Kongo: Die Endlosschleife des Leids

In einem Dorf bei Goma kümmert sich Mama Masika um vergewaltigte Frauen und ihre Kinder

Der Osten der Demokratischen Republik Kongo ist seit vielen Jahren Schauplatz von Kriegen. Mal größere, mal kleinere. Noch vor kurzem hatten Rebellen der Miliz M23 die Provinzhauptstadt Goma eingenommen, die Regierungssoldaten waren geflüchtet, nicht ohne zuvor noch Häuser von Zivilisten zu plündern. Unser Mitarbeiter Dirk Bathe war jetzt mit zwei Journalisten vor Ort, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Hier ist sein Bericht:

Mama Masika ist eine robuste, kleine Frau. Sie trägt eine Pagne, ein Wickeltuch als Rock, und das Gelb ihrer Bluse strahlt wie die Sonne am Himmel über ihr kleines Dorf im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Es ist ein Dorf voller vergewaltigter Frauen. 20 sind es mit Mama Masika, die selbst Opfer von Rebellen wurde, die sie vergewaltigten. Und die zugleich mit ansehen musste, wie die Rebellen auch ihren Mann ermordeten und über ihre Töchter her fielen.

Schritte in ein neues Leben

Mama Masika eine starke Frau zu nennen würde der bedächtigen, stillen Mutter nicht gerecht. Was Mama Masika leistet entzieht sich den üblichen Kategorien. Sie selbst überlebte den Überfall der Rebellen, auch ihre Töchter, die nach den Vergewaltigungen schwanger waren. Ihre Familie indes verstieß die Mutter von insgesamt vier Kindern, zu groß war die Schande. Auf sich allein gestellt, nur getragen von dem Wunsch, ihre Kinder nicht dem Elend preis zu geben, sie nicht allein zu lassen, baute sich Mama Masika eine neue Existenz auf. Kaum hatte sie eine einfache Bleibe für ihre Familie gefunden, da wuchs diese Familie auch schon. Ihre Töchter bekamen Babies, aber da kamen auch noch andere. Frauen, die ebenfalls vergewaltigt und schwanger geworden waren und die Schutz bei Mama Masika suchten. Aus den Zweien wurden mehr. Heute sind es 19 Frauen mit ihren Kindern, die in den Hütten rund um Mama Masikas Häuschen leben. Im Dorf der vergewaltigten Frauen.

Ihr verkrüppeltes Bein rettete Justines Leben

World Vision unterstützt die Gruppe. Mit Nahrung, manchmal mit Medikamenten, oft mit Rat und Zuspruch. Darüber bin ich sehr froh. Denn es sind Menschen wie Mama Masika, für die wir arbeiten. Menschen, wie die fünfjährige Justine, die uns im Flüchtlingslager Mugunga nahe der ostkongolesischen Stadt Goma entgegen humpelt. Sie schleppt sich auf zwei hölzernen Krücken vorwärts, ihr linkes Bein ist verkrüppelt und dieses Bein hat ihr Leben gerettet. Sie war mit ihren Eltern, ihren zwei Brüdern und der Großmutter auf der Flucht vor Soldaten, ob es Rebellen oder Regierungssoldaten waren, weiß sie nicht mehr, es spielt auch keine Rolle in diesem geschundenen Land. Ihre Eltern liefen vorneweg, als plötzlich Schüsse aus dem Hinterhalt fielen. Wenige Meter dahinter sanken ihre Brüder tödlich getroffen auf die schwarze Erde. Justine und ihre Großmutter hatten den Schluss der kleinen Flüchtlingskarawane gebildet, sie waren langsamer als die anderen. Das rettet ihrer beider Leben.

Die fünfjährige Justine will nur eins: Frieden

Die fünfjährige Justine will nur eins: Frieden

Zu Fuß schafften sie es bis in das Flüchtlingslager, das von World Vision und anderen Hilfsorganisationen betreut wird. Es ist nicht mehr als ein Platz zum Überleben für derzeit 140.000 Menschen. Hier gibt es Wasser, Essen, eine Plastikfolie als Dach überm Kopf. Es gibt Latrinen und Waschplätze. Es gibt Zeit für Träume. Der von Justine ist eigentlich so einfach: Ihre Eltern will sie wiederfinden und dass endlich Frieden ist. In der Nacht werden wir wach vom lauten Motorengebrüll eines Panzers. “Alles okay”, sagt der Wachmann des kleinen Hotels, nur eine UN-Patrouille.
Am nächsten Tag geraten wir in eine Straßensperre der Rebellen. Mit gesenkten Waffen gehen sie auf uns zu, lächeln freundlich, lassen uns passieren. Wenige hundert Meter wieder eine Straßensperre, diesmal von Regierungssoldaten. Hier müssen wir eine „Straßenbenutzungsgebühr“ bezahlen, nur wenige Dollar, der vielleicht 16jährige Junge mit der Kalaschnikow unterm Arm freut sich sichtlich über den Gegenwert einer warmen Mahlzeit und eines kühlen Biers. Rebellen und Regierungssoldaten wissen voneinander, sie könnten sich zuwinken, vielleicht tun sie es auch, wenn keine Beobachter dabei sind. Die Situation ist entspannt, denn in diesen Tagen verhandeln beide Seiten um Friedensbedingungen. Der Ausgang ist völlig offen. Sollten die Gespräche scheitern, wird wieder geschossen. Wieder geplündert, vergewaltigt, ermordet. Und das Leben der Mama Masikas, der Justines und zehntausender anderer Mädchen und Frauen bleibt weiter gefangen in einer Endlosschleife des Leids.

Wenn Sie helfen möchten, können Sie unsere Hilfsprogramme für Flüchtlinge im Ostkongo mit einer Spende unterstützen.
Hier geht’s zur Online-Spende.

 

Videoblogs aus DR Kongo, Ruanda und Burundi finden Sie hier:

http://www.youtube.com/watch?v=BTsfXR5JvmY&list=UUAgzQN1z9fiA2-zZ547Jp6g&index=1

 

http://www.youtube.com/watch?v=OoPtkOx1QEY&list=UUAgzQN1z9fiA2-zZ547Jp6g&index=3

 

http://www.youtube.com/watch?v=aiXhNHKFn9I&list=UUAgzQN1z9fiA2-zZ547Jp6g&index=4

 

http://www.youtube.com/watch?v=k48Lf_i7ipo&list=UUAgzQN1z9fiA2-zZ547Jp6g&index=5

 

http://www.youtube.com/watch?v=cpuw-AoksqU&list=UUAgzQN1z9fiA2-zZ547Jp6g&index=6

 

1 Kommentar

  1. André, 16. Oktober 2013

    Hallo,
    gibt es Neuigkeiten über Mama Masika? Seit Monaten kam nichts Neues mehr und auch auf Ihrem Blog gibt es keine Berichte mehr. Nach den letzten Unruhen mache ich mir wirklich Sorgen.

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