Was ich beim Tsunami gelernt habe – Rückblick eines Helfers in Ost-Sri Lanka

Clarence Sutharsan gehörte zu den World Vision-Helfern, die während der Tsunami-Katastrophe schon in der Küstenregion von Srik Lanka arbeiteten und trotz eigener Betroffenheit sofort helfen konnte. Er sie brachten unter anderem 30 verletzte Kinder ins Krankenhaus und beherbergten obdachlos gewordene Familien in ihrem Büro in Tirukkovil. Das am 30. Dezember 2004 entstandene Foto zeigt Clarence im Gespräch mit der  12jährigen Jaganathan, die als Patenkind bereits in einem Kinderclub von World Vision mitarbeitete und durch den Tsunami sowohl ihre Schwester als auch ihr Zuhause verlor. Foto: Jon Warren/ World Vision

Heute werden bei vielen von uns Erinnerungen an die Tsunami-Katastrophe vor 10 Jahren wach und wir gedenken der vielen Opfer. Clarence Sutharsan gehörte in Sri Lanka zu den Helfern der ersten Stunde. Auch er hat Bilder im Kopf, die er nicht vergessen kann - aus traurigen und glücklichen Momenten. Seine heutige Arbeit im Dienst von Katastrophenopfern und Menschen mit Wasser-Problemen wäre aber ohne die Erfahrungen aus der Tsunami-Hilfe nicht denkbar. Lesen Sie Auszüge aus einem Gespräch mit ihm.

Die Tsunami-Katastrophe traf die meisten Bewohner der Küsten im Indischen Ozean völlig unvorbereitet. Wie erging es dir?

Der Tsunami war meine erste Erfahrung mit einer sehr großen Naturkatastrophe. Ich arbeitete im Osten von Sri Lanka, als es passierte. Die ersten Berichte gaben uns noch kein Bild von dem massiven Ausmaß der Katastrophe. Ich dachte zuerst nur die Ost-Provinz sei betroffen, aber die Tsunami-Wellen hatten 9 Küsten-Distrikte vom Norden bis zum Süden und Südwesten erfasst.

Wie hast du auf die Berichte reagiert?

Es gab so viele Tote im Osten. Ich erinnere mich, dass ich anfangs nicht wusste, was ich zuerst tun sollte und mich so hilflos fühlte. Ich konnte kaum an die nächsten Schritte denken. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich vom ersten Schock erholt hatte.

Welche Vorteile hatte es für die Tsunami-Opfer, dass World Vision schon vor Ort war?

Wir waren mancherorts die ersten die Hilfe brachten. Wir haben damit begonnen, Menschen aus beschädigten Häusern zu evakuieren und Tote zu bergen. Manche Familien konnten nicht heraus aus ihrem Ort, weil die Straßen kaput und Brücken gebrochen waren. Selbst Rettungskräfte der Regierung kamen nicht überall durch, aber unsere Mitarbeiter schafften es mit World Vision-Geländewagen solche Orte zu erreichen und Kinder wie auch erwachsene in Sicherheit zu bringen. Ich weiß, dass wir in den ersten Tagen viele Leben retten konnten und das hat mich damals persönlich glücklich gemacht.

Einige Familien brachten wir in unseren Häusern und in unserem Büro unter, bis wir einen sicheren Platz für sie gefunden hatten. World Vision war auch die erste Organisation, die in der Region  gekochte Mahlzeiten und Trinkwasser ausgab.

Gab es ein Erlebnis, das dich sehr berührte und nachwirkte?

Es gab so viele. Unmittelbar vor der Tsunami-Katastrophe, leisteten wir Nothilfe wegen Überschwemmungen in Batticaloa und Pottuvil. Am 25. Dezember war unser Team ziemlich erschöpft. Ich schlug vor, dass wir den nächsten tag freinahmen und die Verteilungen am 27. Dezember fortsetzen. Deshalb lagerten wir die verliebenen Nahrungsmittel und Trinkwasser-Vorräte in einem Gemeindezentrum in Thandiyadi und gingen heim. Am nächsten Morgen kam der Tsunami. Die Wassermassen radierten ganze Dörfer aus. Aber irgendwie hielt das Gemeindezentrum in Thandiyadi den Wellen stand und viele Menschen konnten sich retten, indem sie auf sein Dach kletterten. Die Lagervorräte blieben unbeschädigt, und als die Leute in der Umgebung in den nächsten Tagen auf Hilfslieferungen angewiesen waren, konnten wir Ihnen unsere Nahrungsmittel und unser Wasser geben. Es war genug für alle da. Ich hatte den Eindruck, dass Gott uns vorbereitet hat.

Welche Erfahrung hat dich am meisten schockiert?

Ich sah aus dem fahrenden Auto einen Mann ziellos auf der Straße laufen. Er trug keine Kleidung, aber presste etwas auf seinen Armen fest an sich. Es war der tote Körper seines Sohnes. Ich konnte sehen, dass er unter so großem Schock und in so großem Schmerz erstarrt war, dass er nicht sprechen konnte und sich auch nicht seiner Nacktheit bewusst war. Diesen Anblick werde ich nie vergessen. Wir gaben ihm Kleidung, halfen ihm in unser Auto und brachten ihn zu einem Krankenhaus, wo wir ihn auch zur Behandlung anmelden konnten.

Wie ging es den World Vision-Mitarbeitern während des Nothilfe-Einsatzes?

Besonders für die Mitarbeiter im Osten war die Tsunami-Katastrophe eine schwierige Herausforderung. Wenn wir Tote bargen oder Massenbegräbnisse mit ansehen mussten, kämpften wir mit unserem Gefühlen und fühlten uns manchmal wie gelähmt. Jeder von uns hatte entweder Betroffene in der eigenen Familie oder kannte jemanden, den es getroffen hatte. Einige hatten Familienangehörige verloren und andere ihre Häuser. Es dauerte, bis wir mit unseren Verlusten klar kamen und uns auf die Nothilfe-Arbeit konzentrieren konnten. Es war manchmal ein innerer Kampf.

Einer unserer Mitarbeiter verlor zum Beispiel seine Tochter und seine Mutter. Sie waren nach der ersten Welle im Begriff zu evakuieren, als die zweite Welle sie erfasste. Seine Tochter war genauso alt wie mein Sohn. Nirgendwo konnte man einen Sarg kaufen. Deshalb nahmen sie die Holzläden ihrer Fenster und machten daraus einen Sarg für ihre Tochter.

Was war deiner Ansicht nach die wichtigste Lektion, die WV bei der Tsunami-Katastrophe gelernt hat?

Vor dem Tsunami hatten wir einen viel engeren Blickwinkel und waren in unserer Arbeit auf bestimmte Themen fokussiert. Die vielfältigen Nöte nach der Katastrophe, der große Einsatz und die jahrelange Wiederaufbauarbeit haben unsere Sicht verändert und uns auch viel neues Wissen auf verschiedenen technischen Gebieten eingebracht, uns also fähiger gemacht auf Katastrophen zu reagieren. Wir sind jetzt gut vorbereitet für Katastrophenhilfe. Wir haben unter anderem viel dazu gelernt im Hinblick auf Vertragsmanagement und die Zusammenarbeit mit Partnern. Wir bekamen auch viel Gelegenheit mit Menschen aus verschiedenen Kulturen eng zusammen zu arbeiten.

Im März 2005 besuchten Clarence Sutharson und Rich Stearns von World Vision USA Ruinen in Navaldy, wo mehr als 700 Menschen bei der Tsunami-Katastrophe starben.

Im März 2005 besuchten Clarence Sutharson und Rich Stearns von World Vision USA Ruinen in Navaldy, wo mehr als 700 Menschen bei der Tsunami-Katastrophe starben.

Bei mir persönlich haben die Tsunami-Hilfsprojekte auch eine Wende in meiner beruflichen Laufbahn gebracht. Ich arbeitete mich in das Thema Wasser-und Sanitärversorgung ein und wurde zum WASH-Experten.

Wie sieht es heute in deinen ehemaligen Einsatz-Gebieten an der Ostküste aus?

Ich habe die Region kürzlich besucht und war auch an einigen Orten, an denen wir nach Tsunami-Zerstörungen Hilfe leisteten. Ich traf auch Bewohner dieser Orte. Zehn Jahre nach der Katastrophe sieht es dort jetzt ganz anders aus. Es gibt Entwicklung und die Bäume, die World Vision mit den Bewohnern an der Küste gepflanzt hat, sind groß geworden. Vieles ist neu, aber die Gefühle der Leute World Vision gegenüber sind dieselben geblieben.

Vor zehn Jahren zerstörte der Tsunami die Schule dieser Mädchen in Ost-Sri Lanka. World Vision baute sie mit Spenden neu auf.  Insgesamt haben rund 72.000 Kinder an 80 Schulen und Vorschulen in Sri Lanka von unserer Tsunami-Hilfe profituert.

Vor zehn Jahren zerstörte der Tsunami die Schule dieser Mädchen in Ost-Sri Lanka. World Vision baute sie mit Spenden neu auf. Insgesamt haben rund 72.000 Kinder an 80 Schulen und Vorschulen in Sri Lanka von unserer Tsunami-Hilfe profitiert.

 

Zur Person:

Clarence Sutharsan  arbeitet seit 1988 bei World Vision. Der einstige Buchhalter hat im Laufe der vielen Jahre viele Entwicklungsprojekte geleitet, schwerpunktmäßig im Osten des Landes. Nach der Tsunami-Katastrophe war er für Nothilfe-und Wiederaufbauprojekte an der Ostküste verantwortlich und hat seither seine Erfahrungen in mehreren Katastrophenhilfe-Einsätzen eingebracht, auch während der letzten Jahre des Bürgerkriegs in der Flüchtlingshilfe, zuletzt auch nach Taifun Haiyan auf den Philippinen. Aktuell leitet er ein von der australischen Regierung finanziertes Wasser-und Hygiene-Programm für ländliche Regionen.

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