“Zuerst stirbt dein Vieh, am Ende bist du selbst dran”

Durch Bäume und eine kluge Bewirtschaftung seines Landbesitzes hat der Kenianer Simon Lekura fruchtbares Land gewonnen.

Kenias Norden zählt zu den trockensten Regionen des Landes. Die Menschen dort sind Nomaden. Sie leben vom Vieh und dem was ihnen das Buschland lässt. Droht Dürre, verlieren viele ihre Lebensgrundlage. Dabei geht das auch anders. Neue Methoden der Landwirtschaft könnten künftig helfen, dass die Hirten auch in schlechten Zeiten genug zu essen haben - und müssten noch nicht mal ihre Traditionen aufgeben. World Vision hilft ihnen dabei.

Text und Fotos: Kirsten Milhahn

„Gott meint es gut mit mir“, sagt Simon Lekura. „Er hat mir Land gegeben und eine Idee.“ Der 65-jährige Samburu-Kenianer breitet die Arme aus, dann weist er mit einladender Geste über sein weitläufiges Weideland. Das einzige in Sichtweite, auf dem im sonst so spärlich begrünten Hügelland um Maralal im nördlichen Teil des Rift Valleys in Kenia üppig Bäume wachsen. Das Land habe er vom Vater geerbt. Karges Grasland, auf dem damals noch kein Baum stand. Die Idee stamme von einem Freund aus Militärzeiten. So genannte Farmer Managed Natural Regeneration, kurz FMNR, eine Methode der Wiederaufforstung, die Lekura seit mehr als zwei Jahrzehnten betreibt. Eine übernutzte Fläche regeneriert sich ohne menschliches Zutun. Lekura war der erste Samburu-Nomade in Maralal, der für FMNR sein Land eingezäunt und wie einen Flickenteppich in kleinere Kompartimente aufgeteilt hat. Nur einen kleinen Teil davon hat er anfangs bewirtschaftete. Der Rest der Fläche lag brach. Die benachbarten Nomaden-Familien hätten ihn damals ausgelacht und ihr Vieh weiter über die baumlosen Ebenen getrieben. „Bald aber zeigte sich, was der Boden auf meinem Land in sich trug“, erzählt er. Sträucher und Bäume wuchsen, sorgten für Schatten und dafür, dass sein Land nicht so schnell austrocknete. „Bei der nächsten großen Dürre haben sie nicht mehr gelacht, sondern an meine Haustür geklopft. Zuerst stirbt Dir dein Vieh weg, am Ende bist du selbst dran“, sagt Lekura. In der Not hätten die Tiere der Nachbarn auf seinen renaturierten Flächen gegrast.

Simon Lekura blickt zufrieden auf sein Land und seine Lebensentscheidungen.

Simon Lekura blickt zufrieden auf sein Land und seine Lebensentscheidungen.

Simon Lekura, selbst lange Zeit Hirte, ist inzwischen erfolgreicher Bauer. Durch FMNR hat er wertvolles Land zurückgewonnen. Seit einem Jahr unterstützt er World Vision als Modellfarmer in der Projektregion rund um Maralal. Er zeigt anderen Samburu, wie man sich durch FMNR und kontrollierte Weidewirtschaft gegen die Dürre wappnet.

Neue Wege gehen, alte Traditionen wahren

Massive Abholzung und unkontrollierter Viehtrieb haben das Land ruiniert. Wo einst Wald stand, wachsen heute höchstens noch Büsche. Hält die Trockenheit an, hungern Mensch und Vieh. Die Nomadenstämme der Samburu, Pokot und Turkana leben in dieser Region dicht beieinander und konkurrieren um die spärlichen Ressourcen, die das Land noch hergibt. Das führt zu Konflikten, die oft blutig enden – um fruchtbares Land, Tiere, Wasser und Traditionen. World Vision unterhält deshalb seit November 2012 das Samburu Pastoralists Livelihood Improvement Projekt (SAPLIP). Finanziert wird es größtenteils durch die EU, einen Teil des Geldes bringt World Vision Deutschland auf. Es soll die Lebensbedingungen der Menschen in einer der trockensten Regionen Kenias verbessern und Stammesfehden schlichten. Eine Idee dabei: Eintracht herrscht, wenn am Ende jeder satt zu essen hat. „Das geht nur, wenn die Menschen in den traditionellen Gegenden bereit sind neue Wege zu gehen“, sagt Thomas Kalytta, der als Kenia-Länderreferent von World Vision Deutschland regelmäßig das Gebiet um Maralal besucht. Sein Credo: Ackerwirtschaft neben kontrollierter Viehhaltung. Umlernen, ohne Traditionen aufgeben zu müssen. Zudem brauche die Region ihren Baumbestand zurück. Der sicherste Faktor gegen Dürre.

Abdilahi Lengees ist ein erfolgreicher Farmer geworden und gibt die Tradition der Rinderzucht trotzdem nicht auf.

Abdilahi Lengees ist ein erfolgreicher Farmer geworden und gibt die Tradition der Rinderzucht trotzdem nicht auf.

Abdilahi Lengees hätte nie gedacht, dass er auf seinem Land mal Gemüse anbaut. Zwischen Kohlköpfen gedeihen nun sogar kleine Orangenbäume. Die sollen später nicht nur Früchte tragen, sondern vor allem Schatten spenden, damit bei Trockenheit der Acker mehr Wasser hält. Das Know How habe sich der Samburu in Maralal geholt. Mit SAPLIP hat World Vision im Ort Workshops für die Hirten initiiert. Lengees ist hingegangen, hat später seine Nachbarn zum Mitmachen inspiriert. Inzwischen betreibt auch er eine Modellfarm. Seine Rinderzucht habe er nicht aufgegeben, schließlich sei er Samburu. Doch die Herde ist kleiner geworden. Mageres Vieh hat er gegen effizientere Rassen ausgetauscht. Viele Samburu sind seinem Beispiel gefolgt und haben sich für mehr Nachhaltigkeit entschieden. Nicht zuletzt weil sie sehen, dass ein Nomade der seinen Acker bestellt mehr zu essen hat.

Zufriedenheit schafft Frieden

World Vision setzt mit dem Entwicklungsprojekt in Samburu jedoch nicht nur auf Wiederbegrünung und nachhaltige Landwirtschaft, sondern vermittelt gleichzeitig in Stammesangelegenheiten. Einmal im Vierteljahr treffen sich Samburu, Pokot und Turkana in der Grenzregion zu Friedensgesprächen, die die Hilfsorganisation zusammen mit der Distriktverwaltung moderiert.

13 Peace meeting Samburu and Pokot tribe

Auch Lengees und Lekura sind mitunter dabei. „Es nützt ja nichts, wenn es nur den Samburu besser geht“, stellt Lengees fest. „Wir leben alle hier, wir müssen uns arrangieren. Vielleicht, indem wir gemeinsam wirtschaften, Handel treiben und unsere Enkel auf dieselben Schulen schicken.“ Aber das sei alles nur eine Frage der Zeit. Und Veränderung brauche Zeit.

 

 

2 Kommentare

  1. Anette Meyer, 10. September 2016

    Mit großem Interesse lese ich ihre Berichte über den Norden Kenias.
    Wir haben vor einigen Jahren unser Patenkind in Ethiopien besucht und das karge Land dort gesehen, als wir erfuhren das dort einmal Urwald stand …hat uns das sehr erschrocken !
    Es wird auch dort versucht wieder aufzuforsten allerdings wird Eukalyptus gepflanzt, der nicht typisch für dieses Land ist und viel Wasser zum Wachsen braucht. Oft habe ich mich gefragt on World Vision dort nicht auch etwas ähnliches wie in Kenia zur Wiederaufforstung initiieren kann ? Ich habe meinem Patenkind auch Sonderspenden gemacht für die anschaffung einer Kuh und jetzt für eine Hühnerzucht. Ich weiß nicht ob die Familie Fläche hat um auch Obstbäume anzupflanzen ? Oder vielleicht die ganze Dorfgemeinsachaft Bäume um das Land herum anpflanzen könnte ? Ich würde das sonst auch auf jeden fall mit Baumsetzlingen unterstützen wollen.
    Ich finde ihre Arbeit und das Engagement von World Vision sehr gut, trotz des bekannt gewordenen Spendenbetrugs einzelner werde ich ihre Organisation weiter unterstürzen und versuchen das Leben eines Kindes, seiner Familie und des Dorfes zu verbessern. Ich hoffe natürlich darauf das die Bereitschaft zu spenden und Patenschaften zu übernehmen nicht darunter leidet,das man weitere Veruntreuung von Spendengeldern bei ihnen in zukunft verhindern und ausschließen kann. Ich bin sicher das sie alle dazu nötigen Schritte unternehmen. Deshalb bleibe ich ihnen weiterhin sehr verbunden.

    Ihre A. Meyer

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