Selbst gemachte Bücher sind “Bestseller” bei Kindern und Gemeinden in Afrika

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Zum Welttag des Buches am 23. April dürfen Sie uns gerne Ihr Lieblingsbuch verraten und erfahren von uns etwas über den Lesehunger vieler Menschen, die sich keine Bücher kaufen können. Unser Ausweg folgt auch hier dem Motto "Hilfe zur Selbsthilfe" und dabei entstehen wunderbare Bilderbücher mit lokalen Geschichten in den jeweiligen Muttersprachen.

Beitrag zum Welttag des Buches in Zusammenarbeit mit Bayisenge Achel

Obwohl ich viel Zeit am Computer verbringe, ist jedes Buch für mich ein kleiner Schatz und der Moment, wenn ich ein Buch das erste Mal aufschlage, ein Moment großer Spannung. Vielleicht geht es Ihnen ja auch so. Ich bin zwar beim Lesen mit mir allein, aber betrete gleichzeitig eine im Text erschaffene Welt und verbinde mich mit der Kultur und dem Geist des Autoren. Ein dickes Buch über die Geschichte Jerusalems fesselt mich gerade (Nahrung für den Geist), aber ich lese abends zur Entspannung genauso gerne einen Roman oder eine Gartenzeitschrift (Nahrung für die Seele).

Auch auf Nathalie Buzeba haben Bücher mit Bildern eine magische Anziehungskraft. Keine Gelegenheit zu lesen lässt die Kleinbäuerin  aus Burundi vergehen und ermuntert auch ihre Tochter zur Lektüre.  Ihre Einstellung widerlegt die allgemeine Annahme, dass Afrikaner  keine Lesekultur hätten. Die mündliche Überlieferung spielt zwar traditionell eine größere Rolle als schriftliche Information, aber heutigen Schülern und Schulabgängern fehlt es meist nicht an der Leselust, sondern vor allem an bezahlbarem und interessantem Lesematerial in der eigenen Muttersprache.

Leicht zugängliche Bücher und Zeitschriften vermissen immer noch Millionen Schüler und Schulabgänger in allen Regionen der Welt. In Südafrika zum Beispiel besitzen nach UNESECO-Angaben nur gut die Hälfte aller Haushalte Bücher für die Freizeitlektüre und nur 7 Prozent aller Schulen eine Bibliothek. Die Versorgung mit Mobiltelefonen scheint leichter zu sein als die Versorgung mit Büchern. In Vielvölkerstaaten, die in der heutigen Zeit fast die Regel sind, sind Minderheiten mit eigener Sprache oft besonders schlecht versorgt mit Lesematerial in ihrer Sprache. Mit der Folge, dass Schüler und Schulabgänger nicht das lernen können, was sie gerne lernen würden. Dieses Entwicklungshemmnis hat World Vision vor einigen Jahren dazu veranlasst, die lokale Herstellung von Büchern und Leseheften zu fördern.

„Wir brauchen viel mehr Lesestoff wie diesen hier“, sagt Nathalie schmunzelnd und deutet auf das nur aus 10 Seiten bestehende weiße Büchlein mit kurzen Texten und Bildern, das sie gerade mit ihrer Diella liest, um mit ihr das Leben und schreiben zu üben. Diella leiht sich Bücher aus einem von World Vision eingerichteten und nicht weit entfernten Lese-Club. Sie besucht zwar erst die erste Klasse, kann aber schon ganze Sätze lesen und kommt im Unterricht gut mit.

Tag des Buches - lokale Buchherstellung in Afrika

Nathalie mag die Bücher, die sich dort angesammelt haben. „Sie sind voller humorvoller und lehrreicher Geschichten“, sagt sie. Besonders gut gefallen ihr die Bücher, in denen kleine Tiere schlauer sind als große. Über eine Geschichte zum Thema Alkohol-Missbrauch hat ihr ganzes Dorf gelacht und auch diskutiert.“In der Geschichte geht ein Kind mit seiner Mutter an einer Dorf-Brauerei vorbei. Das Kind hält an und sagt: ‚Dieser Ort riecht wie mein Vater‘.

Lokale Mitarbeiter der World Vision-Projekte ermuntern die Bevölkerung dazu, Geschichten mit Bezug zu Alltagsthemen oder Entwicklungsfragen aufzuschreiben und mit Bildern zu versehen. Um den Anfang zu erleichtern, wird einer Gruppe manchmal eine Vorlage aus einem anderen Land vorgestellt und dann wird gemeinsam überlegt, wie man diese auf den lokalen Kontext übertragen könnte – mit passenden Beispielen und selbst gemachten, leicht verständlichen Bildern. Im nächsten Schritt wird die Geschichte ausgearbeitet. Eine kostenlose Software, der sogenannte “Shellbook Maker”, erleichtert die grafische Gestaltung und die Projektbüros oder auch lokale Partner drucken die fertigen Bücher Lesehefte aus.

“Der Prozess der lokalen Bücher-Herstellung hat für die arme Landbevölkerung viele Vorteile und großes Potential für das Empowerment der Gemeinden”, erklärt Cameron Ryall, Literacy Programme Manager für Ost-und Süd- Afrika. “Sie bekommen dadurch Lesematerial in ihrer lokalen Sprache und mit für sie relevanten Inhalten – die sie in  gemeinsamer kreativer Arbeit selbst bestimmen. Hierbei eröffnen sich viele Möglichkeiten, lokales Wissen mit internationalem Wissen und mit der eigenen Kultur zusammen zu bringen.” Der Prozess ist also ebenso wichtig wie das Endprodukt.

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Der Ansatz folgt auch den von World Vision unterstützten Entwicklungszielen, da es in vielen der Bücher um Themen der Projekte geht, etwa um die Verbesserung der häuslichen Hygiene, um gesunde Ernährung oder auch um den Abbau von Frauendiskriminierung und häuslicher Gewalt. So befriedigen die Bücher mit den selbst kreierten Geschichten nicht nur Lernbedürfnisse, sondern auch sozialen Dialog und Zusammenarbeit zwischen allen Altersgruppen.

In einem Projekt in Burundi sind in den letzten beiden Jahren 10 Bücher mit Geschichten und 32 Lesehefte für Schüler entstanden, teilweise mit Beteiligung lokaler Künstler. In Kenia hat ein Dorf beschlossen, jetzt alle 3 Monate ein neues Buch in eigener Regie herzustellen und in Malawi gibt es bereits Buch-Wettbewerbe zwischen Dörfern.

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In Burundi werden die speziell für Grundschüler konzipierten  Bücher von World Vision und lokalen Lesecouts in Lesecamps getestet und dort auch ausgeliehen. Mütter und Väter werden begleitend dazu in die Leseübungen einbezogen.

„In meiner Schulzeit hatten wir nicht solche Geschichten zur Verfügung“, erinnert sich die 48jährige Nathalie. Sie besuchte die Schule nur bis zur 6. Klasse. Ihre beiden älteren Kinder haben das Lesen und Schreiben ihrer Ansicht nach ebenfalls nicht gut gelernt, weil es vor dem Projekt keine Bücher vorhanden waren und sie als Mutter auch kein Übungsmaterial zur Verfügung hatte, um die Kinder zu unterstützen. „Glück hatten die, die an eine kleine Bibel heran kamen und das waren auch nicht viele Leute, so weit ich weiß“, erklärt sie, auf einen Satz deutend, den ihre Tochter laut vorlesen soll.

Da Nathalie in ihrem Dorf nicht leicht an Papier kommt, übt ihre Tochter das Schreiben zum Beispiel auf Bananenblättern oder malt ihre Buchstaben auf die Haustür.

Tag des Buches - lokale Buchherstellung in Afrika

Natürlich kann ein Hilfswerk wie World Vision die riesige Nachfrage nach Lesematerial mit seinen begrenzten Mitteln nicht allein bedienen. Daher werden sowohl Vertreter der Bildungsministerien als auch andere NGO zu den lokalen Trainingsworkshops eingeladen. Zudem strebt World Vision den Aufbau einer für viele Organisationen offenen Bibliothek oder Datenbank von Buchvorlagen an, die dann mit Genehmigung der Urheber jeweils dem lokalen Kontext angepasst werden dürfen. Zudem erproben wir Modelle, in denen sich die Bevölkerung finanziell an der Einrichtung von Dorf-Bibliotheken beteiligt. Spargruppen und auch Gemeinde-Lernzentren, die World Vision mit Partnern in ländlichen Gebieten jeweils für mehrere Dörfer aufgebaut hat, bieten hierfür Anknüpfungspunkte.

 

 

3 Kommentare

  1. Matthias Böhning, 23. April 2014

    Trotz aller wunderbarer Literatur da draußen – die Bibel bleibt für mich das Buch der Bücher. In letzter Zeit fasziniert mich daneben vor allem Tahir Shah – sehr empfehlenswert.

  2. Christiane Windelberg, 23. April 2014

    Der Artikel sprich mir aus dem Herzen. Hatte vor einiger Zeit einige Kinderbibeln (auf Suaheli von “Kirche in Not”) nac h Kenia zu einer Freundin geschickt. Die hat jetzt nach Nachschub gefragt. Ging weg wie warme Semmel.

  3. Barbara Kasparek, 1. Juli 2014

    Der Bericht ist toll und ich habe ihn auf FB geteilt mit dem Vermerk das es nicht überall Literatur gibt so wie sie bei uns zu haben ist.
    Wie könnte ich in diesem Punkt helfen? Freundliche Grüße Barbara Kasparek

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