Syrien: Die Not der Zivilisten kennt keine Schuld

Flüchtlinge in einem Camp in Syrien, dass von World Vision betreut wird

World Vision kümmert sich nicht nur um Flüchtlinge aus Syrien, sondern leistet auch Hilfe innerhalb des Bürgerkrieglandes. Dort betreuen wir unter anderem ein Flüchtlingscamp, in dem auch viele Kinder Schutz gesucht haben. Unser Kollege Michael Bailey hat mit einem der Helfer ein Gespräch geführt, dass ihn besonders bewegt hat:

Gestern hat mich der Krieg in Syrien persönlich getroffen. Es war keine Kugel oder ein Granatsplitter, die mein Herz bluten ließen. Es waren die Tränen eines Freundes, von Vince, der mir mit gebrochener Stimme eine Geschichte in die Kamera sprach.
Vince ist Teil unseres Teams in Syrien. Er kommt viel herum, sammelt Informationen zur Lage in bestimmten Orten und versucht zu klären, wo wir am besten Hilfe leisten können. Das ist die Geschichte, die mich so erschütterte:

Neun Jahre, arm, krebskrank

“Da gab es einen Vorfall in einem eher städtischen Umfeld. In der Ruine eines Hauses lebten etwa 50 Menschen. Ich saß mit ihnen zusammen, wir redeten über ihre Bedürfnisse. Du weißt schon: was brauchen sie dringend? Wovor sind sie geflohen? Da kam diese Frau zu mir. Ich kenne mich in medizinischer Ausbildung ganz gut aus, ich bin Medizintechniker. Sie kam also zu mir und zeigte mir ihren Sohn. Er war neun Jahre alt und litt an Krebs. Er hatte einen Blasen-Katheter in seinem Bauch und er benutzte Urinbeutel. Mit Hilfe des Übersetzers erfuhr ich, dass sie nur noch diesen einen Katheter hatten und nur diesen einen Urinbeutel. Sie sei ratlos, denn sie hätten kein Geld, um überhaupt irgendetwas zu besorgen. Auf dem lokalen Markt hätten ihr Apotheker gesagt, dass sie zwar mehr Blasen-Katheter und Urinbeutel besorgen könnten, aber sie hätten nicht das nötige Geld dafür.

Selbstauferlegte Regel gebrochen

Vince schluckte und fuhr fort: „Wenn wir in einem Umfeld wie jetzt in Syrien arbeiten, dann ist es relativ einfach, Programme für große Bevölkerungsanteile zu entwerfen. Aber es ist sehr schwierig, hilflos vor einem 9jährigen Jungen zu stehen. Ich sagte der Mutter, ich würde helfen, ich würde sie nicht im Stich lassen. Ich brach damit Regeln, die wir uns selbst auferlegen. Am nächsten Tag ging ich zum Markt. Ich kaufte jeden Blasenkatheter und jeden Urinbeutel, den ich kriegen konnte. Von meinem eigenen Geld.“

Eigentlich ist individuelle Hilfe, auch mit eigenem Geld, in der humanitären Hilfe ein „No-Go“. Denn wo soll man die Grenzen ziehen zwischen denen, die diese Hilfe bekommen und den vielen anderen, denen man persönlich nicht helfen kann?

Vince unterbrach sich, schüttelte mit dem Kopf: „Oh, Mann“, sagte er, schaute auf den Tisch, schluckte seine Emotionen herunter. „Ich brachte die Sachen zu der Familie, zeigte ihnen, wie man den Katheter und die Urinbeutel wechselte. Es gibt eine Menge Geschichten wie diese. Diese hat mich persönlich berührt, weil ich beteiligt war. Aber wir helfen einer Menge Leute hier und in diesen Tagen beginnen wir mit der Arbeit in unserer Gesundheitsstation. Dort werden Ärzte arbeiten, Krankenschwestern, Hebammen und wir können 500 Kinder am Tag untersuchen.

Kinder tragen keine Schuld, nur die Folgen

Natürlich ist diese Katastrophe hier von Menschen gemacht. Aber diese Kinder haben nicht darum gebeten, dass ihre Häuser bombardiert werden. Sie haben nicht darum gebeten in Nacht- und Nebelaktionen zu flüchten und hunderte Kilometer unterwegs zu sein. Jetzt gibt es Millionen Menschen auf der Flucht, ängstlich, allein. Diese Leute tragen (aus meiner Sicht) an ihrem Elend keine Schuld. Jedenfalls können wir nicht darüber entscheiden. Also, ob durch einen Tsunami, durch ein Erdbeben oder durch eine von Menschen verursachte Katastrophe, wir sehen vor uns Menschen, die leiden.”

Wenn Sie den Opfern des Krieges in Syrien helfen möchten, können Sie hier spenden:

https://www.worldvision.de/spenden-katastrophenhilfe-spendenformular-syrische-fluechtlinge.php

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