Warum Entwicklungszusammenarbeit notwendig ist Teil1

Es kommt alle Jahre wieder vor, insbesondere zu Weihnachten, dass sich manche Medien auf das beliebte Themen Spenden stürzen. Vor Weihnachten erhalten viele arbeitende Deutsche ein 13. Monatsgehalt, das nicht nur für Geschenke ausgegeben, sondern auch gern zum Anlass genommen wird, Spendenaufrufe zu bedienen. Weihnachtszeit ist Spendenzeit. Das wissen auch Journalisten. Aber Medienmachern ist auch klar: sie punkten am besten, wenn sie auf Konflikte, Krisen und Kontroversen setzen. Ein Beitrag von Kurt Bangert, Leiter der Abteilung Forschung bei World Vision:

Journalisten suchen schon mal nach Ungereimtheiten im Spendenwesen oder nach schwarzen Schafen unter den Hilfswerken. Und das ist auch gut so – denn schwarze Schafe gibt es immer und überall und die seriösen Hilfswerke profitieren von der Kontrolle durch Medien. Doch manche Journalisten schießen über das Ziel hinaus: sie diskreditieren am besten gleich die ganze Spendenbranche oder bezweifeln die grundsätzliche Sinnhaftigkeit der Entwicklungshilfe. Damit tragen solche Medien zwar nicht unbedingt zum Spendenaufkommen bei, erhöhen aber wenigstens die Auflage ihrer Zeitschrift oder Zeitung. Ein Schuft, der Böses dabei denkt. Doch kritische Fragen sind ja berechtigt und es gibt auch Antworten darauf.

Warum ist Entwicklungszusammenarbeit immer noch notwendig?

Auf Fragen wie: Ist die Entwicklungszusammenarbeit (EZ) nicht überhaupt ein völlig fehlgeleitetes und fehlgeschlagenes Unterfangen? Wer hat je unter Beweis gestellt, dass die EZ funktioniert? Müssen wir nicht ohnehin befürchten, dass die Entwicklungsgelder in die falschen Hände gelangen? Stopfen die Empfänger der Hilfe nicht ihre Taschen damit voll statt sinnvolle Arbeit zu leisten? Wer beweist uns die Wirksamkeit der EZ? Und handelt es sich nicht ohnehin nur um den berühmten Tropfen auf den heißen Stein? Wieso gibt es eigentlich nach so vielen Jahren der EZ immer noch so viele arme Länder?

Trotz aller Unkenrufe – langfristige Entwicklungshilfe wirkt!

Ich möchte deshalb hier einmal sagen, warum EZ nicht nur not-wendig und unverzichtbar, sondern auch wirksam ist.

Warum uns die Armut in der Welt nicht egal sein sollte:
• Mehr als 100 Millionen Kinder zwischen 7 und 18 Jahren (13 Prozent der Kinder) haben noch nie eine Schule besucht.
• Rund 180 Millionen Kinder unter fünf Jahren (rd. 15 Prozent) in den Entwicklungsländern haben nicht genug zu essen (an Qualität und Quantität) und sind unterernährt; die Hälfte davon lebt in Südasien (90 Millionen Kinder).
• 265 Millionen Kinder in den Entwicklungsländern sind nicht geimpft und wurden, obwohl erst kürzlich ernsthaft an Diarrhö erkrankt, nicht medizinisch versorgt.
• 376 Millionen Kinder in den Entwicklungsländern (20 Prozent) müssen mehr als fünfzehn Minuten laufen, um Wasser zu holen, oder haben nur Zugang zu unsauberem Oberflächenwasser.
• Fast eine halbe Milliarde Kinder in den Entwicklungsländern (25 Prozent) haben zu Hause keinen Zugang zu Radio, Fernsehen, Internet, Telefon oder Zeitung.
• Mehr als eine halbe Milliarde Kinder in den Entwicklungsländern (31 Prozent) haben keine Toilette in Reichweite.
• Mehr als eine halbe Milliarde Kinder in den Entwicklungsländern (34 Prozent) müssen sich ein Zimmer mit noch mindestens vier weiteren Personen teilen.
Soll man gegen diese Zustände etwas tun? Hier einige Gründe, warum wir etwas tun sollten.

Die schulische Ausbildung von Kindern ist eine wichtige Säule der EZ

Die schulische Ausbildung von Kindern ist eine wichtige Säule der EZ

 

Warum wir Armut weltweit bekämpfen:

  • Der Kampf gegen Armut und Benachteiligung in der Welt ist eine Frage der Solidarität und der sozialen Gerechtigkeit. Europa und der Westen sind keine Inseln, die sich abschotten könnten oder sollten. In einer globalen Welt muss das Prinzip      der sozialen Gerechtigkeit nicht nur auf Deutschland angewendet werden, sondern auf die ganze Welt. Außerdem muss es uns auch darum gehen, uns weltweit für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit einzusetzen. Ohne soziale      Gerechtigkeit wird es auf Dauer keine Demokratie geben.
  • Ein weiterer wichtiger Grund für die Bekämpfung der weltweiten Armut ist unsere Mitverantwortung für die Einhaltung der Menschenrechte. Der Mangel der Armen und ihrer Kinder im Hinblick auf ihre Grundbedürfnisse stellt eine      millionenfache Verletzung von Menschen- und Kinder­rechten dar. Einerseits stellt es einen ungeheuren Fortschritt in der Menschheits­geschichte dar, dass sich die Völkergemeinschaft auf gewisse Menschenrechte und Kinderrechte verständigt hat. Andererseits stellt die Tatsache, dass      Millionen, ja Milliarden von Menschen diese Rechte immer noch verwehrt werden, ein Skandal dar. In diesem Zusammenhang ist eine entscheidende Gewissensfrage zu stellen: Gewähren wir den Menschen und den Kindern dieser Welt nur solche Dienstleistungen zur Befriedigung ihrer      Grundbedürfnisse, die wir als uns Völkergemeinschaft glauben finanziell leisten zu können? Oder gewähren wir ihnen solche Dienstleistungen, die ihnen als unverbrüchliche Rechte zustehen?Anders formuliert: Ist die Gewährung von Menschen- und Kinderrechten eine Kostenfrage – oder eine  Frage des moralischen Anstandes?
  • Bei der Bekämpfung der weltweiten Armut geht es aber neben der internationalen Solidarität und der Berücksichtigung der Menschenrechte auch noch um unseren eigenen  Vorteil, konkret: um den Erhalt unseres Wohlstands. Denn: eine Verschärfung der Armut weltweit und eine Vertiefung der Kluft  zwischen den armen und reichen Ländern der Welt würde auch dazu führen,
  1. dass sich die Kluft zwischen den Armen und Reichen innerhalb Europas vertieft;
  2. dass sich internationale Konflikte verschärfen, in die Europa hineingezogen würde;
  3. dass der Immigrationsdruck aus den armen Ländern sich weiter erhöht mit der Folge einer zusätzlichen Verschärfung der Armut hierzulande;
  4. dass dies alles zu  einer Zersetzung der Errungenschaften unseres Sozialstaats und unserer Demokratie führen könnte.
  • Ein weiterer, wichtiger Grund für die Armutsbekämpfung ist der Klimawandel. Wir müssen berücksichtigen, dass die Industrieländer, die nur 20% der  Bevölkerung ausmachen, für 80% des Klimawandels verantwortlich sind, und  dass die Entwicklungsländer, die nur ca. 20% des Klimawandels verursachen,  grob 80% der negativen Folgen der Klimaerwärmung tragen und in Zukunft tragen werden. Darum ist es notwendig, mit einem Technologietransfer die      Entwicklungsländer in die Lage zu versetzen, sich den Herausforderungen des Klimawandels und seiner Folgen zu stellen.

Aber wieso betreiben wir schon seit Jahrzehnten Entwicklungszusammenarbeit, wenn doch die Armut in der Welt immer noch so weit verbreitet ist. Gab es überhaupt Fortschritte?

Jahrzehnte des Engagements – Wo stehen wir im Kampf gegen die Armut?

Es wäre fatal zu meinen, die Entwicklungszusammenarbeit hätte bisher nichts gebracht. Diejenigen, die das behaupten, verkennen zum einen die Erfolge, die viele Entwicklungsländer tatsächlich zu verzeichnen haben; und sie verkennen zum andern auch, dass wir im Nachhinein nicht sagen können, was gewesen wäre, wenn diese Entwicklungszusammenarbeit der letzten 50-60 Jahre nicht geleistet worden wäre. Wo stünden wir dann? Wir müssen annehmen, dass wir wesentlich schlechter dastünden als jetzt. Aber beweisen lässt sich das nicht, weil es eine hypothetische Frage ist.

Die Kindersterblichkeit ist nicht so stark wie angestrebt gesunken

Die Kindersterblichkeit ist nicht so stark wie angestrebt gesunken

Auch wenn wir uns größere Erfolge im Kampf gegen die Armut und den Hunger und für die Rechte von Menschen gewünscht hätten, es sind durchaus einige bemerkenswerte Erfolge zu verzeichnen, wenn wir uns die letzten 20-30 Jahre anschauen:

  • Der Lebensstandard ist in den letzten Jahrzehnten in vielen Ländern gestiegen. Beispiele dafür      sind die Länder in Südostasien, aber auch die großen Schwellenländer Indien und China.
  • Der Anteil der extrem Armen in den Entwicklungsländern ist zwischen 1981 bis 2005 deutlich      gesunken, auch wenn es ab 2005 durch Nahrungskrise, Finanz- und Wirtschaftskrise wieder einen Anstieg gab. Zu berücksichtigen ist dabei, dass wir in diesem Zeitraum auch ein enormes Bevölkerungswachstum zu verzeichnen hatten. Angesichts dieses Wachstums wäre auch eine Stagnation  der Armenzahlen schon ein Fortschritt gewesen.
  • In den Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen ist die Kindersterblichkeit innerhalb     von 25 Jahren deutlich gesunken, nämlich von 87 pro 1000 Geburten im Jahr 1980 auf 54 pro 1000 Geburten im Jahr 2006. 1990 starben weltweit jährlich noch 12,5 Millionen Kinder unter fünf Jahren an vermeidbaren oder leicht heilbaren Krankheiten wie Durchfall, Lungenentzündung, Malaria oder Masern; diese Zahl ist 2008 auf 8,8 Millionen und zu gesunken. 2011 sank diese Zahl noch einmal auf unter 7 Millionen!
  • In den letzten drei Jahrzehnten ist die Lebenserwartung in diesen Ländern von 60 auf 66 Jahre      angestiegen.
  • Erfolge gibt es auch im Hinblick auf Alphabetisierungsraten. So ist der Anteil der männlichen      Erwachsenen (über 15 J.), die in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen lesen und schreiben können, von 77% im Jahr 1990 auf 86% im Jahr  2004 gestiegen. Bei den Frauen stieg dieser Anteil ebenfalls, nämlich von 60% auf 74%. Dass der erfreuliche Zuwachs bei den Frauen deutlicher ist als bei den Männern, hat auch mit dem niedrigeren Ausgangsniveau zu tun. Dass      die Alphabetisierungsrate immer noch deutlich niedriger ist als bei den Männern, zeigt die noch anhaltende Geschlechterungleichheit.
  • In Bezug auf die Einschulungsraten von Kindern in Grundschulen hat es allein im letzten      Jahrzehnt einige spektakuläre Erfolge gegeben. Weltweit stieg die Einschulungsrate seit 1999 von 84% auf 90%. Die größten Fortschritte gab es erstaunlicherweise in Subsahara-Afrika, wo die Rate von 58% auf 76%  anstieg (aber noch immer zu niedrig ist).
  • In Bezug auf HIV/AIDS konnten die Infektionsraten abgesenkt werden. Auch die Zahl der Todesfälle sinkt. Den Zenith dieser beiden Trends erlebten wir 2004. Während vor rund zwölf bis fünfzehn Jahren praktisch noch kein HIV-Infizierter in den Entwicklungsländern Zugang zu antiretroviralen Medikamenten hatte, haben heute (2010) immerhin rund 2,5 Millionen Infizierte Zugang zu dieser überlebensnotwendigen Medizin.

Insgesamt muss man allerdings einräumen, dass alle diese Erfolge zwar teilweise, aber keinesfalls allein auf die EZ zurückzuführen sind, vielmehr auch – und vielleicht sogar in erster Linie – auf den Anstrengungen der Entwicklungsländer, ihrer Regierungen und ihrer Zivilgesellschaften basieren, die sich gemeinschaftlich darum bemühten, eine sich selbst tragende Entwicklung in Gang zu bringen, den Wohlstand der eigenen Bürger zu fördern und die Bildungs- und Gesundheitssysteme im eigenen Land zu verbessern. EZ kann immer nur eine flankierende Unterstützung darstellen. Immerhin: Es gibt diese Erfolge! Sie sind erfreulich, und man muss sie nicht kleinreden! Morgen, im zweiten Teil, geht es um verfehlte Ziele und Wege aus dem Dilemma der Hilfe.

Tags: Afrika, Asien, EZ

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