“Les Misérables” in Jordanien

Living the Story of Les Miserables in Jordan

Jordanien hat hunderttausende syrische Flüchtlinge aufgenommen, stößt aber mit ihrer Unterbringung und Versorgung längst an Grenzen. Ein Vater mit neugeborenem Baby findet keinen Job und hat Angst, für seine Kinder bald kein Essen mehr bezahlen zu können. Eine Mutter ist in höchster Sorge um ihren Sohn und die Kinder bleiben in einem stumpfen Alltag Gefangene ihrer traumatischen Erinnerungen. Michael Bailey berichtet für World Vision aus Jordanien.

 Living the Story of Les Miserables in Jordan“Wir haben alle unsere Tränen aufgebraucht, also lächeln wir”, sagt Abdullah, ein Vater von fünf Kindern. Aber sein Lächeln wirkt spröde. Er hält seinen neugeborenen Sohn sanft im Arm und deutet auf seine anderen vier Kinder, die zwischen zwei und sieben Jahre alt sind.

Abdullahs Frau, Akida, sieht müde aus. Sie hatte vor einer Woche einen Kaiserschnitt, ist aber schon zu Hause. Die Familie musste viel Geld für die Geburt im Krankenhaus bezahlen und konnte es sich nicht leisten, Akida und das Baby länger im Krankenhaus zu lassen, obwohl das Baby ein Geburtsgewicht von nur 1,7 kg hatte.

Dies ist meine Einführung in das Leben syrischer Flüchtlinge in Jordanien. Ich bin in der Stadt Irbid im Nordwesten Jordaniens. Abdullahs Familie teilt sich zwei Zimmer mit seiner verwitweten Schwester, Wafa, 22, in einem Büro-und Geschäftsgebäude, das jetzt 65 Flüchtlingsfamilien beherbergt. Über den Flur lebt Emad *, in einem ähnlichen Raum wie Abdullah, nicht größer als 50 Quadratmeter, mit seiner Großfamilie von 19 Erwachsenen und 6 Kinder – 25 Menschen teilen sich eine Toilette und ein Handwaschbecken für alle Hygienebedürfnisse. Die Zubettgehzeit muss ein Kampf sein. Emad kam mit seiner Frau und drei Kindern erst vor zwei Wochen. „um unser Leben sind wir gerannt”, sagt er. Er will keine Details erzählen; er sagt nur: “Die Schrecken, die sie gesehen haben, kann man einfach nicht beschreiben.”

Den Geschichten dieser Menschen zuzuhören ist wie das Schälen einer Zwiebel. Nicht nur, weil man weinen muss. Kaum hat man eine Schicht ihrer Probleme erfasst, stößt man auf die nächste Schicht. Zu Abdullahs unmittelbaren Sorgen und Ängsten gehört die Frage, wie er die monatliche Miete und den Strom bezahlen soll, womit er auch Trinkwasser und Nahrung bezahlen soll, wenn es vier bis fünf Mal so viel kostet wie zu Hause. Hier hat er keinen Job. In Syrien arbeitete er als Schuhmacher. Es gab bereits eine hohe Arbeitslosigkeit in Jordanien, bevor 100.000 syrische Flüchtlingsfamilien kamen. Hunderttausend neue Arbeitsuchende.

Abdullah befürchtet auch, dass seine Kinder keine Ausweispapiere haben werden. Die Papiere verbrannten und dann floh die Familie, bevor sie Ersatz beschafft hatte. Wie bei vielen Geschichten von Flüchtlingen bleiben die Details unklar. Sie verdampfen mit der Tasse Tee, die wir miteinander trinken.

In Emads Wohnung höre ich, dass seine 6jährige Tochter Amira* ein besonderes Gespür hat. Sie kann Soldaten der beiden Seiten im syrischen Konflikt unterscheiden und einschätzen, mit wem man reden kann. Sie warnte ihren Vater, mit einer bestimmten Gruppe nicht zu sprechen, denn “sie könnten uns beide erschießen.” Amira erwähnt bei dieser Erzählung nebenbei, dass die Soldaten ihr Haus niedergebrannt hätten.

Das Leben als Flüchtling kann ein dumpfes Erlebnis für Kinder sein. Emads drei Kinder, die ganz ohne Spielzeug angekommen sind, langweilen sich. Sie schauen sich Cartoons im Fernsehen an, während die Erwachsenen reden und rauchen. Die Jungs zappeln und ringen miteinander – nervöse Energie versprühend. Es ist Zeit, sie in die Schule zu schicken, aber wieder denken die Eltern an die Kosten, obwohl der Schulbesuch von humanitären Organisationen unterstützt wird. Es kann auch schwierig sein, in den überfüllten jordanischen Schulen einen Platz zu bekommen. In vielen Fällen fehlen den Flüchtlingen aber auch schlicht Informationen darüber, wie sie ihre Kinder anmelden können.

Viele Flüchtlinge wollen sich aus Angst, ihren Verwandten in Syrien zu schaden, nicht identifizieren lassen. Eine Mutter, mit der ich mich unterhielt, hatte seit dreieinhalb Monaten nichts von ihrem 20-jährigen Sohn gehört. Über ihn sprechen kann sie nicht. Sie drehte sich um und beschäftigte sich mit Wäsche-Waschen in der engen Küche, als ich nachfragte. In dem kleinen Raum muss für 25 Personen gekocht und gespült werden.

Die Männer scheinen angespannt, frustriert. Sie schauen die ganze Zeit Nachrichten aus Syrien, und obwohl die Situation schlecht ist, träumen sie davon nach Hause zu gehen. Momentan können wir sie bei solchen Plänen nicht unterstützen. Helfen können wir ihnen dabei, ihren Kampf ums Überleben zu meistern, die Rechnungen und sonstige unabwendbare Kosten zu decken, ihre Kinder in die Schule zu bekommen und das steigende Gefühl der Hoffnungslosigkeit zu bewältigen. World Vision arbeitet gemeinsam mit anderen Hilfswerken, der Regierung und der UNO daran, die explosive Situation zu entschärfen. Unser Hauptanliegen ist es aber, den traumatisierten Kindern neuen Lebensmut zu geben und die Hilfe ihren Bedürfnissen anzupassen, wo auch immer sie sind.

Sie können unsere Arbeit unterstützen und für syrische Flüchtlinge spenden – helfen Sie und kaufen Sie  z.B. Hilfspakete mit Hygiene-Artikeln für Flüchtlinge!

https://www.worldvision.de/spenden-katastrophenhilfe-spendenformular-syrische-fluechtlinge.php

Weitere Informationen zum Thema finden Sie hier:

http://www.worldvision.de/spenden-katastrophenhilfe-hilfe-fuer-syrische-fluechtlinge.php

 

 

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