Kongo: Tagebuch einer Aktivistin

Kigeme Refugee Camp

Aimee Manimani ist Mitarbeiterin von World Vision in der DR Kongo. Dort, im Osten des Landes, kümmert sie sich um Hilfsprojekte für Kinder, die Opfer von gewaltsamen Unruhen wurden. Auch sie selbst teilt dieses Schicksal. Und freut sich um so mehr, wenigstens anderen helfen zu können:

Vor kurzem war ich mit einem Kollegen aus dem Vereinigten Königreich in Beni, wo ich Aussagen von jungen Mädchen übersetzte, die sexuellen Missbrauch erlitten hatten. Einige von ihnen wurden auch noch gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Seitdem kann ich nicht aufhören, über die Schrecken von so vielen Kindern in der Demokratischen Republik Kongo nachzudenken und wie leicht ihr Schicksal auch das meine hätte werden können.

Als der Konflikt in meine Stadt kam, Bukavu im Jahr 1996, wurde auch ich zur Flucht gezwungen. Ich war 12 Jahre alt. Zusammen mit meiner Familie flüchtete ich, wir mussten alles zurücklassen, unsere Kleidung, unser Haus, unsere Schulen.
Meine Mutter und eine von meinen kleinen Schwestern gingen in eine andere Richtung, und ich war mit meinen Brüdern und einer meiner älteren Schwestern unterwegs. Der älteste unter uns war 18. Wir hatten keine Ahnung, wohin wir gingen. Wir folgten der Schlange von Menschen, andere Familien, die auch auf der Flucht waren.

Aimee Manimani

Aimee Manimani

Wir erreichten ein Dorf und wurden von unserer Reise müde. Wir baten um Hilfe in dem Dorf und einen Platz zum Übernachten. Eine der Frauen dort half uns, einen Platz zum Schlafen zu finden. Am Morgen wurden wir von Gewehrfeuer und Männern mit langen Haaren geweckt, die sich in einer Sprache unterhielten, die wir nicht verstanden. Sie waren mit Macheten, Gewehren und Granaten bewaffnet. Sie befahlen uns, zu gehen, weil sie das ganze Dorf abbrennen würden. Wir waren wieder unterwegs und in unserer Eile wurden wir getrennt von meinem kleinen Bruder. Er war neun Jahre alt und behindert. Mein älterer Bruder ging zu den Kämpfern und bat sie nach meinem kleinen Bruder suchen zu dürfen. Er schaffte es, ihn zu finden und trug ihn zurück in seinen Armen. Wir gingen dann zwei weitere zwei Tage bevor wir in einem anderen Dorf ankamen, wo uns die Leute sagten, wir sollten nicht bleiben, sondern mit ihnen zusammen weiterfliehen. Wir folgten ihnen in ein Dorf namens Muziru in der Kabare-Provinz. In dieser Zeit tranken meine Brüder und ich Trinkwasser direkt aus dem Fluss und wir gruben Wurzeln und Süßkartoffeln aus den Feldern der Dorfbewohner und aßen sie roh.

Viele Tote auf den Straßen Bukavus

Schließlich hatten wir genug Blätter und Holz gesammelt, um eine Hütte zu bauen, in der wir dann 10 Tage lebten. Die schlimmste Zeit war in den Abendstunden. Mir war in meinem Leben noch nicht so kalt. Es ist eine bergige Region und es regnete oft und stark. Einmal gab es sogar Hagel. Wir hatten nichts außer Decken aus der traditionellen Baumwolle, die eine der Frauen im Dorf uns gegeben hatte. Meine Brüder zündeten ein Feuer in der Nacht an und manchmal auch tagsüber, das uns half, in der Kälte zu überleben.

Jedes Mal wenn wir Soldaten sahen, hatten wir Angst und immer mehr Familien kamen aus Bukavu. Die Stadt war gefallen und es gab viele Tote auf den Straßen, erzählten uns die Neuankömmlinge. Wir versuchten, Nachricht von dem Rest unserer Familie zu bekommen, aber ohne Erfolg, denn wir kannten unter den Neuankömmlingen niemanden.

Barfuß zurück in die Heimat 

Endlich, nach zwei endlosen Wochen, waren unsere Häuser wieder sicher und wir konnten zurückkehren. Die fadenscheinigen Schuhe, in denen wir unsere Flucht angetreten hatten, waren längst auseinandergefallen und wir mussten den ganzen Weg zu Fuß zurück mit nackten Füßen bewältigen, erschöpft, und in Kleidung, die auch schon verschlissen war.

World Vision versorgt Flüchtlinge in der DR Kongo

World Vision versorgt Flüchtlinge in der DR Kongo

Angst hatten wir vor allem, dass noch immer Soldaten in den Straßen waren, die uns Schaden könnten. Wir waren auch besorgt, dass wir nie den Rest unserer Familie wiederfinden würden. Ich konnte es nicht ertragen, was mit meiner Mutter und ihre kleine Schwester passiert sein könnte.
Zurück in Bukavu lagen überall Leichen herum. Ich ging an den Leichen von einigen der Kinder in meiner Nachbarschaft vorbei, die in die Kämpfe zur “Verteidigung der Stadt” geraten waren. Einige Leute begruben Leichen, dort wo sie gelegen hatten, ganz in der Nähe ihrer Häuser. Andere wurden in Massengräbern verscharrt.

Seit 16 Jahren Schmerz, Leid und Gewalt

Der Krieg hat hier viele Opfer gefordert. Kinder, die zu Waisen wurden. Eltern, die ihre Felder nicht mehr bestellen können. Sie haben alles, wofür sie ihr Leben lang gearbeitet haben, von einem Tag auf den anderen an plündernde Milizionäre verloren. Noch schmerzhafter ist es für jene Eltern, deren Kinder von Soldaten oder Rebellen verschleppt wurden, damit aus ihnen Kindersoldaten werden, in einer der unzähligen bewaffneten Gruppen.

Es ist so herzzerreißend, dass all dies schon seit 16 Jahren passiert. Als Kind wurde auch ich gezwungen zu fliehen und wurde all diesen Gefahren ausgesetzt und bis heute habe ich die damit verbundenen Probleme nicht für mich lösen können. Zumindest kann ich heute in der Zusammenarbeit mit World Vision anderen Kindern helfen, die Opfer des gleichen Krieges sind. Umso schmerzhafter ist es, dass immer noch kein Ende in Sicht ist für diesen Krieg.

Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit und spenden Sie für Flüchtlinge in der DR Kongo:

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8 Kommentare

  1. Christian B., 4. April 2013

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    ich habe gerade in Bild (http://www.bild.de/politik/ausland/demokratische-republik-kongo/ich-wurde-auf-der-leiche-meines-mannes-vergewaltigt-kongo-29854366.bild.html) den Artikel über Mama Masika gelesen und bin schockiert darüber, was “Menschen” (eigentlich kann man sie gar nicht als solche bezeichnen und ich habe ganz andere Worte für diese widerwertigen Geschöpfe in meinem Kopf) dieser Frau, ihren Kindern und wahrscheinlich vielen anderen Menschen angetan haben.

    Gerne würde ich das Projekt von Mama Masika, die sich nun für Mütter und Kinder einsetzt, die ähnliches erleben mussten, unterstützen. Können Sie mir bitte mitteilen in welcher Form das möglich ist?

    Im Voraus vielen Dank und freundliche Grüsse,

    Christian B.

  2. Annaluisa Reulecke, 4. April 2013

    … Ich möchte mich dem anschließen.ich kann gar nicht in Worte fassen,was ich beim Lesen dieses Berichtes empfunden habe und bitte darum, meine Unterstüzung anbieten zu dürfen.wie kann man sinnvoll helfen.?danke und Grüsse Anna

  3. Uwe Höter, 4. April 2013

    ich bin zutiefst erschüttert,wie kann man diesen Frauen helfen ?

  4. Tina Flohr, 4. April 2013

    ….Danke dafür,dass ich diesen Bericht gebracht habt. Ich würde gerne Mama Masika helfen und hoffe noch mehr Menschen zu aktivieren. Wäre um mehr Info sehr sehr dankbar!! Liebe Grüsse Tina

  5. Nerka, 4. April 2013

    Behersche 5 Sprachen aber dafür gibt es keine Worte. Bin selber ein Kriegskind (Bosnien) und vieles gehört und gesehen dennoch das was ich da gelesen habe mit Mama Masika ist OHNE WORTE !! Wir müssen was machen ,mehr auf Afrika aufmerksam machen. Viele Menschen schließen die Augen und Ohren wenn etwas grausam ist,aber wenn wir aufstehen und die Stimme erheben und nur ein Menschenleben retten hat sich alles gelohnt. Bin offen in jeder Form behilflich zu sein weis aber nicht wie ?? Gruß Nerka

  6. Julia, 4. April 2013

    Ich würde auch gerne Mama Masika unterstützen, die trotz dieses Leids noch so viel geben kann.
    Ich habe einfach keine Worte dafür, das solche Dinge geschehen können.
    Wie kann man ihr helfen?

  7. Dagmar Hap-Genz, 4. April 2013

    Hallo….ich habe voller Entsetzen diese barbarische und grausame Lebensgeschichte Mama Masika gelesen. Ich bin gerne bereit, meinen Beitrag zu entrichten, um Mama Masika unterstützen… Desweiteren würde ich aber von herzen gerne Kinder bei uns aufnehmen, denen es, aufgrund der unmenschlichen Zustände in diesem Land, nicht möglich ist, vorhandene Wunden bzw. durch Dritte zugefügte Verletzungen, in ihrem Land liebevoll, zu pflegen. Ich glaube, es gibt viele traumatisierte Kinder, die ggfl. Hilfe vor Ort benötigen. Ich bin eine Mutter von 3 grossen( 25,22,18) Kindern, die ich mit viel Liebe erzogen habe….Ganz liebe Grüsse…..ihre Dagmar Hap-Genz

  8. Iris Manner, 5. April 2013

    Danke, liebe Leserinnen und Leser, für Ihre Anteilnahme. Wir sind Mama Masika dankbar, dass sie ihre Geschichte erzählt hat, um auf das unfassbare Leid der vielen vergewaltigten Frauen und Mädchen im Kongo hinzuweisen. Mehr noch: Sie stellt der Brutalität eine tatkräftige Menschlichkeit entgegen und hat uns dazu inspiriert, uns im Rahmen des “Rebound”-Projekts im Ostkongo um Mädchen zu kümmern, die ebenfalls sexuell missbraucht und damit auch seelisch tief verletzt wurden. Wenn Sie dieses Projekt mit einer Spende unterstützen oder uns dabei helfen, weitere Projekte dieser Art ins Leben zu rufen, dann tun Sie etwas sehr Sinnvolles, denn die betroffenen Mädchen erhalten neben psychologischer und medizinischer Hilfe auch eine praktische Ausbildung, mit der sie sich ein eigenes Leben aufbauen können. Mehr Infos dazu finden Sie unter http://www.worldvision.de/rebound.

    Das Schicksal von Mama Masika und den von ihr unterstützten Frauen und Kindern liegt uns natürlich auch am Herzen. Sie hat durch World Vision zwar schon Lebensmittel-und Medikamenten-Spenden bekommen, aber wir arbeiten daran, die Zusammenarbeit auszubauen und werden Sie gerne informieren, wenn ein Projekt unterstützt werden kann. Bitte haben Sie noch etwas Geduld! Vielen Dank.

    Iris Manner für das World Vision-Team

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