Hier regt sich Widerstand gegen frauenfeindliche Bräuche

Kenia-Reiseblog von Thomas Kalytta, 10. Tag

Nach 45 Minuten taucht ein langes Steingebäude hinter den Büschen auf. 17 Mädchen aus den Klassen 5-8 der Schule in Kapnyayi erwarten uns zum Gruppeninterview. Wir wollen gerne hören, was sie über ihre Situation, über Kinderrechte, Bildungschancen und  Geschlechterrollen zu sagen haben. Mädchen kommen sonst kaum zu Wort. Deshalb werden sie von World Vision (auch) während der Evaluierung separat befragt. Außerdem haben wir ein Projekt zur Mädchenförderung gestartet und wollen erfahren ob es schon Wirkungen zeigt. Ich setze mich unauffällig in die letzte Reihe. Trotzdem dauert es einige Zeit bis die Schülerinnen auftauen.

Ein Thema scheint sie besonders zu beschäftigen: der Druck zur frühen Heirat und ihr fehlendes Mitspracherecht dabei. Eine Schülerin erzählt leise von einem Mann, der in die 3. Klasse kam und „sein Mädchen“ einfach abgeholt hat. Unglaublich! Die Eltern waren sich wohl über den Brautpreis einig geworden und so war der Vertrag „rechtsgültig.“
 
Bei den Pokot werden Mädchen als Teenager verheiratet – manchmal an richtige Opas – und der Heirat geht die Beschneidung der weiblichen Genitalien voraus. Nach ihrer Vorstellung wird ein Mädchen erst durch die Beschneidung zu einer richtigen Frau, und das wird auch so gefeiert. Unbeschnittensein ist uncool und man wird gedisst – ausgegrenzt. Die „Krönung“ ist, dass eine unbeschnittene Frau weiterhin als unmündiges Mädchen gilt, dem kein eigener Besitz zugestanden wird.  Hier werden also gleich 5 Kinderrechte mit Füßen getreten (Recht auf körperliche Gesundheit, Bildung, Schutz, Mitentscheidung und Gleichbehandlung).

Kenia hat vor einigen Jahren Gesetze gegen weibliche Genitalverstümmlung und Frühverheiratung erlassen. Bei einigen Ethnien, die auch sonst stark an ihrer traditionellen Lebensweise festhalten, sind diese Bräuche aber so dermaßen zementiert, dass es schon viel Mühe kostet, sie zu lockern. Unsere Erhebung ergibt, dass derzeit noch ca. 75-85% der Pokot-Frauen beschnitten sind. Deswegen Entwicklungshilfe zu verweigern ist aber nicht hilfreich. Wir halten mehr davon, im Dialog auf einen Bewusstseins-und Normenwandel hinzuarbeiten. Viele Afrikanerinnen und Afrikaner sind aktiv, und auch hier regt sich Widerstand in der jungen Generation und wir finden Leute, die für die Mädchenrechte eintreten wollen.

Das Gespräch heute zeigt mir: Die Mädchen hier in dieser Schule kennen ihre Rechte und haben den Mut ihre Meinung vorzubringen. Und sie wollen zur Schule gehen, womit ihre Chancen steigen der Prädestination zu entkommen. Aufklärung und Hilfsangebote durch World Vision, die Kirchen und andere engagierte Leute haben also erste Früchte getragen.

Das Kolowa-Projekt hat über 400 Meinungsführer und Freiwillige sowie 6 lokale Organisationen darin geschult, eine Lobby für die Bildung und Gleichberechtigung von Mädchen zu bilden. Es wirbt dabei auch für die Einführung eines unblutigen Rituals, das die Beschneidung ersetzen soll. World Vision hatte damit in anderen Regionen von Kenia schon viel erreicht. Der Schulbesuch gefährdeter Mädchen wird auch finanziell unterstützt. Gerade sind die Mitarbeiter damit beschäftigt, den Anbau für ein kleines Mädcheninternat fertigzustellen. Darin sollen bis zu 80 Mädchen ein Zuhause finden. In einer weiteren Einrichtung von World Vision in Kipnai sind schon 35 Mädchen untergekommen.

Die Mädchen vor mir haben jedenfalls überzeugende Antworten auf die Frage, warum sie zur Schule gehen und nicht früh verheiratet werden wollen. Anders bei den vier Dorfmädchen im gleichen Alter, die ich am Montag interviewt hatte. Sie hatten noch keine Schule von innen gesehen haben. Zwar würden sie gerne hingehen, doch sie wissen überhaupt nicht, was sie dort lernen können.

Vor dem Gehen bedanken wir uns bei den Schülerinnen für ihre Offenheit. Anschließend frage ich die Klassenlehrerin, ob sie Unterrichtsmaterial zum Thema Mädchenbeschneidung zur Verfügung hat. Sie sucht verschämt im staubigen Regal des Lehrerzimmers, aber findet nichts Spezielles. Ja, sie würde gerne eine Broschüre oder dergleichen erhalten. Ich nehme das in die Empfehlungen der Evaluierung auf und werde versuchen, geeignetes Material zu beschaffen.

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