Judith Rakers in Ostafrika – Tag 4

Die Tagesschau-Sprecherin hat mit World Vision ihr Patenkind und Hilfsprojekte in Tansania besucht.

Treffen im Krankenhaus

 

Der Tag beginnt mit einer Planänderung: Weil ich unbedingt Mariamus Mutter kennenlernen möchte und sehen will, wie es ihrem kleinen Neffen geht, fahren wir zum Krankenhaus. Auf dem Weg dorthin finden wir einen kleinen Laden, so dass ich Mariamus Mutter Moskitonetze und Kleidung mit ins Krankenhaus bringen kann. Das Nötigste eben. Den Rest werde ich von Deutschland aus veranlassen, nehme ich mir vor.

Der Kleine hat ein schlimmes Hautekzem, aber er ist bereits auf dem Weg der Besserung.  Auch Mariamus Vater ist dort – ohne zu wissen, dass wir uns so noch einmal sehen würden. Als ich ihm die Netze und die Kleidung überreiche, füllen sich seine Augen ein weiteres Mal mit Tränen. Was für eine unglaubliche Nähe man empfinden kann zu Menschen, die man persönlich erst seit so kurzer Zeit kennt. Hier findet gerade das Gegenteil von Oberfläche statt und ich bin dankbar für jeden Moment – auch wenn der Abschied wieder schwer fällt.

Kinder werden geimpft 

Impfung unter freiem Himmel

Im nächsten Dorf steigt eine mobile Krankenschwester zu uns in den Jeep und wir fahren gemeinsam in ein Dorf, in dem ich die Gesundheitsvorsorge von World Vision kennenlerne. Die Frauen haben ihre Kinder mitgebracht – Kinder jeden Alters, vom Säugling bis zum Teenager. Alle werden gewogen und dann geimpft und die Krankenschwester hält einen Vortrag über Ernährung. Ich lerne, dass viele Mütter ihre Kinder hier sehr einseitig ernähren, gar nicht unbedingt aus Mangel, sondern aus fehlendem Wissen über Vitamine und den Bedarf des Körpers.

 

 Die tansanischen Imker und mein Opa

Unser nächster Stopp ist eine Mischung aus Dschungel-Erlebnis und Reise in die Vergangenheit. Wir besuchen eine Familie, die durch World Vision gelernt hat, wilde Bienen anzusiedeln, um Honig und Wachs zu ernten. Sie zeigen uns nicht nur, wie sie an einer kleinen Feuerstelle die Waben auskochen, sondern nehmen uns auch mit in den angrenzenden Wald zu den Bienenvölkern. Über Trampelpfade eine wackelige Leiter, die über einen kleinen Bach führt, geht es in eine Art Sumpfgebiet, wo ich prompt von überdimensional großen Ameisen gebissen werde. Einer der Männer geht mit einer Machete voraus um uns den Weg durch die Sträucher und Büsche zu bahnen. Und dann sehen wir die Bienenvölker. Angesiedelt an von Menschen gebauten Holzkisten. Als Enkelin eines Hobby-Imkers fühle ich mich wohl in der Gegenwart von Bienen und die tansanischen Imker freuen sich, dass es eine Verbindung gibt zwischen uns. So wird selbst mein Opa noch Thema auf dieser Reise, die auch immer mehr zum Abenteuer wird.

Aufklärung über Genitalverstümmelung

Unser letzter Programmpunkt heute führt uns über buckelige Pisten tief ins tansanische Inland – in ein entlegenes Dorf, in dem verschiedene Volksstämme leben. Auch einige Massai. World Vision hat hier eine Projektgruppe gegründet, die gegen die weibliche Genitalverstümmelung kämpft. Gegen den uralten Brauch also, den Mädchen ihre äußeren und inneren Schamlippen und die Klitoris herauszuschneiden, sie zuzunähen und somit „ehrbar“ und „verheiratbar“ zu machen. Sechs Frauen und  sieben Männer sind in dieser Gruppe, denn ohne Überzeugungsarbeit bei den Männern ist dieser grausamen Tradition nicht beizukommen.  Erst wenn die Männer bereit sind, eine nicht beschnittene Frau zu heiraten, sind die Mütter bereit, auf die Beschneidung zu verzichten.  

Die Projektgruppe selbst erzählt uns von ihren Erfahrungen. Sie haben gelernt diese weiterzutragen. Vor allem die Information darüber, welches Gesundheitsrisiko mit diesem Brauch verbunden ist. Denn nicht nur der Eingriff selbst – oft in den Hütten von den Frauen selbst durchgeführt – führt zu teilweise tödlichen Infektionen. Die beschnittenen Frauen haben oft ein Leben lang Schmerzen und immer wieder Entzündungen. Jede Geburt, manchmal sogar allein der Sexualverkehr können wieder zu Problemen führen. Waris Dirie hat diesen Brauch in ihrem Buch „Wüstenblume“ detailliert beschrieben – vor den Frauen zu sitzen und ihnen zuzuhören, im vollen Bewusstsein darüber, dass sie selbst alle beschnitten sind, führt einem die Grausamkeit aber noch einmal ganz anders vor Augen. Als dieser Tag zuende geht, kann ich lange nicht einschlafen. Zu aufgewühlt lassen mich die Eindrücke des Tages zurück.

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