Zelt an Zelt mit südsudanesischen Flüchtlingen – eine Woche als Humanitäre Helferin im Flüchtlingslager Malakal

Hilfseinsatz im Matsch: Nothilfekoordinatorin Katharina Witkowski im Flüchtlingslager Malakal, Südsudan (Foto: World Vision)

Als Mitarbeiter von World Vision berichten wir oft über unsere Arbeit. Dabei stehen die Projekte und die Menschen, die wir unterstützen im Mittelpunkt. Doch die vergangene Woche im Flüchtlingslager in Malakal hat mich zum Nachdenken gebracht - darüber, warum viele von uns den Beruf als Humanitäre Helfer gewählt haben, unter welchen Bedingungen wir oft leben und welchen Einfluss diese Arbeit auf unser Leben hat.

Vor Beginn der gewaltsamen Auseinandersetzungen im Dezember war Malakal an Nil eine blühende Stadt mit Schulen, einem großen Markt, Kirchen und unserem World Vision Büro, in dem auch unser größtenteils einheimisches Team wohnte. Als kurz vor Weihnachten die Stadt unter schwerem Beschuss von Oppositionsgruppen eingenommen wurden, Menschen umgebracht, Häuser in Brand gesteckt wurden, rannten unser Mitarbeiter gemeinsam mit anderen Einwohnern der Stadt um ihr Leben, um auf dem Gelände der UN-Truppen Schutz zu suchen. Viele verloren in dieser Zeit ihre Häuser und Wohnungen.

Während der Kämpfe wurde auch das World Vision Büro in der Stadt ausgeraubt und zerstört. Heute, ein halbes Jahr später, ist das UN- Gelände zu einem überfüllten Flüchtlingslager geworden, und zu unserem neuen Zuhause – ein Ort, an dem wir leben und arbeiten.

Jeder Quadratzentimeter ist belegt

Im Flüchtlingslager in Malakal wohnen wir jetzt Zelt an Zelt mit den südsudanesischen Flüchtlingen. Als ich in Malakal ankomme, wird mir stolz mein neues Zuhause für die kommende Woche präsentiert: ein kleines Zelt zwischen unserer Kochstelle und den Kartons, in denen unsere Reisvorräte lagern. Kaum ein Zentimeter Boden ist frei – wo ich auch hinschaue, sehe ich Zelte, Wassercontainer, Drucker, Lebensmittelvorräte, Plastikstühle. Ein Büro oder Lagerhaus haben wir nicht. Wir arbeiten in unseren Zelten, und wenn es tagsüber zu heiß wird, gibt es zwischen den Zelten einen Plastiktisch an den man sich setzen kann und der als Büro dient.

Am ersten Morgen erwache ich durch das Geklapper der Kochtöpfe neben meinem Zelt – unsere Köchin bereitet Reis und Tee zum Frühstück vor. Eine Stunde später hat sich unser Team zwischen den Zelten versammelt. Wir besprechen den Tag: Heute führt World Vision eine Lebensmittelverteilung für die knapp 19.000 Flüchtlinge im Lager durch, die Bauarbeiten an den Latrinen müssen kontrolliert werden, die Lieferung der Wasserentkeimungstabletten aus der Hauptstadt Juba muss entgegen genommen werden, unser Boot, mit dem wir über den Nil das nächste Dorf erreichen, ist noch nicht mit den Medikamenten bepackt, die wir in den Gemeinden verteilen möchten, und ein Treffen mit anderen Hilfsorganisationen steht an, um gemeinsame Aktivitäten zur Vorbeugung von Cholera zu koordinieren.

Die Versorgung der 19.000 Flüchtlinge mit Lebensmitteln dauert fast einen ganzen Tag (Foto: Katharina Witkowski/World Vision)

Die Versorgung der 19.000 Flüchtlinge mit Lebensmitteln dauert fast einen ganzen Tag (Foto: Katharina Witkowski/World Vision)

Reis zum Frühstück, Mittagessen, Abendessen

Wir teilen uns auf und brechen in verschiedene Richtungen im Lager auf. Da es hier kein Handynetz oder W-Lan gibt, kommunizieren wir über Funkgeräte und Satellitentelefone, um uns tagsüber auf dem Laufenden zu halten. Um 11:30 Uhr ist das Thermometer bereits bei 43 Grad angelangt, und ich mache an unserem Zeltlager kurz Pause, um mich zu stärken – es gibt Reis und rote Bohnen. Zeit zum Verschnaufen bleibt wenig, denn ich muss zurück zur Lebensmittelverteilung: Die Flüchtlinge warten stundenlang und geduldig in der brennenden Sonne. Erst am späten Abend sind wir fertig – wir konnten alle 19.000 Menschen mit Essen versorgen.

Auftrag erledigt, vorerst kein Hunger: Gemeinsam mit den Kollegen nach der Lebensmittelverteilung (Foto: World Vision)

Auftrag erledigt, vorerst kein Hunger: Gemeinsam mit den Kollegen nach der Lebensmittelverteilung (Foto: World Vision)

Nach einem langen und anstrengenden Tag freue ich mich auf eine Dusche. Meine Kollegen erzählen mir, dass das Duschen hier wie ein Glückspiel ist: An manchen Tagen gibt es Wasser, dann fällt es wieder tagelang aus. Heute ist einer dieser Tage. Und obwohl es bereits dunkel ist, ist er für uns noch nicht zu Ende. Zum Abendessen gibt es, was vom Mittagessen übrig geblieben ist, wir besprechen den Tag und planen den nächsten. Dann arbeitet jeder eifrig an seinem Computer. Um Mitternacht fallen wir alle müde in unsere Zelte.

Pitschnass an die Arbeit

Am kommenden Tag wollen wir nach Kodok, einen weiteren Ort am Nil, in dem 20.000 Flüchtlinge leben und wo World Vision ebenfalls mit einem Hilfsprojekt präsent ist. Da gerade Regenzeit ist und die Straßen nicht passierbar sind, nutzen wir unser Boot. Nach etwa einer halben Stunde auf dem Nil ziehen sich Wolken über uns zusammen.

Wir beladen unser Boot mit Medikamenten, um diese zur nächsten Gemeinde in das 1.5 Stunden entfernte Kodok zu bringen (Foto: Katharina Witkowski/World Vision)

Wir beladen unser Boot mit Medikamenten, um diese zur nächsten Gemeinde in das 1.5 Stunden entfernte Kodok zu bringen (Foto: Katharina Witkowski/World Vision)

Binnen Sekunden wird es dunkel, ein gewaltiger Regenschauer kommt herab. Wir sind ihm schutzlos ausgesetzt, und als wir nach einer Stunde endlich in Kodok ankommen, ist unser Boot mit Wasser vollgelaufen. Wir sind bis auf die Knochen nass. Wir wärmen uns kurz mit einem Tee auf und machen uns direkt an die Arbeit: Eine Filteranlage muss angeschlossen werden, die es den Gemeinden erlaubt, das Wasser aus dem Fluss zu filtern, bevor es zum Trinken oder Kochen genutzt wird.

Ein Sturm zieht über uns auf, als wir auf dem Nil sind (Foto: Katharina Witkowski/World Vision)

Ein Sturm zieht über uns auf, als wir auf dem Nil sind (Foto: Katharina Witkowski/World Vision)

Als wir am frühen Abend wieder im Flüchtlingslager in Malakal ankommen, haben sich die Wege zwischen den Zelten durch den Regen zu wadentiefen Schlammmassen verwandelt. Überall schwimmen Fäkalien. Wir kämpfen uns durch den Matsch – die Flüchtlinge laufen alle barfuß.

Knietief steht ein stinkender Morast im Lager Malakal - die Kinder gehen barfuß (Foto: Katharina Witkowski/World Vision)

Knietief steht ein stinkender Morast im Lager Malakal – die Kinder gehen barfuß (Foto: Katharina Witkowski/World Vision)

Vom Glück einer heißen Dusche

Die Woche ist mit Arbeit von Sonnenaufgang bis spät in die Nacht gefüllt, und neue Herausforderungen und Probleme warten an jeder Ecke. Als ich nach einer guten Woche zurück nach Juba fliege, in unser Landesbüro, wo ich als Koordinatorin unseren Hilfseinsatz plane und organisiere, bleiben meine Kollegen zurück. An diesem Abend weiß ich meine warme Mahlzeit, die heiße Dusche und das eigene Bett sehr zu schätzen – sicherlich mehr als zuvor – und ich denke an mein Team in Malakal und die Verhältnisse, in denen meine Kollegen leben – ohne festes Dach überm Kopf, mit einem ständigen Hungergefühl im Bauch und knappem Wasser, ohne medizinische Versorgung, mit einem harten langen Arbeitstag, ohne Privatsphäre und Privatleben. Die eigene Familie sieht man monatelang nicht, und ohne Internet ist es sehr schwer für unsere Kollegen, Kontakt mit ihren Liebsten zu halten.

Gummistiefel - derzeit das einzige Privileg der humanitären Helfer (Foto: Katharina Witkoswki)

Gummistiefel – derzeit das einzige Privileg der humanitären Helfer (Foto: Katharina Witkoswki)

Ich denke darüber nach, warum viele von uns diesen Lebensweg gewählt haben und warum wir einen so großen Teil unseres Lebens aufgeben, um Menschen an solchen Orten und unter solchen Umständen zu helfen. Welche Motivation steckt dahinter? Ich kann diese Frage nicht beantworten, aber ich weiß, dass viele von uns all diese Dinge auf sich nehmen, weil wir aus tiefsten Herzen daran glauben, dass wir mit unserer Arbeit etwas an der Situation ändern können – mögen uns noch so viele Steine in den Weg gelegt werden.

Und am Ende des Tages bin ich unglaublich stolz auf unser so hart arbeitendes Team in Malakal – mein nächster Flug ist schon gebucht.

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Matsch, Hitze, Gestank: Die Flüchtlinge, die sich das antun, fürchten außerhalb des Lagers um ihr Leben (Foto: Katharina Witkowski/World Vision)

Katharina Witkoswki ist derzeit als Nothilfekoordinatorin für World Vision in Südsudan im Einsatz. Von dort aus bloggt sie regelmäßig für uns.

Die Menschen Südsudan benötigen dringend Unterstützung. Die Lage in Flüchtlingslagern wie Malakal ist katastrophal – es fehlt an Lebensmitteln, Wasser, sanitären Anlagen, Gesundheitsversorgung. World Vision, Vereinte Nationen und andere Organisationen warnen außerdem vor einer drohenden Hungersnot – bereits jetzt sind in Südsudan 50.000 Kinder lebensgefährlich unterernährt. So können Sie helfen.

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