Haiti auf dem Weg in die Zukunft – Kinder in die Schulen

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Ihre rosafarbenen Bänder halten das störrische Haar nur mühsam im Zaum, die eben noch sauber geputzten Schuhe sind mit Staub bedeckt und ihre Schultaschen liegen bunt gestapelt in einer Ecke des kleinen Schulhofs. Fünfzig Kinder im Alter von drei bis sieben Jahren toben ausgelassen und hoffen, dass die Lehrerin die Pause wenigstens ein bisschen überzieht. Eine Szene, wie sie sich in vielen Schulen in vielen Ländern der Welt tagtäglich abspielt. Doch diese Schule steht nicht in einem dieser Länder. Das hier ist ein Zentrum für frühkindliche Entwicklung in Haitis Hauptstadt Port au Prince, gefördert von World Vision und dem deutschen Katastrophenhilfe-Bündnis “Aktion Deutschland Hilft”. Eine Vorschule in einem Land, in dem nur jedes zweite Kind überhaupt eine Schule besucht. Und das noch immer unter den Folgen des verheerenden Erdbebens vom 12. Januar 2010 leidet.

Bethanie und Rachelle Lafontant unterrichten in der „Ecole Fraternelle“ im Stadtteil Delmas. Bethanie berichtet: „Ohne die Betreuung und den Unterricht in den Kinderzentren würden viele Kinder viel zu früh einer unangemessenen Arbeit nachgehen. Hier haben sie die Chance sich gesund zu entwickeln“.

Aufbauen, wo vorher nichts war

 

Eine Glocke ertönt, sie ist laut genug, um durch das Singen und Toben der Kinder zu dringen. Die Pause ist zu Ende, der Unterricht geht weiter. Zeit, um mit Valerie Noisette zu sprechen, World Visions Fachfrau für Erziehung in Haiti. Die gebürtige Haitianerin lebt seit ihrer Kindheit in den USA. “Als dann das Erdbeben meine Heimat zerstörte wusste ich: Du musst helfen!” Wenige Wochen später übernahm sie den Posten als Erziehungsexpertin und seit nunmehr fast zwei Jahren begleitet sie den Wiederaufbau des Landes. “Aber was heißt Wiederaufbau? Haiti lag schon vor dem Erdbeben in Trümmern. Jahrzehnte der Diktatur, des wirtschaftlichen Verfalls hatten Haiti zum ärmsten Land der westlichen Hemisphäre gemacht. Da galt es, überhaupt erstmal Strukturen aufzubauen, wo vorher nichts war!”

 

Wir müssen dranbleiben!”

Valerie Noisette-Dalencour leitet die Bildungsprojekte von World Vision und engagiert sich stark für eine frühe Förderung von Kindern. 2. „Dass Kinder auch vor der Schulzeit Förderung benötigen, war in Haiti vor dem Erdbeben weitgehend unbekannt. Es gab kaum Kindergärten, wie man sie in anderen Ländern kennt. In den provisorischen Zeltlagern haben wir viel Lobbyarbeit dafür gemacht. Wenn es jetzt gelingt, die frühkindliche Förderung stärker außerhalb der Camps zu verankern, ist das ein Riesenschritt nach vorn.“

Zu diesen Strukturen gehört auch die schulische Ausbildung junger Menschen. In einem Land, in dem jeder zweite nicht schreiben und lesen kann – eine Grundvoraussetzung für eine bessere Zukunft. “Und die Kinder sind die Zukunft Haitis. Sie wollen lernen, sie sind ehrgeizig und haben Ziele”, sagt Valerie mit einem Lächeln. “Auch wenn manches nicht so schnell vorangeht, wie wir Mitarbeiter von Hilfsorganisationen uns das wünschen. Dafür gibt es viele Gründe, etwa, dass wir oft gar keinen Ansprechpartner bei den Behörden haben. Aber das ist alles überwindbar. Wir müssen nur dran bleiben.”

Dran bleiben, weiter machen, trotz aller Schwierigkeiten in diesem Land, dass monatelang gar keine Regierung hatte, wo unklar ist, wem Grund und Boden eigentlich gehören und wo die Infrastruktur auf dem Niveau eines Entwicklungslandes ist. Während unserer Reise durchs Land, zu Projekten, Schulen, Cholerastationen, hören wir immer wieder von Menschen, die sich engagieren, die dran bleiben, weiter machen. Und die uns ihre Erfolge zeigen. Auch da, wo es auf den ersten Blick nur Notlösungen sind. Wie im Camp Corail. Einer Stadt, die es eigentlich nicht gibt.

Eine Stadt, die es eigentlich nicht gibt

Der Weg von Port au Prince nach Camp Corail dauert nur eine Viertelstunde. Auf der Straßenkarte. In der Realität der völlig verstopften Straßen in Port au Prince kann die Fahrt auch mal eine Stunde dauern. Sie führt durch verwinkelte Viertel, über Holperstrecken und an immer noch existenten Zeltlagern vorbei. Aus einiger Entfernung erinnert Camp Corail an eine amerikanische Vorortsiedlung. Reihe an Reihe, im Quadrat, von geraden Wegen durchzogen. Aus der Nähe entpuppt sich die Siedlung als Stadt im Übergang. Nach der Erdbebenkatastrophe haben World Vision und andere Organisationen hier Holzhäuser erbaut. Auf von der Regierung zugewiesenem Land, denn Grund und Boden sind in Haiti in der Hand von nur wenigen Familien und staatliche Grundstücke gibt es deshalb kaum.

Camp Corail ist ein Transition-Projekt, eine Lösung für den Übergang. Eigentlich. “Denn es wird immer deutlicher, dass dieses Lager sich zur Siedlung entwickelt. Dass die Menschen hier bleiben werden”, sagt Raja Kumar Gollander, ein Ingenieur, der die World-Vision-Häuser entworfen hat. “Ihnen fehlt einerseits die Alternative – wo sollen sie hin? Andererseits haben wir glücklicherweise die Häuser gleich so gebaut, dass sie ausbaufähig sind.” Die Holzwände können mit Stein ummauert werden, die Häuser haben kleine Veranden und sie stehen auf Betonfundamenten.

Bequem ist das Leben in Camp Corail aber nicht. Es gibt kein fließendes Wasser, keinen Strom, keine Jobs. Aber es gibt Talente.

Mit dem Startkapital für ein Kleingewerbe und einer Fortbildung zum Führen eines kleinen Geschäftes schafft World Vision in Corail wirtschaftliche Perspektiven. Aline, 29, berichtet: „Am Anfang hat es mir in Corail nicht gefallen. Mit 144 US-Dollar Startkapital und einer Fortbildung durch World Vision konnte ich einen kleinen Laden aufmachen, der auch gut läuft. Inzwischen glaube ich, dass sich mein Leben durch das Erdbeben zum Positiven verändert hat. Ich war vorher Tagelöhnerin in einer Farbrik.“

 Ein Musiker frisiert die Bewohner

Jean “Johnny” Juste ist eines davon. Der freundliche, junge Mann steht vor seinem Friseurladen, den er sich mit 144 US-Dollar Startkapital von World Vision eingerichtet hat. “Das Frisieren und Rasieren habe ich mir selber beigebracht”, grinst Johnny und verweist auf eine Auswahl von Modellbildern die ihm als Vorlagen dienen. “Denn eigentlich bin ich kein Friseur. Ich bin Musiker.” Und was für einer! Mit seiner Band hat vor dem Erdbeben erfolgreich gespielt, einmal sogar mit dem Weltstar und Haitianer Wyclef Jean zusammen auf der Bühne gestanden. “Aber beim Beben sind zwei meiner Bandkollegen ums Leben gekommen. Und außerdem gab es keine Jobs mehr – die Menschen hatten kein Geld für Musik.”

Jonny ist eigentlich Musiker, hat sich in Corail aber als Friseur selbständig gemacht und kann ganz gut davon leben.

Johnny kann vom Haareschneiden mittlerweile leben. So wie auch andere Bewohner von Camp Corail mit finanzieller Hilfe und Trainings von World Vision ihr Leben in die eigenen Hände genommen haben. Sie eröffnen kleine Restaurants, Friseurläden oder Kioske,  sie bauen Gemüse in ihren Vorgärten an, sie engagieren sich für das Leben in der Siedlung. Denn langsam geht es aufwärts in Camp Corail und einer der Gründe dafür steht im Zentrum der Siedlung und es ist ein sehr gelber, sehr lauter und sehr deutscher Grund.

Platz für 800 Schüler

Die Wände der neuen Schule in Camp Corail wetteifern mit der Sonne um das strahlendste Gelb, auf dem großen Hof ist Platz für Basketball, Fußball und Fangen spielen. Den Platz brauchen die etwa 800 Kinder auch, die diese Schule seit ihrer Eröffnung vor wenigen Wochen besuchen. Die Gebäude stechen heraus, nicht nur aus den Reihen der sie umgebenden Übergangshäuser. “So eine Schule gibt es wohl in ganz Haiti nicht”, sagt Darius St. Ange, der Bürgermeister der Gemeine Croix de Buquet, zu der Camp Corail gehört. Gefördert mit Mitteln der Deutschen Telekom ist die Schule ein Beispiel für grundsolide Bauweise, die sich an den Bedürfnissen der Lehrer und Schüler orientiert. In den Klassenzimmern gibt es Licht und Luft, in einer einfachen Mensa versammeln sich Schüler zur Schulspeisung.

“Dass eine Schule so schön sein kann!”

“Ich hätte nie gedacht, dass eine Schule so schön sein kann”, schwärmt Mackxiannie Bernarnd. Das junge Mädchen will Krankenschwester werden, “denn davon gibt es viel zu wenige bei uns in Haiti.”  Ob sie also bleiben will in Haiti, nicht auswandern, wie so viele ausgebildete Haitianer? “Warum sollte ich? Es wird besser werden bei uns, das weiß ich genau.” Sagt`s und rennt zurück in den Klassenraum. Lernen. Für die Zukunft.