Und im Koffer eine Gegenwelt

Teil 4 des Reiseblogs von Journalistin Andrea Jeska, die gemeinsam mit BAP-Sänder Wolfgang Niedecken und World Vision Mitarbeitern vom 10. bis 18. September im Ostkongo unterwegs ist. Ihr Ziel ist das neue Rebound-Projekt zur Rehabilitation von Kindersoldaten und missbrauchten Mädchen.

Früher bin ich mit Luftballons und Murmeln im Gepäck gereist. Ich stellte schnell fest, dass die Verteilung schwierig ist. Irgendein Kind steht immer daneben und geht leer aus. In Afrika schon deshalb, weil es einfach so viele Kinder gibt. Einmal reiste ich in ein kleines Flüchtlingslager nach Inguschetien im Nordkaukasus. Als Spende meiner drei Töchter und all ihrer Freundinnen hatte ich 36 Barbie-Puppen im Gepäck. Es waren 35 Kinder im Lager. Die letzte Puppe gab ich einer alten Frau, die mich darum bat. Sie habe noch nie in ihrem Leben eine Puppe besessen, sagte sie, und ich weinte fast, so berührt war ich.

In Afrika dagegen habe ich erlebt, wie sich Kinder um die Gaben prügeln und seitdem komme ich mit leeren Händen. Ich will nicht Schuld an einem blauen Auge, gebrochenen Rippen sein. Dabei tut es mir leid. Es wäre so einfach, ein paar Kinder glücklich zu machen.

Immer im Gepäck habe ich Desinfektionsmittel für die Hände. Das ist so eine Sache, derer man sich eigentlich schämt, wenn man viele Hände geschüttelt und die Kinder ein wenig gestreichelt hat und dann, kaum außer Sicht, den Bakterien zu Leibe rückt.

Solche Schämmomente erlebt man in afrikanischen Ländern immer wieder. Dann, wenn man aus seiner sauberen Wasserflasche trinkt und dabei von gefühlten 1000 Kinderaugen angestarrt wird. Dann, wenn man wieder ins Auto steigt, in das saubere, klimatisierte, und dieselben Kinderaugen einem nachsehen. Wieder ein Weißer, der kam und Fragen stellte und nun wieder zurückfährt in seine Welt. Oder wenn ich gefragt werde, wie alt ich bin und ich sage es, und die Frauen um mich herum sagen, ja, genau wie ich, aber sie sehen zwanzig Jahre älter aus. Und wie ich wissen sie genau, das kommt von ihrem anderen Leben, von den Sorgen und der schlechten Ernährung, der harten Arbeit und den vielen Kindern.

In Beni, hörten wir, gibt es wenig Wasser. Und das, was es gibt, sei ziemlich braun. Wenig Wasser bedeutet, wenig sich waschen. Im Vorfeld einer Reise denke ich deshalb über Feuchtwaschlappen und Trockenshampoo nach. Gedanken, die in einem Umfeld entstehen, in dem man Raum für solche Gedanken hat und in dem es wichtig erscheint. Meist bleiben diese Dinge dann unangetastet in meinem Koffer, weil es vor Ort lächerlich erscheint, über gewaschene Haare nachzudenken. In einem Umfeld, in dem andere Dinge viel wichtiger sind. So ist auch die Diskrepanz zwischen meinen frisch geduschten, frisch gekleideten und gepflegten Ich, welches in Hamburg in ein Flugzeug steigt, zu meinem meist ziemlich schmuddeligen, mit irgendetwas Bekleidetem Ich, das in Deutschland wieder aus dem Flugzeug steigt, recht groß. Nicht nur deshalb, weil mir vor Ort die Möglichkeiten fehlen, gepflegt zu bleiben, sondern, weil es mir so egal wird. Das mag sich nach einem kleinen Nebeneffekt einer großen Reise anhören, aber ist es nicht. Es ist eine immer wieder erschütternde Erkenntnis, dass ich zum einen nicht einen Bruchteil dessen brauche, was ich besitze und dass zum anderen vieles an Wichtigkeit verliert, wenn man irgendwo lebt, wo es keinen Wert hat. Die Dinge sind das, was sie in ihrer Erlebniswelt sind. Das so zu sehen, hilft mir, die Gewalt zu verstehen, der ich in Afrika begegne. Oder vielleicht nicht die Gewalt, aber den Mangel an ihrem Gegenteil. Toleranz und Friedfertigkeit, Mitleid und Gelassenheit. Wie können sie entstehen, wenn sie wertlos sind, weil nicht tauglich für das Leben, schwächend für den Alltag?

Block und Kuli immer dabei: Andrea Jeska 2009 im Interview-Gespräch mit zwei Schülerinnen im Rebound-Projekt in Uganda. Foto: Danuser

Immer habe ich Rilke im Gepäck. Eine kleines schmales Reklamheft mit Gedichten, die Seiten rot von afrikanischem Staub, schmierig von meinen Fingern, auf der Rückseite noch ein kleiner Fleck von einem aufdringlichen Moskito, dass ich einst damit erschlug. Längst kenne ich alle Zeilen auswendig, aber es hilft gegen alles Elend, sich abends noch einige Minuten auf Sprache und Reim zu konzentrieren. Rilke ist besser als Trockenshampoo, nach ein paar Zeilen fühle ich mich gesäubert von all dem menschlichen Schmutz, von dem ich höre.

Was noch? Taschenlampe, Messer, Medikamente, das übliche. Keine Reise geht ohne Ohropax. So sehr ich den afrikanischen Tag mag, das Gewimmel und Getummel, die Musik und das Gelächter, die gutturalen Stimmen und die Lieder, so unlieb ist mir selbiges in der Nacht. Ich muss mich zurückziehen können in meine eigene Stille, sonst ertrage ich nicht, was ich sehe und höre.

Ein kleines Notebook. Ich habe lange gebraucht, mich damit anzufreunden, mit Technik zu reisen. Mein Selbstverständnis ist eher auf Notizblock und Kugelschreiber ausgerichtet, ich sehe mich als jemanden, der reist und sieht, zurücktritt und beobachtet. Und erst nach Hause zurückkehrt und den Reisestaub abwäscht, bevor geschrieben wird. Aber die Zeiten haben sich geändert, die Langsamkeit muss erst noch wieder neu entdeckt werden, wenn das überhaupt möglich ist.

Zu guter Letzt ein Buch, dessen Inhalt aus einer anderen Welt stammen muss. Als Gegenentwurf. Es ist eine Welt gegen die Welt zu halten, schrieb der mecklenburgische Schriftsteller Uwe Johnson in seine Frankfurter Vorlesungen. Er meinte nicht das Gepäck für eine Kongoreise, natürlich nicht. Aber ohne das Wissen einer Gegenwelt ließen sich die meisten Welten weder verstehen noch aushalten.

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