Schlamm, Regen und ein Berg Schuhe bei der Nahrungsverteilung

Gestern Morgen, um kurz nach sechs, weckte mich der Gebetsruf des Muezzin aus einer nahegelegenen Moschee und – zu jedermanns Überraschung, begann ein trüber, regnerischer und kühler Tag. Der erste Regen seit den Fluten im August fiel und nach einem einfachen, leckeren Frühstück aus Ei und Chapattis machten wir uns auf den Weg zu einer Lebensmittel-Verteilung.

Pakistan – 6 Monate nach der Flutkatastrophe – 3. Teil des Reiseberichts von Justin Byworth, bearbeitet und übersetzt von Dirk Bathe

Zunächst hielten wir am Hilfsgüter-Depot am Rand der Stadt Sukkur in Sindh. Ernest, unser erfahrener Fachmann für Hilfsgüter und Lebensmittelnothilfe stammt aus Bulawayo in Simbabwe, wo ich vor genau einem Jahr war und eines der größten Lebensmittelprogramme erlebte, das ich je gesehen habe.( Das ist eine der Stärken von World Vision: In der Lage zu sein, Fähigkeiten und Erfahrungen aus der ganzen Welt zu mobilisieren, oftmals aus einem Entwicklungsland in ein anderes. Bernard, der uns begleitet und unsere Hilfsprogramme in Pakistan leitet, kommt aus dem Libanon.)

Die Lagerhäuser waren denn auch gut organisiert, angefüllt mit Weizen, Erbsen, Zucker, Salz, Proteinkeksen, Erdnussbutterpaste – ordentlich gestapelt und katalogisiert.

Ich muss gestehen, ich war nicht vorbereitet auf das, was ich sah, als wir die Verteilerstelle erreichten. Große Gebiete standen noch immer unter Wasser, 20 Kilometer vom Indus entfernt und sechs Monate nach der Flutkatastrophe. Der Haufen Schuhe in der Nähe der Verteilerstelle veranschaulicht aufs Beste mit wie tiefem Schlamm wir umgeben waren, da sich die Schuhbesitzer lieber barfuß durch den Morast drückten um ihre Ration zu erhalten.

Kulsas holt mit ihrer Karte für ihre Familie Nahrungsmittel ab.

Nichts gleicht einer Lebensmittelverteilung: Der Anblick und die Geräusche so vieler Menschen, die Mixtur ihrer Emotionen – Not, Dankbarkeit, Sorge darum, dass jeder seinen gerechten Anteil erhält. Ich habe gesehen, wie übel so eine Verteilung ablaufen kann, wenn die Dinge aus dem Ruder laufen, doch diesmal ging es ohne Probleme, abgesehen vom Wetter, wo wir doch im strömenden Regen alle nasser und nasser wurden.

Nicht weit von der Verteilerstelle entfernt flankieren Zelte und Behelfsunterkünfte eine Straße, wo 280 Familien (etwa 1.900 Menschen) leben, weil ihre Dörfer noch immer unter Wasser stehen. Es ist schockierend zu sehen, wie Menschen nach all dieser Zeit noch immer unter Bedingungen leben müssen, mit denen ich kaum ein paar Tage klar käme. Eine 20köpfige Familie lebte zusammen in einer Unterkunft und in der Kochecke stand noch zusätzlich eine Kuh. Hygiene ist unter diesen Bedingungen nahezu unmöglich und die Kinder sind fast durchgängig krank.

Ich gab meiner Sorge Ausdruck, dass was immer wir tun nie genug sein wird. Bernard gab die perfekte Antwort: „Was immer wir tun, macht einen echten Unterschied aus.“ Er hat absolut recht und das ist es auch, was so viele engagierte Freunde und Kollegen zum Weitermachen bewegt bei World Vision und vielen weiteren Organisationen. Unabhängig wie düster oder herausfordernd die Lage auch ist, es gibt Hoffnung. Hoffnung in der Ausdauer der Bevölkerung, Hoffnung in den Menschen, die unermüdlich für eine Verbesserung arbeiten. Hoffnung liegt auch darin, dass als Reaktion auf die Hilfe nach der Flutkatastrophe sich die Herzen und Gemüter der Menschen für einen grundsätzlichen Wandel in Pakistan geöffnet haben. So dass die Gemeinschaften zu Orten werden, wo Kinder wachsen und gedeihen.

1 Kommentar

  1. Nicole Kurz, 25. Juli 2017

    Danke für diesen tollen Artikel. Hier wird es so schön deutlich wie wichtig Zusammenhalt und Hoffnung ist. Menschen leben dort mit schlimmsten Lebensbedingungen unter katastrophalen hygienischen Voraussetzungen und haben dennoch einen Grund nach vornen zublicken und auf besseres zu hoffen. Ich kann mir sehr gut vorstellen wie erschreckend die Situation sein muss vor Ort su sein und so vieles bewirken zu wollen und im Entdeffekt ist das ganze wie ein Fass ohne Boden. Dennoch finde ich es sehr schön, wie hier nochmal klar gemacht wird, auch wenn es nur ein Tropfen auf denn heißen Stein ist, sind es wichtige Tropfen die dazu führen dass die Menschen wieder Hoffnung bekommen. Eure Arbeit ist wirklich so bemerkenswert und unfassbar wichtig. Ich finde eure Arbeit wirklich super und bin mir sicher dass durch so viele tolle Menschen wie euch auch das Leid wieder in den Griff bekommen werden kann.

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