Die Mädchen und Jungen aus Timbuktu

Maedchen aus Timbuktu

Aus dem Mali-Tagebuch von Maria Mutya Frio: Heute ist ein anderer Tag als sonst. Ich kann selbst mit Familien reden, die vor den Kämpfen im Norden Malis geflohen sind. In den letzten Wochen habe ich die Zeitungsschlagzeilen über die militärische Offensive der französischen und malischen Truppen gegen extremistische Rebellen verfolgt. Angeblich hatten die Rebellen seit der Eroberung der Gebiete im Norden vor einem Jahr eine strenge Auslegung der Scharia durchgesetzt. Nicht noch ein Krieg, so dachte ich oft.

Ich bin in der Region San, die ich vor nicht langer Zeit wegen der Dürre besucht hatte. World Vision kümmert sich hier jetzt um Vertriebene, die vor den gewaltsamen Auseinandersetzungen geflohen sind. Ich schaue in die traurigen Augen der malischen Flüchtlinge. Sie begrüßen mich freundlich und erzählen mir ihre Geschichten. Die nüchternen Statistiken in den Zeitungsartikeln bekommen plötzlich ein Gesicht.

Namina aus Timbuktu ist eine von ihnen. Im Dezember konnte sie aus Timbuktu, der alten Heimat der Tuareg fliehen. Timbuktu war fest im Griff der Rebellen. Mit ihren drei Töchtern und sechs anderen Kindern verließ sie bei einer Nacht- und Nebel-Aktion ihre Heimatstadt. Ihre Nachbarin und deren 16jährige Tochter Sata schafften es nicht, sich ihnen anzuschließen. Namina erzählt: “Ich sah, wie eine Gruppe von Rebellen in das Haus meiner Nachbarin kam und Sata gewaltsam entführten. Angeblich wollte einer der Männer Sata zur Frau nehmen. Sie gaben den Eltern umgerechnet 20 Euro und verschwanden mit Sata.“ Sata habe geweint und versucht sich loszureißen, auch die Mutter habe geweint, erzählt Namina, aber die Rebellen seien bewaffnet gewesen.

Einen Tag nach ihrer Entführung sei Sata in den Besitz eines Mobiltelefons gekommen während die Rebellen unterwegs waren. Sie habe ihre Familie anrufen können und erzählt, dass sie für ihre Entführer kochen müsse. Man habe sie informiert, dass sie die Frau von einem der Männer sei, aber auch andere Männer hätten sie missbraucht. “Sie versuchte, zu entkommen, aber es war unmöglich”, so Namina. „Wenn sie erwischt worden wäre, hätte man die ganze Familie ins Gefängnis gesperrt.“ Bald verlor die Familie den Kontakt zu Sata, da die Rebellen alle Telekommunikationsleitungen zerstört hatten. Die Regierungstruppen haben inzwischen die Stadt Timbuktu zurück erobert. „Vielleicht kann Sata jetzt fliehen“, so Namina. „Wenn sie nicht getötet wurde.“ Die Familie von Sata ist immer noch in Timbuktu, aber Namina hat keine neuen Nachrichten über Sata bekommen.

Mittags spreche ich mit der 16jährigen Fatou, die mit ihrer Mutter ebenfalls aus Timbuktu geflohen ist. Das Mädchen spricht anfangs sehr leise und sie reibt immer wieder nervös ihre Hände, während wir uns unterhalten. Ihre Augen schauen ängstlich, aber als sie anfängt zu erzählen, richtet sie sich auf und schildert ihre Geschichte. “Eines Tages schickte meine Mutter mich zum Markt“, sagt Fatou. “Ich wusste, dass Mädchen eigentlich ein Kopftuch tragen mussten, aber an diesem Tag war ich so in Eile, dass ich es vergessen hatte. Die Rebellen Polizei sah mich. Sie sagten, sie würden mir eine Lektion erteilen und schlugen mich. Dann schickten sie mich nach Hause.“ Fatou erzählte den Vorfall ihrer Mutter. Ohne etwas einzupacken und nur mit den Kleidern am Leib, die sie trugen, flohen sie aus der Stadt. Fatou erzählt weiter, dass einige Mädchen aus ihrer Nachbarschaft, die ohne Kopftücher erwischt worden waren, mit mehr als 100 Stockhieben geschlagen worden seien.

Und dann waren da noch die Jungs

Wie Sata wurden auch die Jungen gewaltsam entführt und in Trainingslager der Rebellen gebracht. Für sie wurde umgerechnet ein Kaufpreis in Höhe von 500 – 800 $ gezahlt. Namina erzählt von einem Jungen namens Mohammed, der von den Rebellen entführt und als Kindersoldat rekrutiert wurde. “Diese Jungs sind schwerst traumatisiert, weil ihnen beigebracht wurde, wie man Waffen benutzt und wie man kämpft“, erklärt Namina. „Diese Kinder haben auch gesehen, wie die Rebellen Menschen Hände und Füße abgetrennt haben.“ Auch sie hätten nicht fliehen können. Dies hätte den sicheren Tod bedeutet.

Ähnliche Geschichten höre ich den ganzen Tag. Allerdings wird mir berichtet, dass einige Jungen sich auch freiwillig eingeschrieben hätten. Vielleicht war die wirtschaftliche Not der jeweiligen Familien der Grund oder diese Kinder wollten wirklich die Rebellen unterstützen.

Wie bei Sata wissen die Familien oft nicht, wo ihre Söhne geblieben sind und ob sie noch leben, während die Regierungstruppen nach Norden ziehen und die Kontrolle über Städte und Regionen zurück gewinnen.

Die Sonne geht unter an diesem außergewöhnlichen Tag. Die Geschichten haben mich tief bewegt und ich denke an die vielen Mädchen und Jungen, die irgendwo da draußen sind und sich furchtbar ängstigen. Sie sollten in der Schule sein und lernen und nicht kämpfen. Kinder sollten in einer guten und sicheren Umgebung aufwachsen, weit weg von Krieg und Gewalt.

Viele Mädchen und Jungen in Mali, deren Geschichten wir noch nicht kennen, werden Hilfe brauchen.
World Vision arbeitet im Verbund mit anderen Kinderhilfswerken daran, UN-und NGO-Mitarbeitern Schulungen über psychosoziale Soforthilfe anzubieten, damit sie richtig helfen können, wenn sie Mädchen  wie Sate begegnen. Auch die malische Regierung muss einbezogen werden.

Anmerkung der Redaktion:

Alle Namen wurden geändert, um die Identität von Personen, die in diesem Artikel erwähnt wurden, zu schützen.

Wenn Sie helfen möchten, können Sie hier spenden.

 

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