Aus Tal des Todes wurde ein Paradies

Teil 6 des Reiseblogs von Pressesprecherin Silvia Holten aus Äthiopien

Mame kann ihren 1984 verhungerten Mann nicht vergessen, ist aber dankbar für die Obstfarm, die sie inzwischen aufbauen konnte.

„Immer wenn ich etwas esse, muss ich an meinen verstorbenen Mann denken, denn er starb, weil es nichts mehr zu essen gab.“ Mame ist heute eine 38jährige Frau, die 4 Kinder allein groß gezogen hat und während der großen Hungersnot im Jahr 1984 ihren Ehemann, 3 Brüder und 2 Onkel verlor. Sie war bei ihrem Mann, als er starb und kann ihn nicht vergessen. Ihr erstes Kind war damals ein halbes Jahr alt und hatte nur noch einen Oberarmumfang von der Größe einer Walnuss.

Die internationale Kinderhilfsorganisation World Vision  errichtete unter heute sehr abenteuerlich erscheinenen Bedingungen mehrere Nothilfezentren, in die Eltern oder Verwandte ihre unterernährten Kinder brachten. Mitarbeiter der Hilfsorganisation fuhren durch die Dörfer von Haus zu Haus, um die zum Teil völlig entkräfteten Menschen mit Nahrungsmitteln zu versorgen oder Kinder, die kurz davor waren, vor Hunger zu sterben, in die Hilfszentren zu bringen. Auch Mame und ihre Tochter wurden in das Zentrum gebracht.

Zwei Tage waren wir jetzt im Antsokia-Tal unterwegs und ich weiß nicht, was mich mehr beeindruckt hat, die Schönheit der Landschaft oder die der Frauen, die einen aus großen braunen Augen neugierig ansehen. Es ist nur schwer vorstellbar, dass dieses Tal vor weniger als 30 Jahren völlig ausgedorrt war. Mame erzählt, dass es keinen Grashalm mehr gab, die Bäume nur noch verdorrte Stummel waren, Tierkadaver lagen am Wegesrand und viele Menschen seien so entkräftet gewesen, dass sie nicht mal mehr in der Lage waren, ihre Toten zu begraben. Sie habe alles Hab und Gut auf dem Markt verkauft, damit sie sich und ihre kleine Familie ernähren konnte, aber zum Schluss sei ihnen nichts mehr geblieben. Irgendwann seien dann World Vision Mitarbeiter gekommen und hätten sie und ihre Tochter ins Hilfszentrum gebracht. Mit hochwertiger Nahrung seien ihre Tochter und sie selbst dann wieder zu Kräften gekommen.

1984 nur noch Haut und Knochen

Bild von Antsokia während der großen Dürre - nur Staub und Stümpfe von Bäumen

Auch der 55jährige Bauer Abebe kann sich nicht erinnern, jemals solch eine schlimme Hungersnot erlebt zu haben. Im ganzen Tal habe es nur noch Staub und vertrocknete Erde gegeben. Vor der Katastrophe habe er etwa 50 kg gewogen und während der Hungersnot nur noch etwa 30 – 40 kg. Alle Menschen, die im Tal lebten, waren nur noch Haut und Knochen. Jeden Tag starben 15 bis 20 Menschen. Nachbarn, die noch etwas kräftiger als er waren, brachten ihn in das Hilfszentrum von World Vision, dass etwa 40 Minuten Fußweg von seinem Haus entfernt war. Nach einiger Zeit hatte er wieder so viel Energie, dass er nach Hause zurückkehren konnte.

Heute fühlt sich Abebe als reicher Mann. Er hat etwas Geld auf der Bank und auch seinen 7 Kindern geht es gut. Die beiden ältesten sind bis Ende der 12. Klasse zur Schule gegangen. Der älteste Sohn arbeitet in einem Unternehmen und die älteste Tochter hat einen kleinen Laden, in dem sie Dinge des täglichen Bedarfs verkauft. Abebe selbst besitzt heute etwa 1 Hektar Land, auf dem er Avocados, Zwiebeln, Orangen, Zitronen, Kaffee, Tomaten und Bananen anbaut. Die ersten Pflanzen und Samen hat er von World Vision bekommen und die Organisation hat ihn auch in Ackerbau unterrichtet.

Auch Mame besitzt einen kleinen Garten. Stolz zeigt sie uns ihre kleine Obstplantage. Die Früchte, die sie dort erntet, verkauft sie auf dem örtlichen Markt. Sie ist sehr dankbar, dass World Vision ihr geholfen hat, dieses kleine Paradies aufzubauen.

Bewässerung,  neue Pflanzungen und Sparguthaben sichern die Zukunft

Der 49jährige Bauer Desta zeigt uns voller Selbstbewusstsein seine Plantage. Während der großen Hungersnot hatte die Regierung ihn und seine Familie in den Süden des Landes geschickt, doch nachdem die Dürre vorbei war, ist er in sein Heimatdorf zurückgekehrt. Hier lernte er im Entwicklungsprojekt neue Anbaumethoden und zieht Nutzen aus den angelegten Bewässerungskanälen. Heute kann Desta 2 bis 3 mal pro Jahr seine Früchte und das Gemüse ernten. Er hat eine Auszeichnung als bester Bauer der Region bekommen und bildet selbst junge Männer in moderner Landwirtschaft aus. Auf seinem Land beschäftigt er täglich 10 Arbeiter. Er arbeitet mit einer Kooperative zusammen, die die Ernte an Großhändler weiter verkauft. Sollte es noch mal eine Dürre im Tal geben, könnte Desta zwei Jahre durchhalten, da seine Plantage durch die Kanäle ständig bewässert wird. Vor der großen Hungersnot gab es keine Früchte im Antsokia Tal.

Neues wagen: Seidenproduktion im Antoskia-Tal gestartet

Einige Familien im Antsokia-Tal züchten Seidenraupen und haben auch schon Abnehmer für die Kokons mit der Rohseide gefunden.

Der 50jährige Cheru , der 43jährige Mulatu und die 37jährige Tewabech wagen etwas ganz Neues. Sie haben vor einem Jahr eine kleine Seidenproduktion gestartet. World Vision hat ihnen gezeigt, wie es geht und sie mit den ersten Raupen und dem nötigen Equipment versorgt. Eine Kooperation mit einer Fabrik in Addis Abeba wurde geschlossen, die die Kokons abkauft und zu Stoffen verarbeitet.

World Vision startete die Arbeit im Antsokia Tal während der großen Hungernot im Jahr 1984 zunächst mit Nothilfemaßnahmen. Diese Hilfe mündete dann später in langfristiger Entwicklungszusammenarbeit. World Vision baute in Kooperation mit den Menschen im Tal mehr als 16 km Kanalsysteme, baute Brunnen und Dämme. Millionen Bäume, u.a. Obstbäume wurden gepflanzt, die Menschen in Ackerbau ausgebildet. Auch im Gesundheitsbereich wurde viel erreicht.

Kinder schauen zum Fenster der Seidenfabrik herein

Die Kinder sind heute gesünder, Krankheiten wie HIV/AIDS, Malaria und Tuberkulose konnten eingedämmt werden. Es gibt Gesundheitsstationen und die Kinder gehen zur Schule. Selbst weiterführende Schulen gibt es heute im Tal. Das Ziel der Arbeit von World Vision ist, den Menschen zu helfen, sich selbst zu helfen. Viele Menschen sind heute nicht mehr auf die Unterstützung der Organisation angewiesen, sondern helfen selbst ihren Nachbarn und Mitbewohnern. Die Arbeit, die mit Hilfe der Organisation begann, wird von ihnen weitergeführt.

In neuen Regionalentwicklungsprojekten unterstützt World Vision heute auf einem Gebiet von 595 km² mehr als 85.000 Menschen mit Gesundheitsmaßnahmen, Schul- und Ausbildung, Mikrokreditprogrammen, etc. Waisenkinder werden unterstützt, die Ärmsten der Armen gemeinsam mit der Community bestimmt und mit Schafen und Hühnern versorgt, um ihnen ein kleines Einkommen zu verschaffen.

Heute fahren wir zurück nach Addis Abeba und ich fahre mit einem guten Gefühl. Die Menschen machen einen zufriedenen Eindruck, die Kinder lachen, überall blüht und grünt es, Herden von Ochsen, Ziegen, Kamelen und Eseln behindern oft unsere Weiterfahrt. Ein kleines Paradies ist aus einem Tal des Todes entstanden. Die Äthiopier sind unglaublich fleißig und haben den festen Willen, ihr Land nach vorn zu bringen. Investoren geben sich die Klinke in die Hand und ich habe ebenfalls die Überzeugung gewonnen, dass Äthiopien mit der natürlich auch nötigen politischen Unterstützung eine gute Zukunft hat.

An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal bei all unseren Paten für die großartige Unterstützung bedanken. Die Menschen hier sind voll des Lobes für die Hilfe aus Deutschland und die Arbeit, die World Vision hier im Tal getan hat und noch immer tut.

„Dehna hunu“ – „Auf Wiedersehen“ Äthiopien.

Hier noch ein Bericht aus dem Antsokia Tal aus den RTL-Nachrichten (ab Minute 3:50).

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