Menschen nach der Balkanflut: Nicht nur Häuser, auch Lebensgrundlagen verloren

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Als um fünf Uhr morgens das Wasser kam, wachte Seherzada auf und rannte aus dem Haus. Nur eine Sache schnappte sich die 18-Jährige vorher noch: Ihr Ballkleid, das sie bei der Schulabschlussfeier tragen wollte. Zwei Wochen waren es noch bis zu diesem Abend, sie konnte wirklich nicht riskieren, dieses Kleid zu verlieren – nicht einmal, als die schlimmste Naturkatastrophe seit einem Jahrhundert ihre Heimatstadt Kakanj in Zentral-Bosnien und Herzegowina einholte.

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Seherzadas Familie verlor die gesamte Hauseinrichtung. „Zwei Sofas und einen Ofen konnte ich retten“, sagt Fahrudin, Seherzadas Vater, und sitzt vor dem Haus, das jetzt nur noch aus Mauern besteht. Und selbst die sind noch nass. „Zwei Tage lang stand das Wasser hier drin bis zu den Knien. Alles ist kaputt: die Küche, das Bad. Ich musste alle Möbel wegwerfen“.

Das war einmal ihre Küche: Mirha, 41, musste alles wegwerfen

Das war einmal ihre Küche: Mirha, 41, musste alles wegwerfen (Foto: World Vision)

Sherzada und ihre Familie gehören zu den schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen in Bosnien und Herzegowina, die von den gewaltigen Überschwemmungen unmittelbar betroffen sind. Innerhalb von Tagen waren die Flüsse nach schweren Regenfällen über ihre Ufer und fluteten manche Gegenden bis zu drei Meter hoch. Viele Straßen sind  zerstört, Erd- und Schlammlawinen haben hunderte Häuser unter sich begraben und ganze Dörfer ausgelöscht.

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Eine Woche nach dem Beginn der Überschwemmungen fehlt es in den meisten Gemeinden an sauberem Wasser und Strom. Gesundheitsexperten sind besorgt, sie erwarten, dass die Lage schlechter wird, weil das Trinkwasser verunreinigt ist.

Konnte gerade noch ihr Ballkleid retten: Seherzada, 18, (Mitte)  mit ihrem Bruder und ihrer Mutter  (Foto: World Vision)

Konnte gerade noch ihr Ballkleid retten: Seherzada, 18, (Mitte) mit ihrem Bruder und ihrer Mutter (Foto: World Vision)

 

Die Flut hat Sherzadas Familie nicht nur das Zuhause zerstört, sondern wohl auch die Lebensgrundlage. Das Gewächshaus, das sie 2008 von World Vision erhalten haben, wurde überschwemmt. Die Paprikas, Tomaten und Gurken, um die sich die Familie liebevoll gekümmert hatte, standen 40 Zentimeter tief im Wasser. Das Gewächshaus haben sie sauber gemacht, doch das Gemüse scheint durch Dreck und Abwässer so belastet, dass es wohl weggeschmissen werden muss.

Wahrscheinlich nicht mehr genießbar: Die Tomaten im Gewächshaus der Familie (Foto: World Vision)

Wahrscheinlich nicht mehr genießbar: Die Tomaten im Gewächshaus der Familie (Foto: World Vision)

Fahrudin, behindert und arbeitslos, will nicht darüber nachdenken, was passiert, wenn er seine Pflanzen verliert – sie sind seine Haupteinkommensquelle. Aber er möchte weiter dafür kämpfen, dass es seiner Familie gut geht: „Kein Job ist zu schwer für mich“, sagt er stolz und macht sich ans Reparieren des Hauses. Ein kleiner Seufzer entwischt ihm: „Wir werden einen Kredit aufnehmen müssen. Doch das Leben muss weitergehen. Wir müssen uns zusammenreißen. Manche Leute haben alles verloren.“

Bis das Haus wieder in Ordnung ist, schlafen Seherzada und ihr 8-jähriger Bruder Ismail – Patenkind im World Vision Programm – bei Nachbarn, während ihre Eltern in ihrer Hausruine mit großen Löchern in der Decke geblieben sind. Sie haben keine andere Wahl. Ismail will nicht nach zuhause zurück. „Er hat Angst, dass die Flut wiederkommt“, erklärt  seine Mutter Mirha.

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Um die Menschen beim Wiederaufbau zu unterstützen, hat World Vision die Familie mit Hygienepaketen versorgt, die Ismail seiner Mutter glücklich nach oben gebracht hat. Nächste Woche soll es wieder regnen. Niemand kann sagen, was dann passiert.

Die Flutopfer auf dem Balkan sind dringend auf Hilfe angewiesen. Bitte unterstützen Sie den Wiederaufbau durch eine Spende – hier geht’s zum Spendenformular.

Übrigens: In Dubrave, Bosnien, hat das Nothilfeteam von World Vision soeben den ersten kinderfreundlichen Schutzraum eingerichtet – dort können sich Kinder von den Folgen der Überschwemmung erholen und in einer sicheren, sauberen Umgebung spielen und lernen:

"Childfriendly Space" in Dubrave, Bosnien (Foto: World Vision)

“Childfriendly Space” in Dubrave, Bosnien (Foto: World Vision)

Die Autorin, Armenuhi Sahakyan, berichtet für World Vision aus Bosnien.

 

 

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