„Eine Tournee für Kinderrechte“: Sister Fa rappt in Südsenegal und klärt Schüler über ihre Rechte auf

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Gemeinsam mit der Kinderhilfsorganisation World Vision macht die in Berlin lebende Rapperin Sister Fa eine Tournee durch entlegene Dörfer an der Grenze zu Guinea, um die Kinder auf ihre Rechte aufmerksam zu machen, darunter das Recht auf Gesundheit und Schutz.

von Martina Chikhi

Linkering, Casamance. „Das tut weh, du hast vollkommen Recht.“ Sister Fa ermutigt die etwa zehnjährigen Schülerinnen und Schüler im Klassenzimmer der Yoroba Balde-Schule. Sie sollen erzählen, was sie über die Genitalbeschneidung von Mädchen wissen. Die Rapperin zeichnet eine Vagina an die Tafel: Klitoris und/oder Schamlippen werden abgeschnitten. „Danach tun sie etwas hinein!“ sagt ein Mädchen mit lustigen Zöpfchen. „Wenn die Wunde dann bis auf eine kleine Öffnung zugenäht wird, nennt man das Infibulation“, erklärt Sister Fa. Im Süden Senegals ist diese Tradition noch verbreitet. Gemeinsam mit der Kinderhilfsorganisation World Vision macht die in Berlin lebende Rapperin Sister Fa eine Tournee durch entlegene Dörfer an der Grenze zu Guinea, um die Kinder auf ihre Rechte aufmerksam zu machen, darunter das Recht auf Gesundheit und Schutz. FGM wie Female Genital Mutilation wird die weibliche Beschneidung in Europa genannt. Sister Fa weiß wovon sie spricht: Sie war als Mädchen selbst Opfer dieser Sitte. Sie spricht das Tabuthema klar aber behutsam an: „Ich rede nicht von Verstümmelung, ich will euch nur informieren.“

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Dann referiert die in Jeans und weißem Hemd gekleidete junge Frau, welche Gefahren die Beschneidung birgt: Schmerzhafte Regel, Komplikationen bei der Geburt, das Risiko von Tetanus, wenn das Messer rostig ist oder die Übertragung von Krankheiten wie Aids, da eine Klinge oft für mehrere Mädchen verwendet wird. Die Schülerinnen und Schüler lauschen aufmerksam. „Wisst ihr, warum das gemacht wird?“ „Das Mädchen ist sonst nicht sauber“, sagt ein Junge. „Was man wegschneidet ist nicht schmutzig, sondern der sensibelste Teil unseres Körpers“, erklärt die 32jährige Sängerin: „Warum beschneidet man Mädchen?“ Zahlreiche Hände gehen in die Luft: „Sonst werden ihre Gebete nicht erhört“, behauptet ein Schüler, ein anderer fügt hinzu: „Das ist unsere Kultur.“ Geduldig erklärt Sister Fa, dass Prophet Mohammed weder seine Frauen noch seine Töchter beschneiden ließ. „Selbst im heiligen Mekka werden die Frauen nicht beschnitten.“ Argument für Argument widerlegt die junge Frau die verbreitete Ansicht, Religion und Kultur würden die grausame Sitte vorschreiben: „Wer weiß, aus welchem Land die weibliche Genitalbeschneidung kommt?“ Wieder gehen viele Hände hoch, die Kinder nennen alle fernen Länder, die sie kennen, aber keiner findet die richtige Antwort: „Aus Ägypten – es handelt sich also nicht um eine senegalesische Tradition!“ sagt Sister Fa.

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Die Kinder machen rege mit, melden sich mit „Madame!“-Rufen während der Aufklärungsstunde über Kinderrechte. Sie wissen, wovon geredet wird: Als Kalebassen verteilt werden und Farben, malen die Mädchen blutige Messer und Scheren, ein Junge malt ein weinendes Mädchen mit blutigem Unterleib.

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Die Kinder drücken aus, was sie selbst erlebt haben. „Die Mädchen haben oft Angst vor Scheren, sie sind traumatisiert“, erzählt Schuldirektor Mamadou Hadi Diop. „Eure Eltern wussten nicht, was ich euch heute erzählt habe!“ Fatou vermeidet es, die Mütter oder Väter der Schüler anzuklagen: „Aber ihr geht auf die Schule und werdet das nicht mehr machen, wenn ihr groß seid und selbst einmal Kinder habt!“

Die weibliche Beschneidung ist in Senegal seit 1999 verboten – das Parlament verabschiedete das Gesetz einstimmig. Dennoch unterliegt immer noch schätzungsweise ein Viertel der Mädchen der grausamen Praxis. Hier in dieser entlegenen Region um Velingara, nur wenige Kilometer von der Grenze zu Guinea entfernt, scheinen die meisten Mädchen betroffen zu sein. Die Schülerinnen bejahen die Frage, ob sie selbst beschnitten seien. Schätzungsweise 15.000 Menschen leben hier in 35 Dörfern in der Feuchtsavanne. Die Premierministerin Senegals, Aminata Touré, ist eine Frau, die Bürgermeisterin von Podor Aissata Tall ist im ganzen Land bekannt und beliebt. Aber für die Bewohner dieser entlegenen Region ist ein Mädchen immer noch da, um zu heiraten und Kinder zu kriegen. Trotz Verbots sind Beschneidung und Zwangsheirat üblich.

Die Tournee von Sister Fa ist für den Schuldirektor eine willkommene Unterstützung im Kampf gegen diese Traditionen. Die in Berlin lebende Rapperin kooperiert seit dem letzten Jahr mit der Kinderhilfsorganisation World Vision, die lokale Kinderschutz-Netzwerke, Bildung und Gesundheitsvorsorge in der Region unterstützt und somit auch die Türen für die Künstlerin öffnen kann. Während der Tournee tritt sie eine Woche lang in verschiedenen Dörfern der Casamance auf.

ago-se-DSC01047ago-se-DSC00542Anlässlich ihres Besuchs kommen alle Notabeln, die Direktoren anderer Schulen, Dorfchef und Imam, Vertreterinnen von Frauenorganisationen und sogar ein (Unter-)Präfekt. Sister Fa freut sich, denn sie weiß: “Wenn diese Leute gegen unsere Aufklärungsarbeit wären, dann wären sie nicht gekommen.”

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Maimouna Mané ist Vorsitzende der Frauenvereinigung von Linkering. Die 50jährige Frau mit den schönen weißen Zähnen und dem hübschen gelben Gewand erzählt, sie habe ihre eigenen vier Töchter beschneiden lassen. Erst vor sechs Jahren habe sie ihre Meinung geändert. Der Film einer NGO über die bei der Geburt zu erwartenden Unterschiede hat sie überzeugt: „Bis dahin dachte ich, diese fürchterlichen Schmerzen bei der Geburt seien normal!“ Sie selbst wurde mit 15 mit ihm verheiratet: „Aber mein Mann ist nicht viel älter als ich“, sagt sie zufrieden. Er sei übrigens sofort auf ihrer Seite gewesen, als sie sich gegen die Beschneidung ihrer Enkelinnen aussprach.

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„Über Heirat oder Beschneidung entscheiden die Männer als Familienchefs“, erklärt Schuldirektor Mamadou Hadi Diop. Dorfchef Moussa Balde erzählt, täglich Konflikte schlichten zu müssen, in denen Frauen oder Mädchen Opfer von Prügel oder Vergewaltigung sind. Anzeigen auf dem Kommissariat seien selten: „Wir versuchen, den Täter zur Einsicht zu bringen.“ Das sei seine Aufgabe als Dorfchef.

Dorfchef Balde (links) und Schuldirektor Diop

Junge Mütter, die auf die Schule gegangen sind, widersetzten sich den schädlichen Traditionen… in städtischen Gebieten. „Auf dem Land bleibt viel zu tun“, stellt Crépin Louttoungou fest. Der 42jährige Kongolese ist seit 2009 als Fachmann für Entwicklungszusammenarbeit bei World Vision in dieser Region tätig. Es wurden sogenannte „Alarm-Komitees“ zur Prävention gegründet. Diese brauchen aber noch einige Schulungen und weitere Mitstreiter, um etwas ausrichten zu können.

Der Schuldirektor bedauert, er könne oft nur überwachen, ob im neuen Schuljahr alle Schülerinnen da sind: „Wenn sie verheiratet wurden, kommen sie nicht mehr in die Schule.“ Rund 40% der senegalesischen Mädchen werden vor ihrem 18. Geburtstag (zwangs)verheiratet. „Wenn wir davon erfahren, gehen wir vor Ort und reden das der Familie aus“, erklärt Crepin Louttoungou. 2013 seien so sechs Hochzeiten verhindert worden. Louttoungou rechnet Word Vision das Verdienst zu, dass die Mädchen inzwischen immerhin fast alle auf die Schule geschickt werden: „Die Hälfte der Schüler sind Mädchen.“ Meist kommen sie aber noch nicht über die Grundschule hinaus, denn weiterführende Schulen gibt es nicht um die Ecke. Direktor Diop freut sich, endlich ein Mädchen aufs Gymnasium nach Ziguinchor geschickt zu haben: „Nun wollen auch andere Familien ihre Töchter lernen und studieren lassen.“

Über 600 Schüler gehen in die Yoroba Balde-Schule. Auf dem geräumigen Schulhof spenden fünf prächtige Mangobäume Schatten. Die Schüler essen in der Schule. Ihre Eltern bezahlen das Schulmaterial, Hefte und Stifte und die Einschreibung in Höhe von 200 Francs CFA pro Kind, umgerechnet 30 Cents! „Bei 500 hätten wir Probleme mit den Eltern“, erklärt Direktor Diop.

Nach dem Mittagessen bauen Sister Fa’s Techniker die Bühne auf. Sie mühen sich bei 40 Grad ab. Sobald die Hitze nachlässt, beginnt der festliche Teil des Programms. Die schönsten Gemälde der Kinder werden vorgestellt, und dann treten Sister Fa und ihre Rapper-Kollegen auf. Sister Fa, im roten T-Shirt mit roten Turnschuhen und einer Baseballmütze mit rotem Schild wird als „internationaler Star“ gefeiert.


Die Stimmung erreicht einen weiteren Höhepunkt, als MC Baledio aus Kolda seinen Hit singt: Der Text wendet sich gegen Zwangsheirat, erzählt von einem Mädchen, das mit zwölf gegen ihren Willen verheiratet wird und bei der Geburt ihres Babys stirbt. „Gib mich nicht her!“ lautet der Refrain, mit dem das Mädchen den Vater bittet, sie nicht zu verheiraten. MC Baledio springt von der Bühne ins Publikum, vom Dreikäsehoch bis zu den 12jährigen singen die Kids den Refrain mit. Die Lehrer versuchen, einen Kreis um die Bühne aufrechtzuerhalten, damit weniger Staub aufwirbelt. Irgendwann geben sie auf: Die Kinder stehen vor der Bühne und singen aus vollem Halse, hüpfen und tanzen. An diesem Abend kennen sie nicht nur ihre Rechte, an die in feierlichen Reden erinnert wurde. Sie haben sich zumindest ein Recht genommen: Das Recht auf Spaß!

 

1 Kommentar

  1. Sven Beier, 5. April 2014

    Sister Fa machen Sie weiter so.Ich hoffe die Frauen bekommen bald mehr Rechte und Respekt.

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