Mit vielen Fragen weit draußen in der Pampa

 Reiseblog Kenia von Thomas Kalytta, Tag 6 und 7

Wir brechen auf zum nächsten Einsatz. Das Ziel heißt Kolowa, ein Programm unter der Ethnie der Pokot, die als Viehhirten teilweise noch nomadisch leben. Plötzlich geht es steil hinab ins atemberaubende Rift Valley. Die Klima ändert sich drastisch vom angenehm-kühlem und feuchten Hochland in die flimmernd-heiße Ebene, in der fast jede Pflanze Dornen trägt, weshalb sie auch Dornbuschsavanne genannt wird. Wieder eine Autopanne. Doch der Fahrer, der auch gleichzeitig Mechaniker ist, spürt das gebrochene Kabel sofort auf. Wir schlafen in einem Trainingszentrum, einem ehemaligen Projektbüro von World Vision. Es wird nun erfolgreich von einer lokalen Dorfinitiative weitergeführt und das schon seit 5 Jahren.

 

Tag 7

Die Nacht war heiß mit wenig Schlaf und es geht schon im Dunkeln los. Heute werden wir sage und schreibe 171 Km über staub-heiße Schlaglochpisten zurücklegen. Doch ich liebe es in die hintersten Ecken des Projektgebietes vorzudringen und mit den Leuten zu sprechen. Erfreulicherweise wird mir eigens dafür ein Übersetzer gestellt.

 Alle 5 Jahre werden unsere Regionalentwicklungsprogramme evaluiert. Schon mal gehört? Also, verkürzt gesagt, handelt es sich um eine Überprüfung der Projektmaßnahmen mit dem Ziel den Fortschritt, Erfolg oder Misserfolg zu beleuchten, um anschließend das Projekt gemeinsam mit der Zielbevölkerung für den nächsten Zyklus zu verbessern. Was lief bisher gut, was ist noch verbesserungswürdig? Dabei helfen unterschiedlichste Methoden. Häufig geht man mit einem langen Fragebogen von Haus zu Haus. Ferner besucht man Gruppen, Initiativen, Partner, lokale Regierungsvertreter etc. um mit ihnen vertiefende Gespräche zu führen. Hinzu kommen Inspektionen von technischen Einrichtungen, Mitarbeiterbefragungen und die Auswertung von unzähligen Dokumenten, darunter auch sogenannte sekundäre Quellen, wie Gesundheitsstatistiken und UNICEF Reports. Das Ganze ist also eine Wissenschaft für sich. Zwei Dinge halte ich dabei für entscheidend: erstens, dass die Zielbevölkerung voll mitmacht und zu Wort kommt, zweitens, dass ein externer Berater den Prozess leitet und die Ergebnisse zusammenstellt. Das garantiert eine gewisse Objektivität und methodische Seriosität.

Doch genug der trockenen Theorie. Ich versuche die hunderte von Frageböden, die Kekse und mich selbst unter Kontrolle zu halten, während wir von einem Schlagloch ins nächste hüpfen. Unser Auto ist brechend voll von Befragern. Fast hätten wir die Wasserflasche vergessen. Für mich überlebenswichtig, für die anderen nicht so, denn sie vertragen auch die Brühe, die uns in den düsteren Rundhütten angeboten wird. Erst im Sonnenlicht erkennt man an der braun-grauen Trübung seine „besondere Qualität.“

Dürre traf junge Familie hart –  Nothilfe kam den Kindern zugute

Hygiene ist überhaupt das Sichtwort des Tages. Ich sehe viele Kinder, je kleiner desto nackter. Freundlich werden wir empfangen, denn kaum eine Organisation arbeitet so weit draußen in der Pampa. Ein neues ausgebaggerte Wasserreservoir, Kinderimpfungen, Nothilfe während der Dürre. Jede Hilfe zählt. Vor mir sitzt eine junge Mutter mit 4 Kindern. Das fünfte ist unterwegs. Sie wird kaum Mitte 20 sein. Die Befragung beginnt. Namen der Kinder, Gesundheitskarten vorhanden – ja, geimpft – ja, in der Schule – nein, dann werden sie gewogen und vermessen. Ihr Ernährungszustand ist akzeptabel, trotz der Dürre. Nun trifft der Ehemann ein. Ich erkundige mich, ob ihn die Dürre getroffen hat. Seine Augen werden feucht. Von 50 Kühen haben nur 4 überlebt und 30 von ca. 100 Ziegen. Zudem hatte seine Frau Probleme in der 4. Schwangerschaft. 70 km von hier wurde der Kaiserschnitt durchgeführt. Mutter und Kinder überlebten. Das war alles sehr hart und kostspielig. Eine weitere Dürre wäre das Aus für diese junge Familie. Juda, der Vater, bedankt sich bei World Vision auch für die Lebensmittelhilfe. Ich diskutiere mit ihm noch Möglichkeiten, wie sich das Dorf besser darauf vorbereiten kann. Wasserspeicherung, Zisterne, Dämme, Regenwasser sammeln.

Wir gehen zum nächsten Haushalt. Mein Übersetzer erklärt mir, dass sie weder Seife noch Toiletten haben. Sie waschen ihre Hände mit Kuhdung. Mahlzeit. Deshalb wohl auch die vielen Fliegen. Die Kleider sind schmutzig und Hautausschläge weit verbreitet. Da ist noch viel Aufklärung nötig.

 

Polygamie ist üblich unter den Pokot. Mehrere Frauen und viel Vieh bedeuten Wohlstand. Das Mädchen vor mir zählt kaum 15 Jahre und wurde gegen einen hohen Brautpreis verheiratet. Ihr Ehemann hat schon eine Frau und drei Kinder und mag jetzt 35 oder 40 Jahre alt sein. So genau weiß er das nicht. Sie wurde geboren, als der Helikopter hinter dem Berg abstürzte, ein Ereignis, das man sich merken kann, 1997 also. Sie ist in keine Schule gegangen und wird sicher bald ihr erstes Kind bekommen.

Männer des Pokot-Volkes

Die Strategie auf viel Vieh und viele Kinder zu setzen hat Tücken. Die Versorgung ist schlecht und die Sterberate hoch, Dürren führen zu hohen Verlusten. World Vision setzt deshalb auf Bildung und die Vermittlung neuer Fähigkeiten – ein Schlüssel für Entwicklung von Fortschritt.

 

Schreiben Sie einen Kommentar


7 + = elf