrer Familie lebt, hat ihr Leben zum Guten verändert. Und mit den Frauen der Wasser-Komitees, wird sie auch dafür sorgen, dass es so bleibt. Und sollte ich jemals wieder Thembisili besuchen, habe ich mir fest vorgenommen, ihr einen Schlauch mitzubringen.