Spargruppen in Sierra Leone: So funktioniert Nachhaltigkeit

Erschöpft nach einem nächtlichen Fußmarsch: Vertreter von Spargruppen im Dorf Baoma Kpenge, Sierra Leone (Foto: Kerstin Koch/World Vision)

Im sierra-leonischen Dorf Baoma Kpenge gibt es neben einer kleinen Krankenstation, einer Schule und einem winzigen Tante-Emma-Laden ein Büro von World Vision. Zwei Wochen lang hat unsere Mitarbeiterin Kerstin Koch dort gemeinsam mit Kollegen vor Ort gearbeitet – sie wollte herauszufinden,wie erfolgreich und nachhaltig unsere Projekte in den vergangenen fünf Jahren gewesen sind. Ein Erfolgsbeweis kam eines Morgens höchst persönlich vorbei…

Im sierra-leonischen Dorf Baoma Kpenge gibt es neben einer kleinen Krankenstation, einer Schule und einem winzigen Tante-Emma-Laden ein Büro von World Vision. Zwei Wochen lang hat unsere Mitarbeiterin Kerstin Koch dort gemeinsam mit Kollegen vor Ort gearbeitet – sie wollte herauszufinden,wie erfolgreich und nachhaltig unsere Projekte in den vergangenen fünf Jahren gewesen sind. Ein Erfolgsbeweis kam eines Morgens höchst persönlich vorbei…

Eine Evaluierung, also die Auswertung eines Entwicklungsprogramms, ist ein intensiver Prozess. Er zieht sich über mehrere Wochen hin. Unser Team bestand aus zwei sierra-leonischen Kollegen sowie unserem Fachmann für Monitoring und Evaluierung, Thorsten Bär, und mir. Der Programmleiter unterstützte uns in logistischen und organisatorischen Dingen, und wir bekamen 16 Interviewer zur Seite gestellt, die uns bei der Datenerhebung unterstützten.

Evaluierung - die Auswertung eines Projekts - ist ein arbeitsintensiver Prozess (Foto: Kerstin Koch/World Vision)

Evaluierung – die Auswertung eines Projekts – ist ein arbeitsintensiver Prozess (Foto: Kerstin Koch/World Vision)

Neben einer groß angelegten statistischen Haushaltsbefragung befragen sie die unterschiedlichen Akteure und Gruppen (Frauen, Männer, Kinder, traditionelle und religiöse Führungspersönlichkeiten, Lehrer, Krankenschwester, etc.) zu den einzelnen Projekten.

Es geht darum herausfinden, welche Veränderungen zum Beispiel im Gesundheits- oder Bildungsbereich dank unserer Maßnahmen in den letzten Jahren stattgefunden haben und wie diese von den Bewohnern bewertet werden.

An einem unserer letzten Tage planten wir ein Treffen mit einer Spargruppe aus Baoma Kpenge. Sie war vor vier Jahren von World Vision ins Leben gerufen worden – Menschen mit Behinderung hatten sich in ihr zusammengeschlossen, um sich gegenseitig gemeinsam finanziell abzusichern.

An diesem Morgen erwartete uns eine große Überraschung: Mitglieder zahlreicher weiterer Spargruppen waren angereist, um uns ihre Geschichte mitzuteilen. Mitten in der Nacht hatten sie ihr Dorf verlassen und viele Meilen zu Fuß zurückgelegt, um pünktlich an der Gruppendiskussion teilnehmen zu können.

Dieses Engagement berührte uns sehr, doch mehr noch was sie uns zu erzählen hatten: Mit großer Begeisterung beschrieben sie den Erfolg der Spargruppen in ihren Dörfern. Sie hatten sehr zur Verbesserung der Lebensverhältnisse der Familien beigetragen.

Spargruppen können prekäre Lebenssituationen absichern: Blindes Mitglied einer Spargruppe (Foto: Kerstin Koch/World Vision)

Spargruppen können prekäre Lebenssituationen absichern: Blindes Mitglied einer Spargruppe (Foto: Kerstin Koch/World Vision)

Vor vier Jahren wurden vier Pilotgruppen mit jeweils 25 bis 30 Mitgliedern von einem Kollegen von World Vision Deutschland und einem Berater aus Ghana gegründet und trainiert. Im gesamten Projektgebiet gibt es bis heute nicht eine Mikrofinanzinstitution, sodass die Bewohner keine Möglichkeiten haben, an Kredite zu kommen. Die Voraussetzungen, sich wirtschaftlich weiter zu entwickeln, indem man zum Beispiel ein kleines Gewerbe startet, sind also schlecht.

Das World Vision Projektmodell sieht eine Schulung zur Funktionsweise der Spargruppen sowie zu Verwaltungs- und Managementkenntnissen vor. Im Anschluss erhalten die Mitglieder eine abschließbare Metallkasse für ihre Ersparnisse. Die drei dazugehörigen Schlüssel werden an drei unterschiedliche Mitglieder verteilt.

Jede Gruppe bestimmt einen Spargruppenleiter, Sekretäre, einen Buchhalter, Kassenführer und Schatzmeister. Ein monatlicher Sparbeitrag und andere Regelungen werden festgehalten.

Jeden Monat versammeln sich die Mitglieder zu einem Treffen, bei dem die Beiträge eingesammelt werden, über Kreditvergabe und die Höhe der Kredite oder auch den Einsatz des Notfallfonds entschieden wird. Der Notfallfonds kann im Falle von Krankheiten, Katastrophen oder sozialen Ereignissen, wie einer Beerdigung, die in Sierra Leone meist mit hohen Kosten für Angehörige verbunden ist, eingesetzt werden. Ob ein Beitrag aus diesem Fonds als Geschenk oder Kredit vergeben wird, entscheidet die Spargruppen gemeinschaftlich. Vertrauen und Verantwortung sind hier die entscheidenden Kriterien.

Schon Kinder bekommen hier mit, wie wichtig es ist, Reserven auf die Seite zu legen (Foto: Kerstin Koch/World Vision)

Schon Kinder bekommen hier mit, wie wichtig es ist, Reserven auf die Seite zu legen (Foto: Kerstin Koch/World Vision)

Im Projektgebiet Ngoyila sparen die meisten Gruppen pro Mitglied monatlich 5.000 Leones, was etwas weniger als einem Euro entspricht, 2.000 weitere kommen in den Notfallfonds. Auch Einnahmen werden erzielt: Wer einen Kredit über 10.000 Leones aufnimmt, muss im nächsten Monat 12.500 zurückzahlen, wer unentschuldigt fehlt, zahlt 10 bis 20 Cent in die Kasse.

Nach einem Jahr werden alle Ersparnisse inklusive der zusätzlichen Einnahmen an die Mitglieder verteilt.

Die Beträge mögen für uns noch so klein erscheinen, die Wirkung ist beeindruckend: Mit den Krediten haben die Familien nun die Möglichkeit, auch bei finanziellen Engpässen Zugang zur gesundheitlichen Versorgung zu erhalten oder in die Bildung ihrer Kinder (Schulmaterialien, Schuluniformen, etc.) zu investieren.

„Bevor es Spargruppen gab, haben wir bei Freunden und Bekannten Geld geliehen. Für 20.000 Leones verlangten sie als Kreditzinsen einen Kanister Palmöl im Wert von 80.000 Leones! Kaum einer hat es geschafft dieser Forderung nachzukommen, was oftmals zu Bestrafungen durch den Dorfchef führte“, erklärte uns eine Frau.

Im Vergleich zu den 25%, die die Spargruppen verlangen, lagen diese privaten Kreditzinsen bei 400 %.

Spargruppen stärken auch die Position der Frauen in Sierra Leone. Dank der Schulungen sind viele Frauen in finanziellen Fragen sehr viel unabhängiger und selbständiger als vorher. Sie nehmen Kredite auf, treten mit Händlern in Kontakt, handeln mit Fisch und Palmöl und können somit zur Erhöhung des Haushaltseinkommens beitragen.

“Today our women are speaking and taking decisions which brings love and unity in our homes”, sagte ein Spargruppenmitglied voller Stolz.

Die Spargruppen haben also neben dem gemeinschaftlichen Engagement zur Verbesserung der Lebensverhältnisse einen wichtigen Beitrag zum Empowerment der Frauen geleistet.

Das Konzept fand so großen Anklang, dass auch andere Gruppen in gleichen oder angrenzenden Dörfern gegründet wurden und von den Mitgliedern der bereits bestehenden trainiert wurden. Aus den vier Spargruppen sind bis heute insgesamt 14 geworden – und somit ein anschauliches Beispiel dafür, wie Hilfe zur Selbsthilfe Kreise ziehen kann.

Das Know How wurde schnell übernommen, nur neue Kassen konnten den neuen Gruppen leider nicht zur Verfügung gestellt werden, weshalb sich derzeit bis zu vier Gruppen eine Kasse teilen. Die Mitglieder haben den weiten mühsamen Weg aufgenommen, um uns von ihren Erfolgen zu berichten und zugleich um Unterstützung zu bitten: Die Gruppen haben noch Großes vor! Sie wollen sich weiterentwickeln, höhere Kredite aufnehmen, im Bereich Landwirtschaft investieren, manche wollen sich zu Genossenschaften zusammenschließen mit dem Ziel, ihr Einkommen abzusichern und zu steigern.

Herzlich aufgenommen: Kerstin Koch und Thorsten Bär (hinten) im Kreise der KollegInnen (Foto: World Vision)

Herzlich aufgenommen: Kerstin Koch und Thorsten Bär (hinten) im Kreise der KollegInnen (Foto: World Vision)

Diese Begegnung war ein schöner Abschluss unserer Reise, denn die Menschen sind sehr motiviert. Sie bringen gute Ideen und Engagement mit.

World Vision Sierra Leone und World Vision Deutschland wissen, wie wichtig solche Ansätze und Gruppen für die wirtschaftliche Entwicklung der Dörfer sind. Es ist uns ein großes Anliegen, die Gründung weiterer Spargruppen in Sierra Leone und anderen Ländern zu fördern sowie unsere Spargruppen aus Ngoyila auf ihrem weiteren Weg in ein unabhängigeres und besseres Leben zu unterstützen.

Kerstin KochKerstin Koch ist Projektreferentin für mehrere afrikanische Länder, u.a. für Sierra Leone, bei World Vision Deutschland.

Wollen Sie das Projekt Ngoyila unterstützen? Patenkinder suchen dort noch UnterstützerInnen für ihre Familien und ihr Dorf!

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2 Kommentare

  1. Claire Balvenie, 17. Mai 2014

    Sehr interessantes Konzept. Gerade wo Nachhaltigkeit in Mode gekommen ist, ist es richtig in solchen Regionen diese Art von Krediten anzubieten. Zum einen sind die Darlehen für westliche Begriffe klein, zum anderen kann man mit diesen kleinen Krediten viel bewirken. Super Sache!

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